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    Cleanskin - Bis zum Anschlag
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Cleanskin - Bis zum Anschlag
    Von Robert Cherkowski
    Manchmal scheint es, als wäre das gute alte B-Movie, ein Relikt aus den goldenen Tagen Hollywoods, ein für alle Mal gestorben. Wo früher im Schatten eines teuren A-Films mit großen Stars die billigen kleinen Genre-Produktionen florierten, die durch das geringere finanzielle Risiko mehr Freiheiten für die Filmemacher mit sich brachten, scheinen heute nur noch die großen Event-Blockbuster im Fokus der Studiopolitik zu stehen. Doch noch sind Geist und Tradition des B-Movies lebendig, vor allem auf unserer Seite des großen Teichs. Das zeigt der Franzose Luc Besson in schöner Regelmäßigkeit mit dreckigen kleinen Reißern und auch aus Großbritannien kommen immer wieder echte Knaller. Da wurde mit „Harry Brown" dem klassischen Selbstjustizschocker gefrönt, in „The Veteran" der Krieg gegen den Terror in die Vororte Londons verlegt oder in „Kill List" der britische Gangsterfilm mit fiesem Okkult-Horror gemixt. Und nun geht Sean Bean gegen Schläfer-Terroristen im eigenen Land vor – in Hadi Hajaigs „Cleanskin – Bis zum Anschlag", einem zielstrebigen und düsteren Thriller der alten Schule.

    Bei einem Angriff auf einen Waffenhändler, den der desillusionierte Regierungsagent Ewan (Sean Bean) eigentlich hätte beschützen sollen, wird ein stolzer Vorrat des Plastiksprengstoffs Semtex gestohlen. Der fanatische doch unauffällige Ash (Abhin Galeya) plant, mit dieser beute eine Anschlagsserie durchzuführen. Ewan, der sich seit seinem Versagen mit den Anfeindungen seiner Chefs herumplagen muss, bekommt von seiner direkten Vorgesetzten Charlotte McQueen (Charlotte Rampling) eine zweite Chance: Sie gibt ihm freie Hand, die Terrorzelle aufzuspüren und die Verschwörer dingfest oder unschädlich zu machen. Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, bei dem Ewan schließlich die Glacéhandschuhe ablegt: Bald sind sich Terroristen und Staat in ihren Methoden erschreckend ähnlich...

    Was hebt einen guten B-Reißer vom Edeltrash ab? Da wären etwa herausfordernd ambivalente Protagonisten wie Sean Beans Ewan, der sich im fiesesten Liam-Neeson-Modus durch die Szenerie pflügt und ganz bewusst nicht als Sympathieträger angelegt ist. Ohnehin gibt es hier keine Zugeständnisse an die politische Korrektheit, ohne dass das im Umkehrschluss aber mangelnde Seriosität zu bedeuten hätte – natürlich ist „Cleanskin" kein „Syriana" und auch kein „Fair Game", aber hier geht es eben nicht darum, das breite Themenfeld Terrorismus sachlich und differenziert abzudecken. Hadi Hajaig („Puritan") inszeniert keine Geschichtsstunde, sondern richtet sich an ein hartgesottenes Genre-Publikum. Ganz in diesem Sinne ist „Cleanskin" dramaturgisch ausgesprochen straff und zielstrebig gehalten. Doch nebenbei wirft Hajaig durchaus auch ein grelles Schlaglicht auf aktuelle politische Fragen wie etwa die nach den angemessenen Mitteln im Anti-Terror-Kampf – nicht zuletzt durch seine aufpeitschende Gewaltdarstellung.

    Stilsicher verneigt sich Regisseur Hajaig mit „Cleanskin" vor dem Paranoiakino der 70er – eine Zeit, in der Geschichten wie diese noch ein richtig böses Ende nehmen durften. Dazu sind wie in Jean-Pierre Melvilles „Armee im Schatten" oder in Fred Zinnemanns „Der Schakal" die Fronten zwischen Gut und Böse auch in „Cleanskin" nur scheinbar geklärt und die Methoden beider Parteien werden immer fragwürdiger. Selbst Siege bleiben in dieser scheinbar unaufhaltsamen Gewaltspirale nur blasse Episoden. Hier scheint keine Partei mehr an die eigene ideologische Überlegenheit zu glauben. Stattdessen sieht man auf allen Seiten verhärmte Soldaten, die ihre Moral längst an den Nagel gehängt haben. Auch Ewan schlägt und schießt ganz nach Art von Kiefer Sutherlands Agent Jack Bauer in der TV-Serie „24" kompromiss- und rücksichtslos um sich.

    In der Welt von „Cleanskin", die unserer Realität unangenehm ähnelt, ist es bereits fünf nach zwölf. Auch Ewans Vorgesetzte Charlotte McQueen hat die Chancenlosigkeit ihrer Anstrengungen längst begriffen und Charlotte Rampling („Swimming Pool") legt die Rolle nahezu sinnbildlich depressiv an. Sie kann all die Katastrophen nur aufschieben und erwartet, irgendwann selbst von dem Strudel der Gewalt mitgerissen zu werden. Auch wenn es hier gelegentlich knallrot an die Wände spritzt, ist die bestimmende Farbe konsequenterweise Grau. Nicht nur der Antiheld läuft mit eingefallenem Gesicht und trübem Blick durch ein fad-farbloses London – auch die moralische Landkarte aller Beteiligten wurde so oft verwischt und zerknittert, dass kaum noch Konturen zu sehen sind. Ein Mitfiebern mit Ewan ist nur dank Sean Beans („Der Herr der Ringe – Die Gefährten") gewohnt nuanciertem und mehrdimensionalem Spiel überhaupt möglich. Immer wieder zeigt der so grimmig-entschlossene Ewan dann auch Schauder und Zweifel – und damit Reste von echter Menschlichkeit. Wie sein Protagonist hat „Cleanskin" raue Ecken und Kanten – und ist auf seine pragmatisch-düstere Art eines der B-Movie-Highlights des Filmjahres.

    Fazit: Mit „Cleanskin - Bis zum Anschlag" ist Hadi Hajaid eine knüppelharte B-Movie-Perle geglückt, die nicht nur mit stilsicherer Erzählökonomie glänzt, sondern auch mit einer gruseligen Abgeklärtheit erschüttert, wie man sie im Mainstreamkino nicht oft erlebt.
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