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    Lost River
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Lost River
    Von Sascha Westphal
    Der legendäre Schauspieler Charles Laughton hat nur einen einzigen Film als Regisseur realisiert: „Die Nacht des Jägers“, ein düsteres Stück Americana, in dem die Grenzen zwischen Albtraum und Realität, Märchen und Thriller immer stärker verwischen. Als dieses grandiose, vom expressionistischen Stummfilm wie vom Film noir der 1940er Jahre beeinflusste Erstlingswerk 1955 in die Kinos kam, reagierte die Öffentlichkeit größten Teils mit Ablehnung und Unverständnis. Erst Jahr(zehnt)e später wurde dieser singuläre Film von einem größeren Kreis von Cinephilen wiederentdeckt und angemessen gewürdigt. Es wäre wahrscheinlich etwas vermessen zu sagen, dass genau dieses Schicksal nun einem anderen Regiedebüt eines Schauspielers beschieden sein wird. Aber es gibt schon auffällige Gemeinsamkeiten zwischen „Die Nacht des Jägers“ und Ryan Goslings erster Regiearbeit „Lost River“. Auch dieses bizarre, sich kaum um klassische Erzählkonventionen scherende Filmmärchen ist bisher auf wenig Zustimmung gestoßen. Schon bei seiner Premiere in Cannes im Mai 2014 herrschten vor allem Enttäuschung und Verärgerung vor. Seither gilt Goslings Debüt hinter der Kamera als gescheitert. Doch wie Laughtons Meisterwerk besticht auch „Lost River“ durch eine extrem eigenwillige Atmosphäre, die eine Welt zwischen Traum und Wachen heraufbeschwört.

    Zwei Geschichten, ganz eng miteinander verbunden, und doch verlaufen sie lange Zeit eher parallel nebeneinander her: Die eine handelt von Billy (Christina Hendricks), einer arbeitslosen zweifachen Mutter, die kurz davorsteht, ihr kleines Haus irgendwo an Detroits Peripherie zu verlieren. Die Zinsen für die Hypothek sind einfach zu stark gestiegen, nun droht die Zwangsversteigerung. Um zu retten, was noch zu retten ist, wendet sie sich an Dave (Ben Mendelsohn), den neuen Manager in ihrer Bank, und der erzählt ihr von seinem neuen Nachtclub, in dem Frauen wie sie sich etwas dazuverdienen können. Die zweite Erzählung kreist um Bones (Iain De Caestecker), Billys älteren, fast schon erwachsenen Sohn, der auf seine Weise versucht, die Familie und das Haus zu retten. Tag für Tag verbringt er in den verlassenen Häusern und Fabriken der Umgebung, auf der Suche nach allem, was sich zu Geld machen lässt. So erregt er schließlich auch die Aufmerksamkeit des größenwahnsinnigen und extrem rachsüchtigen Gangsters Bully (Matt Smith), der ihn fortan erbarmungslos jagt.


    Diese beiden Handlungsstränge, die Ryan Gosling assoziativ miteinander verwebt, ohne ihnen allzu große Aufmerksamkeit zu widmen, wachsen ohne Zweifel auf dem Boden der alltäglichen Realität in den Vereinigten Staaten. Es muss zahllose Familien wie die von Billy und Bones geben. All die Hypotheken, die von den Banken an Menschen vergeben wurden, die sich dieses vermeintlich billige Geld nie leisten konnten, und schließlich der große Crash haben nicht nur in Detroit ganze Stadtteile mehr oder weniger in Geisterviertel verwandelt. Der kalkulierte Wahnsinn dieses Geschäfts mit Existenzen ist für Gosling der ideale Ausgangspunkt für eine Höllenvision von Amerika, in der sich Kunst und Trash, David-Lynch-Kino und B-Movies auf atemberaubende Weise mischen. Dieses dunkle, bitterböse Märchen aus den verfallenden Straßen von Detroit schickt einen auf einen Trip durch die Hölle. In Bildern, die in ihrer Intensität zuweilen an die großen Meisterwerke der flämischen Malerei erinnern, breitet Gosling ein amerikanisches Abtraum-Panorama aus.

    Ryan Gosling bedient sich geradezu schamlos bei David Lynchs „Blue Velvet“. Und einige seiner in flammendes Rot und kaltes Nachtblau getauchten Bilder könnten so auch aus den Filmen von Nicolas Winding Refn stammen, mit dem Gosling „Drive“ und „Only God Forgives“ gedreht hat. Der zum Autor und Regisseur gewordene Schauspieler macht aus seinen Vorbildern kein Geheimnis. Warum sollte er auch? Schließlich stehen Lynch und Winding Refn genauso wie Charles Laughton für eine Kompromisslosigkeit und Radikalität, nach denen auch Gosling strebt. Er biedert sich nicht einen Moment lang bei seinem Publikum an und lädt es vielmehr ein, mit ihm in eine Welt einzutauchen, die so zwar nicht existiert, aber trotzdem ungeheuer viel über unsere Gegenwart erzählt. Es ist eine comichafte Welt übersättigter Farben und grotesker Auswüchse, eine Welt, in der sich Gut und Böse noch relativ klar voneinander trennen lassen, eben eine Märchenwelt. Aber das tiefschwarze Märchen um einen Fluch, den die Bewohner von Lost River einst über sich selbst gebracht haben und der nun in den Zeiten der eskalierenden Finanzkrisen seine ganze Macht ausspielt, spiegelt zugleich noch einen anderen Kampf, einen, der von den Medien wie den Menschen immer wieder verdrängt wird.

    Hier prallen Gut auf Böse, Engel auf Teufel, aber auch die Besitzlosen auf die Besitzenden. Seit Andrew Dominiks vielerorts ähnlich verkanntem Gangsterfilm „Killing Them Softly“ wurde in keiner amerikanischen Produktion mehr derart unverblümt von den gesellschaftlichen Zuständen in den Vereinigten Staaten gesprochen. Die Auswüchse des modernen Finanzkapitalismus sind allgegenwärtig in „Lost River“. Die langsam verrottenden Häuser in Billys Nachbarschaft erzählen genauso von ihnen wie die Ausschweifungen in Daves Nachtclub oder die willkürliche Schreckensherrschaft, die Bully in seinem Reich aus Ruinen errichtet hat.

    Fazit: Mit seinem Regiedebüt „Lost River“ ist dem kanadischen Schauspieler Ryan Gosling ein kleiner Geniestreich gelungen.
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