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    Mr. Turner - Meister des Lichts
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Mr. Turner - Meister des Lichts
    Von Carsten Baumgardt
    Im Cannes-Jahr 2014 gingen mit Mike Leigh und Ken Loach zwei der renommiertesten britischen Regie-Altvorderen Seite an Seite in den Wettbewerb des berühmtesten Filmfestivals der Welt – immerhin die Goldene-Palme-Gewinner der Jahre 1996 (Leigh mit „Lügen und Geheimnisse“) und 2006 (Loach mit „The Wind That Shakes The Barley“). Auch wenn diesmal keiner der beiden persönlich einen Preis erhielt, gab es dennoch einen klaren Sieger in ihrem inoffiziellen Duell: Mike Leigh hängt Ken Loach und dessen solides Alterswerk „Jimmy’s Hall“ mit seiner meisterhaften Künstlerbiografie „Mr. Turner – Meister des Lichts“ mühelos ab. Der Film über die letzten 25 Lebensjahre des legendären Maler-Genies William Turner (1775 - 1851) erweist sich als weiterer Höhepunkt in der honorigen Vita seines Regisseurs: In ihm trifft der Macher ungeschönter Sozialdramen („Lügen und Geheimnisse“, „All Or Nothing“) auf den virtuosen Chronisten von Künstlerleben („Topsy-Turvy“). So ist „Mr. Turner“ zwar einerseits spröde, kantig und oft von bedrückender Schwere, steckt aber andererseits auch voll leichtfüßigen Humors und grandioser Bilder. Dazu glänzt der atemberaubende Timothy Spall in der Rolle seines Lebens.

    Um 1825: Nach einer Inspirationsreise durch die Niederlande kehrt der Marine- und Landschaftsmaler Joseph Mallard William Turner (Timothy Spall) nach London zurück, wo er seinem Schaffen nachgeht und wo er mit seinem Vater William (Paul Jesson) sowie seiner Haushälterin Hannah Danby (Dorothy Atkinson) wohnt. Diese beiden Vertrauten sind Turners Schutzschilde gegen die Außenwelt, denn der hochgeachtete und mittlerweile gutsituierte Künstler ist mehr als kauzig. Er verhält sich oft schroff, unhöflich und direkt, womit er bei seinen Mitmenschen immer wieder aneckt. Turner ist alles andere als ein Diplomat und an der altehrwürdigen Royal Academy Of Arts tritt er gern selbstbewusst und großspurig auf. Das Genie des Malers ist indes unbestritten – keiner kann besser Licht auf die Leinwand bannen als er. Doch als sein Vater stirbt, gerät William in eine Krise…


    „Mr. Turner“ ist ein ungewöhnlicher und dadurch umso faszinierenderer Film. Leigh verzichtet nicht nur auf eine klassisch-lineare Erzählstruktur, sondern gleich ganz auf eine mit „Höhepunkten“ (aus)geschmückte Handlung, dennoch sind die stattlichen 149 Minuten des Films nie langweilig. Hier werden weder wie in so vielen Biopics gestenreich die wichtigen Stationen eines Lebens abgeklappert (jüngstes Paradebeispiel: „Mandela - Der lange Weg zur Freiheit“) noch wird das Künstlerdasein in ein minimalistisches Leidensdrama im stillen Kämmerlein verdichtet. Vielmehr ist „Mr. Turner“ der kühne und geglückte Versuch, die Stimmung und die Ästhetik der Bilder des Protagonisten zu fassen und in das Medium Film zu übertragen: Immer wieder arrangiert Kameramann Dick Pope („The Illusionist“, „Vera Drake“) unfassbar schöne, stille Einstellungen, die selbst Gemälden gleichen und Turners Arbeiten weniger imitieren als reflektieren (oft durchwandert der Maler seine Landschaften in ihnen regelrecht) – mit einer vergleichbaren Vorgehensweise haben auch schon die Autorenkino-Legende Werner Herzog in „Jeder für sich und Gott gegen alle“ (1974) oder der ungarische Kunstfilmer Bela Tarr (zuletzt in „Das Turiner Pferd“) ähnlich betörende Bilderwelten geschaffen.

    Die Künstlerpersönlichkeit des Protagonisten, der als einer der einflussreichsten Vertreter der Romantik und Wegbereiter des Impressionismus gilt, spiegelt sich direkt in den Bildern des Films wider, aber das ist nur eine Ebene eines vielschichtigen und tiefgehenden Charakterporträts, denn Turner selbst ist so radikal, anarchisch und kompromisslos wie sein Stil. Mike Leigh rückt diesem menschlichen Kraftwerk buchstäblich hautnah auf den Leib und führt den Maler zunächst einmal als eine Mischung aus Kauz und vermeintlich plumpem Ekelpaket ein. Diese Fassade blättert nach und nach ab, die ebenso ungehobelt wie unbeweglich wirkende Figur bekommt etwas unbequem Widerständiges, das über einen unsympathischen Exzentriker weit hinausgeht. Turner hat nämlich anders als andere Genies nie den Blick für die Realitäten verloren – ganz im Gegenteil. Sehr genau beobachtet er seine Umwelt und zeigt ein untrügliches Gespür für gesellschaftliche Strömungen und historischen Wandel – darin ist er dem Regisseur Mike Leigh nicht unähnlich. So zeigt der ihn hier letztlich nicht zufällig auch als einen Chronisten seiner Epoche, die mit der Französischen Revolution, den Napoleonischen Kriegen und der industriellen Revolution einschneidende Umwälzungen mit sich brachte und schafft dabei selbst ein stimmiges, pures Zeitkolorit atmendes Gesellschaftsporträt.

    Timothy Spall („Harry Potter“-Reihe) zeigt in der Hauptrolle eine ebenso kraftstrotzende wie subtile und in jedem Fall oscarwürdige Darbietung: Sein Turner ist ein teils bösartiger, oft nur Grunzlaute von sich gebender Visionär, der an der richtigen Stelle aber auch die richtigen Worte zu sagen wusste. Der Schauspieler vereint solche scheinbaren Widersprüche mühelos und findet genau die richtige Balance zwischen monumentaler Stärke und zarten Anwandlungen von Verletzlichkeit. Letztere zeigen sich vor allem in Turners rührend inniger Beziehung zu seinem geliebten Vater, dessen (altersbedingter) Tod ihm das Herz bricht. Hier bekommen Film und Protagonist eine Warmherzigkeit, die ihnen sonst fehlen würde. Die andere Seite des Menschen Turner wiederum kommt im komplizierten Verhältnis zu seiner devoten Haushälterin Hannah Danby zum Vorschein, das dem Film als Dauerthema ein wenig Struktur gibt. Der Maler behandelt seine Angestellte extrem rüde und nutzt Hannah psychisch und sexuell aus. Wenn sich Turner dann auch noch ein Doppelleben aufbaut, um mit der zweifachen Witwe Sophia Booth (Marion Bailey) leben zu können, dann zeigt das die Abgründe seines Charakters. Bei all dem gibt Mike Leigh nicht vor, Turner komplett zu entschlüsseln und verzichtet auf moralische Urteile. Er folgt seinem Credo und präsentiert uns mit dem neugierigen Blick eines großen Filmemachers eines der besten Künstlerporträts seit langem.

    Fazit: Das Biografie-Drama „Mr. Turner – Meister des Lichts“ ist ein höchst innovatives, so elegantes wie sprödes Meisterwerk. Der siebenfach oscarnominierte Mike Leigh überwindet die Grenze zwischen Gemälde und Film und zeichnet ein Künstlerporträt, bei dem Form und Inhalt auf zwingende Weise eins werden.
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    Kommentare

    • Andreas Anyways
      Tolle Kritik, Leigh ist für mich sowieso Pflicht.Aber habt ihr bereits Dolan's Mommy gesehen? Könntet ihr dazu kurz etwas schreiben?
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