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Molly's Game
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Molly's Game
Von
Wenn man Molly Bloom auf ihre berühmt-berüchtigte Karriere als Hollywoods Poker-Prinzessin reduziert, wie es die allermeisten Boulevard-Medien getan haben, entgeht einem sehr viel. Schließlich ist die Enddreißigerin nicht nur eine vielschichtige Persönlichkeit, sondern ein wahres Multitalent von außergewöhnlicher Intelligenz. Drehbuch-Schwergewicht Aaron Sorkin („The Social Network“ „Steve Jobs“) hat das erkannt. Als er die Memoiren der ehemaligen Profi-Freestyle-Skifahrerin und Veranstalterin von hochdotierten Untergrund-Pokerturnieren adaptieren sollte, sicherte sich der „West Wing“-Schöpfer zusätzlich auch noch die Zusage, nach Skriptarbeiten für David Fincher, Danny Boyle und Mike Nichols erstmals selbst auf dem Regiestuhl platznehmen zu dürfen. Und so ist das im Poker-, Hollywood- und Gangster-Milieu angesiedelte Crime-Drama „Molly’s Game“ wenig überraschend hochunterhaltsames, dialoggetriebenes Schauspielerkino par excellence, wie man es aus der Feder von Stakkato-Dialog-Maestro Sorkin eben gewohnt ist. Inszenatorisch orientiert sich der Regiedebütant über weite Strecken an den hyperaktiven Erzählstil von „Casino“ oder „Wolf Of Wall Street“, ohne aber schon im ersten Versuch die handwerkliche Brillanz eines Martin Scorsese zu erreichen.

Molly Bloom (als Teenager: Samantha Isler, später: Jessica Chastain) ist ein Jahr vor den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City die drittbeste Freestyle-Skifahrerin der USA. Getrieben von ihrem ehrgeizigen Vater Larry (Kevin Costner), einem erfolgreichen Kinderpsychologen, setzt Molly trotz einer schweren Rückenverletzung aus Jugendtagen alles daran, sich für Olympia zu qualifizieren – und stürzt auf den letzten Metern in der alles entscheidenden Ausscheidung schwer. Ihre Sportkarriere ist beendet. Bevor sie ihr angestrebtes Jura-Studium beginnt, nimmt sich Molly erst einmal ein Jahr Auszeit und zieht als Kellnerin nach Los Angeles. Als Assistentin von Hollywood-Produzent Dean Keith (Jeremy Strong) verdient sie sich noch etwas hinzu, rutscht durch ihren prolligen Boss aber auch in die Pokerszene. Molly veranstaltet für Keith Untergrund-Pokerturniere mit Filmstars, Topsportlern, Politikern und Wirtschaftsbossen, die alle 10.000 Dollar Einsatz mit an den Tisch bringen. Nach einem Zerwürfnis mit dem arroganten Keith macht sich Molly selbstständig und übernimmt das Geschäft auf eigene Rechnung – mit immer höheren Einsätzen und hochkarätigeren Gästen. Rechtlich ist ihr Geschäft wohl legal, so lange sie sich selbst kein Geld aus dem Spielbetrieb nimmt und ausschließlich von den üppigen Trinkgeldern lebt. Trotzdem gerät Mollys Leben zunehmend aus den Fugen, bis schließlich das FBI bei ihr auf der Matte steht und sie die Hilfe von Starverteidiger Charlie Jaffey (Idris Elba) benötigt…


Molly Blooms Pokerturniere erlangten vor allem deshalb einen solch legendären Ruf, weil die wohlhabenden Teilnehmer aus Politik und Wirtschaft ganz scharf darauf waren, sich im Glanz der mit am Tisch sitzenden Superstars aus Film und Sport zu sonnen. Bloom nennt in ihrer Autobiografie etwa Namen wie Tobey MaguireLeonardo DiCaprio oder Ben Affleck - dazu Sporthelden wie den Baseball-Superstar Alex Rodriguez. Im Film selbst ist nur Molly Bloom echt, die übrigen Namen wurden geändert. Wer das Buch gelesen oder Interviews mit Bloom verfolgt hat, dem wird trotzdem sofort klar sein, dass mit dem im Kinofilm Player X (dargestellt von Michael Cera) genannten Spieler nur „Spider-Man“ Tobey Maguire gemeint sein kann. Und der kommt bei Bloom gar nicht gut weg, weil er sie nach eigener Aussage einst mit einem 1.000-Dollar-Trinkgeld dazu bringen wollte, vor ihm wie ein Seehund zu blöken. Die Geschichten der Gastspieler erzählt Sorkin in Form anekdotischer Episoden - weil die Zocker immer wieder wechseln, stellen sie hier so etwas wie das Hintergrundrauschen des Films dar. Zugleich ist „Molly’s Game“ auch ein exzellenter Pokerfilm, weil Sorkin mit einem präzisen Auge für Details auf die Faszination und Komplexität des Spiels eingeht.

Aber wie eingangs gesagt, sollte man Molly Bloom keinesfalls auf ihre Pokerrunden reduzieren. Auch Sorkin macht das nicht, stattdessen beleuchtet er parallel drei verschiedene Bereiche – den Sport, das Pokern und die Gerichtsverhandlung (ein dramaturgischer Kniff, der durchaus an „Steve Jobs“ erinnert, in dem Sorkin das Leben des Apple-Gründers anhand von drei Produktpräsentationen aufrollt). Sorkin bombardiert seine Zuschauer gleich zu Beginn seines Regiedebüts im vom ihm gewohnten Stakkato-Stil mit Informationen zu Blooms Werdegang - zusätzlich vorangetrieben durch einen straffen Off-Kommentar von Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“, „Interstellar“). Mitunter übertreibt es Sorkin sogar etwas mit dem Hyper-Tempo, da ist man froh, wenn er sein Publikum auf der Gegenwartsebene (im Gericht) auch mal durchatmen lässt. Die eigentliche Brillanz von „Molly’s Game“ liegt in Sorkins Paradedisziplin: den Dialogen, die hier von einigen der besten Schauspieler Hollywoods aufgesagt werden. Die zweifach oscarnominierte Chastain wurde übrigens auf expliziten Wunsch von Molly Bloom besetzt und passt tatsächlich perfekt – sie stimmt nicht nur vom Typ her, sondern reibt sich auch wunderbar an dem ambivalenten Zwiespalt zwischen gewiefter Krimineller und nach moralischer Absolution strebender Sympathieträgerin.

Herausragend ist auch das Zusammenspiel mit Idris Elba („Der dunkle Turm“, „Pacific Rim“), der als ihr loyaler Anwalt Jaffey die moralischen Maßstäbe setzt, an denen sich Bloom zu orientieren versucht. Obwohl sie aus unterschiedlichen Branchen und Lebenssituationen kommen, stehen sich Jaffey und Bloom im Film intellektuell auf einer Stufe gegenüber, was immer wieder zu positiver Reibung führt. Diese Szenen entwickeln eine ungeheure Energie, wie das nun mal so ist, wenn Sorkins Dialoggenie und zwei der besten Schauspieler ihrer Generation aufeinandertreffen. Als kleines Extra gibt es zudem einen Auftritt von Kevin Coster. Der Superstar der 1990er Jahre, der mittlerweile meist kleinere Brötchen backt, aber nebenbei gerne auch Blockbuster-Projekte veredelt (etwa „Man Of Steel“ oder „Jack Ryan“), tritt in „Molly’s Game“ zwar nur kurz am Anfang und am Ende auf, trotzdem kitzelt Costner aus diesen Begegnungen mit Jessica Chastain dank seiner naturgegebenen Präsenz alles heraus, wenn es darum geht, Mollys Blooms Hang zur Rebellion nachvollziehbar zu machen.

Fazit: Drehbuch-Ass Aaron Sorkin liefert mit seinem Regiedebüt „Molly’s Game“ ein schauspielerisch elektrisierendes, hochgradig unterhaltsames Drama vom ganz großen Scheitern - und gesteht seiner ambivalenten Protagonistin Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu, ohne deshalb gleich auf seinen skalpellscharf geschliffenen Biss zu verzichten.
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