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Jahrhundertfrauen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Jahrhundertfrauen
Von
Der spät ins Regiefach gewechselte US-Amerikaner Mike Mills gedachte in seinem zweiten Spielfilm „Beginners“ dem späten Coming Out seines Vaters. Für die fiktionalisierte (Neben-)Rolle erhielt Christopher Plummer 2012 den Golden Globe und den Oscar. Nun lässt Mills die Coming-of-Age-Familiendramödie „Jahrhundertfrauen“ folgen und widmet sich dabei filmisch seiner Mutter. Darstellerin Annette Bening („American Beauty“, „The Kids Are All Right“) wurde zwar nicht in gleicher Weise mit Preisen überhäuft wie der Kollege Plummer, aber sie hätte allemal mehr verdient als „nur“ eine Nominierung für den Golden Globe. Sie glänzt als Oberhaupt einer ungewöhnlichen und faszinierenden Familie, mit der Mills für intelligente und extrem kurzweilige Unterhaltung sorgt.

Santa Barbara, Kalifornien. 1979. Dorothea Fields (Annette Bening), die erst mit 40 Mutter wurde, kümmert sich schon seit Jahren alleine um ihren inzwischen 15-jährigen Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann). Alle Versuche, einen Ersatzvater für den Jungen zu finden, sind gescheitert. Also setzt Dorothea kurzerhand auf die Hilfe zweier junger Frauen, die mit im Haus der Fields wohnen. Da ist zum einen Jamies beste Freundin, die 17-Jährige Julie (Elle Fanning), die hier einen Zufluchtsort vor eigenen Problemen gefunden hat, und zum anderen die in der Kunst- und Punkszene aktive Mieterin Abbie (Greta Gerwig), die auch erst Mitte 20 ist. Gemeinsamen wollen die drei Frauen, Jamie zu einem „guten Mann“ machen – ein Unterfangen, dass unter anderem dadurch kompliziert wird, dass der Junge ziemlich schlimm in Julie verschossen ist…



Passend zu seiner alles andere als alltäglichen Figurenkonstellation bringt Regisseur und Autor Mike Mills (für sein Original-Drehbuch erhielt er eine Oscar-Nominierung) ein paar stilistische und erzählerische Besonderheiten zum Einsatz. Die wichtigste ist ein zweigeteilter Voice-Over-Kommentar – einmal von Jamie und zum anderen von Dorothea. In längeren Montagesequenzen einschließlich diverser geschickt eingebauter Rückblenden wird zunächst die wichtige Vorgeschichte um Jamies Vater erzählt. Die Zweistimmigkeit fordert dabei ein aufmerksames Zuschauen und Zuhören, bringt dafür aber die Widersprüchlichkeiten der geschilderten Situation in besonders prägnanter Weise zum Vorschein. Mills schafft mit der Einführung vielschichtiger Figuren und diverser beziehungsreicher Querverbindungen die Grundlage für eine sich langsam entwickelnde Coming-of-Age-Geschichte, bei der Generationenfragen in gleich mehrfacher Hinsicht im Mittelpunkt stehen.

Bei Jamie und den drei Frauen wird jeweils das Geburtsjahr mit eingeblendet, wenn es zur Rückschau auf die bisherige Lebensgeschichte kommt – das Alter der Figuren ist im Film ein vorherrschendes Thema, gerade der große Unterschied an Lebensjahren zwischen Mutter und Sohn ist die Antriebsfeder der Handlung. Mills ruft uns diesen Umstand mit manchmal verblüffend einfachen Mitteln immer wieder ins Gedächtnis und unterfüttert das Ganze dabei mit historischen Anekdoten, etwa wenn Jamie sich bruchstückhaft an das plötzliche Verschwinden seines Vaters erinnert („Ich sah, wie der Präsident eine Treppe herunterfiel und erbrach mich auf den Teppich“), Ganz nebenbei entsteht aus der Familiengeschichte ein Zeitporträt, in dem es um den Machtwechsel von Jimmy Carter zu Ronald Reagan geht oder um die Musikszene im nahen Los Angeles (inklusive des beispielhaften Kampfs zwischen den Fans der intellektuellen Talking Heads und der eher brachial-emotionalen Punkband Black Flag). Der Regisseur stützt sich hierbei auf seine eigenen Erinnerungen (Mills ist 1966 geboren und damit zwei Jahre jünger als sein filmisches alter ego Jamie), was dem sehr persönlich und authentisch wirkenden Film deutlich anzumerken ist.

Die doppelte Erzählperspektive ermöglicht dem Publikum, sich in beide Seiten gleichermaßen einzufühlen, was zu vielen bittersüßen aber auch sehr witzigen Momenten führt, zum Beispiel wenn Annette Bening als Dorothea versucht, die von ihrer eigenen Jugendzeit grundverschiedene Popkultur zu ergründen und dabei nicht einmal vor Club-Besuchen zurückschreckt. Sie will verstehen, was in ihrem Sohn vorgeht und warum Musik sich „nicht einfach hübsch anhören kann“ wie zu ihren Zeiten (sie tendiert wie Jamie eindeutig zu den Talking Heads). Ein sehr einschneidendes dramatisches Element der Erzählung wie die früh vorweggenommene Krebserkrankung Dorotheas – wird dabei eher unterschwellig behandelt. Es ist vor allem die ständige Präsenz ihrer vermeintlich harmlosen Lieblings-Zigarettenmarke Salem mit ihrem auffälligen türkisen Schachteldesign, die die spätere Krankheit der Figur ins Gedächtnis ruft: Mal ein gänzlich anderer Fall von „Product Placement“.

Neben dem geschickt konstruierten Drehbuch und der einfühlsamen Regie lebt der Film vor allem durch seine DarstellerInnen. Annette Bening ist so etwas wie die Anführerin, während Greta Gerwig („Maggies Plan“) und Elle Fanning („The Neon Demon“), die beide von Film zu Film immer noch besser zu werden scheinen, zwei ganz unterschiedliche, aber ebenso nuancierte Frauenporträts beitragen. Billy Crudup („Almost Famous“, „Big Fish“) als aufgrund langfristiger Renovierungen ebenfalls fast zum Haushalt gehörender Handwerker William und last but not least Newcomer Lucas Jade Zumann („Sinister 2“) komplettieren das herausragende Ensemble dieses rundum gelungenen Films.

Fazit: Ein pubertierender Sohn, seine vierzig Jahre ältere alleinerziehende Mutter und ihre bunte Patchwork-Ersatzfamilie durchleben im Jahr 1979 eine turbulente Zeit: „Jahrhundertfrauen“ ist ergreifendes, oft immens witziges und mitreißend gespieltes Unterhaltungskino auf beeindruckend hohem Niveau.

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