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Ein Sack voll Murmeln
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Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Ein Sack voll Murmeln
Von
In seinem 1973 erschienenen autobiografischen Roman „Ein Sack voll Murmeln“ schilderte Autor Joseph Joffo seine Kindheit als verfolgter Jude im besetzten Frankreich des Zweiten Weltkriegs. Gleich zwei Jahre später folgte eine erste Verfilmung des Buches durch Jacques Doillon („Auguste Rodin“), die es hierzulande aber nicht zu einem regulären Kinostart brachte. Gut 40 Jahre später versucht sich nun der frankokanadische Regisseur Christian Duguay („Hitler – Der Aufstieg des Bösen“, „Sebastian und die Feuerretter“) mit Unterstützung des noch lebenden Zeitzeugen Joffo an dem Stoff und liefert mit seinem historischen Drama „Ein Sack voll Murmeln“ eine ebenso emotionale wie kindertaugliche Kino-Geschichtsstunde mit einem rundum überzeugenden Duo junger Darsteller.

Paris im August 1944. Joseph „Jojo“ Joffo (Dorian le Clech) ist zurückgekehrt zum Friseurladen seines Vaters (Patrick Bruel) und rekapituliert die zweieinhalb Jahre, die in der Zwischenzeit vergangen sind. Er und sein etwas älterer Bruder Maurice (Batyste Fleurial Palmieri) waren unerschrockene Spitzbuben, bis die Maßnahmen der deutschen Besetzer gegen die Juden die Familie zwangen, die Stadt zu verlassen. Die beiden Kinder machten den Anfang und brachen in Richtung des zu dem Zeitpunkt noch unbesetzten Landesteils auf, die sogenannte „freie Zone“…

Ein Sack voll Murmeln Trailer DF


Die Odyssee der Joffos durch Frankreich wird erzählt aus der Perspektive des
anfänglich zehnjährigen Joseph, der in dieser Zeit viel lernt über das menschliche Wesen, über Helden und Opfer, Widerstandskämpfer und Kollaborateure. Dieser Lernprozess ist es, der „Ein Sack voll Murmeln“ von anderen filmischen Kindheitserinnerungen an die Nazi-Herrschaft abhebt und auch neben Werken wie „Auf Wiedersehen, Kinder“ oder „Der Junge im gestreiften Pyjama“ bestehen lässt. Die naive Gedankenlosigkeit zu Beginn, wenn Jojo und Maurice sich etwa vor das „Hinweisschild“ („Jüdisches Geschäft“) am Schaufenster stellen und einige SS-Männer „aus Jux“ in den Friseurladen des Vaters schicken, weicht einem erwachenden Bewusstsein für die politischen Verhältnisse und einer engagierten Anteilnahme.

Die Murmeln des Filmtitels werden von Christian Duguay immer wieder symbolisch verwendet, doch ihre überragende Bedeutung zeigt sich schon alleine in der Episode in der Jojo in den Besitz der kleinen Kugeln kommt. Hier wird der Verlust der Kindheit so spielerisch wie erschreckend illustriert: Gerade noch wurden die Brüder in der Schule, wo sie erstmals einen Judenstern tragen mussten, Opfer von gedankenlosen Ressentiments, als der Mitschüler Zérati (Merlin Delarivière), den zur „Medaille“ umgedeuteten gelben Stofffetzen unbedingt haben will und dafür seine Murmeln zum Tausch anbietet. Dass der Zuschauer nie erfährt, welche Konsequenzen dieser Deal hat, passt zu der Zurückhaltung, mit der die dunkelsten Seiten der Geschichte hier erzählt werden. Zwar gibt es brutale Verhöre sowie hier und da spontane Erschießungen, aber die finden im Off statt. Vieles andere wird nur angedeutet, etwa wenn zu sehen ist, wie die gefürchteten Transportzüge voll abfahren und leer zurückkommen. Das lässt sich natürlich einerseits mit der subjektiven Erzählperspektive erklären – Jojo und seine Familie haben den Zweiten Weltkrieg eben insgesamt verhältnismäßig glimpflich überstanden -, und andererseits will man offensichtlich auch das jüngere Publikum nicht überfordern.

Die Joffos hatten zudem immer wieder das Glück, auf hilfsbereite Zeitgenossen zu treffen. Ob der jüdische Arzt Dr. Rosen (Christian Clavier aus „Monsieur Claude und seine Töchter“), ein preiswerter Schleuser oder zwei sehr positiv gezeichnete katholische Geistliche - für die Brüder setzen viele charakterstarke Franzosen ihr Leben aufs Spiel. Allerdings reicht auch schon ein einziger weniger wohlgesonnener Zeitgenosse und die Verfolgten landen in den Fängen der Nazis. Auf die Verhörmethoden der Deutschen hat Jojos Vater Roman den Jungen zuvor durch komplett unerwartete Ohrfeigen vorbereitet (starke emotionale Szene!), doch auf die Rücksichtslosigkeit und die perfiden Tricks eines des fast schon obsessiv vorgehenden Nazi-Offiziers waren die Brüder nicht wirklich gefasst.

Nach der intensiven Erfahrung von Festnahme, Verhör und Drangsalierung, die den Mittelteil des Films zum spannendsten und besten macht, folgt noch ein weiterer längerer Komplex, was unter dramaturgischen Gesichtspunkten etwas kontraproduktiv wirkt. Aber schließlich haben wir es hier mit den realen Erinnerungen einer Person zu tun und das echte Leben folgt halt nicht immer der idealen Spannungskurve. Also hat man den Unterschlupf bei einem politisch sehr fragwürdigen Buchhändler, in dessen einen guten Kopf größere Tochter Françoise (Coline Leclère) sich Jojo ziemlich verguckt, nicht ganz unter den Tisch fallen lassen. Und immerhin folgt nun auch Josephs bereits erwähntes „politisches Erwachen“, das für einige Längen im letzten Drittel entschädigt.

Eine besondere Erwähnung verdient neben dem geschickten Einsatz der relativ bescheidenen Kulissen (weniger ist manchmal doch mehr) abschließend auch noch die wunderbare Elsa Zylberstein („So viele Jahre liebe ich dich“), die als Jojos Mutter Anna viel Empathie einbringt und zusammen mit dem von Patrick Bruel („Ein Geheimnis“, „Der Vorname“) ähnlich feinfühlig verkörperten Vater ein eigentlich fast schon zu ideales Elternpaar abgibt, wie man es in aktuellen Kinoproduktionen nur noch ganz selten zu sehen bekommt.

Fazit: Die Romanverfilmung „Ein Sack voll Murmeln“ über eine Kindheit im Zweiten Weltkrieg ist ein einfühlsam-humanistisches Historien- und Familiendrama alter Schule, sehenswert auch für junge Zuschauer ab etwa zehn Jahren.
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