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Frühes Versprechen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Frühes Versprechen

Prestigeträchtige Mittelmäßigkeit in Reinform

Von
In den 1960er Jahren kämpften junge Kritiker und Regisseure wie Jean-Luc Godard und François Truffaut in Frankreich gegen die sogenannte „tradition de qualité“: Routinierte, hochwertige Filme, die ihnen zu glatt, konventionell und realitätsfern waren. Will man verstehen, was genau sie damit meinten, muss man nicht in die Vergangenheit reisen und sich noch nicht mal einen Film dieser Epoche ansehen. Es reicht völlig aus, in die jetzt ins Kino kommende Literaturverfilmung „Frühes Versprechen“ von Eric Barbier reinzuschauen. Ein aufwendig produziertes und sehr gefälliges Drama, bei dem man zwischen großen Schlachten und noch größeren Gefühlen verzweifelt nach Herz und Seele sucht.

Mexiko, Tag der Toten: Ein Autor stirbt. Der kranke Romain Gary (Pierre Niney) lässt sich von seiner Frau Lesley (Catherine McCormack) mit einem Taxi in die Landeshauptstadt bringen. Auf der langen Fahrt entdeckt sie seinen neuen, autobiographischen Roman. Darin geht es vor allem um Romains Beziehung zu seiner Mutter Nina (Charlotte Gainsbourg). Schon von frühster Kindheit an träumt sie davon, dass ihr Sohn berühmt wird. Er soll ein gefeierter Autor werden, am besten aber auch Diplomat und General. Sie ertränkt das Einzelkind fast in Liebe, stellt aber auch hohe Ansprüche. Ihre Ermutigungen und Forderung begleiten ihn sein ganzes Leben lang, bis in das Chaos des Zweiten Weltkriegs hinein. Er versucht sich von ihrem Einfluss zu lösen, doch ganz entkommt er ihr nie…


Die Biografie von Romain Gary ist faszinierend. Der Sohn einer jüdischen Familie wird 1914 in Vilnius geboren und wächst in Warschau auf. Als er elf Jahre alt ist, verlässt der Vater die Familie, mit 14 zieht er mit seiner Mutter ins französische Nizza. Er macht Abitur, studiert Jura, geht zur Luftwaffe, wird hochdekorierter Staffelhauptmann, gefeierter und ausgezeichneter Autor, Diplomat, Drehbuchautor und Regisseur. Doch ein ereignisreiches Leben garantiert leider nicht immer einen aufregenden Film.

Biopics geraten leicht sehr formelhaft, weil sie die spezifischen Eigenschaften ihrer Hauptfigur zur Nebensache erklären. Gerade dann, wenn diese nicht übermäßig kinematisch sind. In „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ forscht Physiker Stephen Hawking beispielsweise kaum. Es ist leichter, sich auf zwischenmenschliche Beziehungen zu konzentrieren, weil mit diesen fast automatisch Emotionen verbunden sind. Doch ist Stephen Hawkings Liebesleben so weltbewegend und einzigartig wie seine Entdeckungen? Natürlich nicht. Bei „Frühes Versprechen“ würde es reichen, 5 bis 10 Minuten zu kürzen – schon wäre vergessen, dass Romain Gary überhaupt ein Autor war.

In den vergangenen Jahren haben sich Biopics oft auf einen kurzen Abschnitt aus dem Leben einer berühmten Person konzentriert, etwa in „Steve Jobs“ oder „Lincoln“. Das ist sinnvoll, weil sich die Entwicklungen von vielen Jahrzehnten oft nur schwerlich in die Form eines Dramas fügen lassen. Barbier hingegen tappt wieder einmal in die Falle, die schon viele Lebensgeschichten in Schulfernsehen verwandelt hat. Er zeigt nicht den ganzen Pfad von der Wiege bis zum Grab, aber verdichtet immerhin 30 Jahre Leben auf zwei Stunden Laufzeit. Dadurch werden ganze Schauplätze auf einzelne Einstellungen reduziert. Der Film wirkt gleichzeitig überhetzt und träge. Vor immer neuen Kulissen passiert das immer Gleiche. Selbst große Action-Höhepunkte (ein Flugzeug wird blind gelandet!) verlieren sich im endlosen Strom von Ereignissen.

Durch das permanente Voiceover von Romain werden umfassende Veränderungen oft nur nacherzählt, aber nicht gezeigt. Garys Vorlage wird immer wieder direkt zitiert, ohne dass sich die Eleganz und Kraft seiner Sprache entfalten könnte. Den kurzen Passagen fehlt der Kontext und genug Raum, um wirklich zu wirken. Die Adaption bleibt auf dem Mittelweg zwischen Roman und Film stecken. Das schlägt sich auch darin nieder, dass die gut ausgeleuchteten und manierlich gerahmten Bilder oft wie reine Untermalung für den Text wirken. Meist ist alles in Historienfilm-Beige gehalten. Die Kamera-Arbeit passt sich jeder Situation an, ohne als eigenständiges Ausdrucksmittel eingesetzt zu werden. „Frühes Versprechen“ ist in seinen schwächsten Momenten eine Sammlung von Postkarten – bunte Bilder und unverfängliche Texte.

Im Mittelpunkt steht die Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Nina ist eine Helikoptermutter, lange vor der Erfindung des Helikopters. Also eine Zeppelinmutter? Romain ist Einzelkind, auf ihm ruhen alle Hoffnungen der gescheiterten Schauspielerin. Sie will durch ihn Leben – so sehr, dass er beginnt, ihre Wünsche und Forderungen zu verinnerlichen. Wenn er später von ihr getrennt ist, erscheint sie in seinen Träumen und Halluzinationen. Sie wird sein Gewissen und seine Triebkraft.

Charlotte Gainsbourg („Melancholia“) spielt Nina so, wie Romain sie wahrnimmt: überlebensgroß. Jede Geste ist übersteigert, jeder Satz überbetont. Sie erscheint lebendiger als der Rest ihrer Umwelt. Wenn sie ihrem Sohn sagt, er würde der nächste Tolstoi, dann trägt sie das mit einer Überzeugungskraft vor, als müsste es schon allein durch ihr Worte wahr werden. Zu Beginn des Films ist sie verarmt. Um ihre Hüte verkaufen zu können, gibt sie einen Schauspieler als einen berühmten Modeschöpfer aus, der für sie Werbung macht. „Fake it, till you make it“, lautet die unausgesprochene Devise. Wo die Realität im Weg steht, denkt man sie weg. Wenn ihr Sohn wegen seiner Herkunft als Einziger von 300 Soldaten nicht befördert wird, dann deutet sie das positiv: „Der Einzige aus 300. Du bist einzigartig!

Pierre Niney („Frantz“) spielt den Schriftsteller im ewigen Wechsel zwischen Muttersöhnchen und Abenteurer. Mal ist er aggressiv und dominant, mal fragil und zurückhaltend. Nineys langer Schildkrötenhals leistet im Wechsel zwischen Angriffs- und Verteidigungshaltung ganze Arbeit. Sein Mutterkomplex verleidet Romain viele Beziehungen und stellt ihn vor seinen Kollegen bloß. Auf seiner Reise durch die Welt sucht er auch nach einer eigenen Identität. Was kann er noch selbst sein, wenn seine Mutter alles von ihm verlangt? Schließlich fordert sie ihn in einer Sequenz sogar dazu auf, Hitler persönlich zu töten. Die aufgeworfenen Fragen führen allerdings selten zu interessanten Charaktermomenten, sondern immer nur zu Pathos und Gefühlsduselei. Wo nichts mehr zu erzählen ist, kann man immer noch Streicher und Klavier lauter drehen. Und wo Garys französischer Nationalpatriotismus heraufbeschworen wird, möchte man am liebsten die Melodie der „Marseillaise“ mitgähnen.

Fazit: „Frühes Versprechen“ ist prestigeträchtige Mittelmäßigkeit in Reinform. Harmlose Unterhaltung, die mit dem Blick auf ein alterndes Arthouse-Publikum ein wenig Tiefe vorgaukelt.
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