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The Limehouse Golem
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
The Limehouse Golem
Von
Ein verblüffender Abschlusstwist kann einen erzählerisch ansonsten eher durchschnittlichen Film erheblich aufwerten – man denke nur an Martin Scorseses Psychothriller „Shutter Island“, Gregory Hoblits Justizthriller „Zwielicht“ oder Neil Burgers Verwirrspiel „The Illusionist“, das seit jeher ein eher wenig beachtetes Dasein im Schatten des thematisch ähnlichen Meisterwerks „Prestige“ fristet. „The Limehouse Golem“ weckt nun ebenfalls Erinnerungen an Christopher Nolans Magie-Mindfuck: Das liegt zum einen am identischen Setting im London des späten 19. Jahrhunderts, zum anderen an der pfiffigen Schlusspointe, die das Bemerkenswerteste an Juan Carlos Medinas zweitem Langfilm (nach dem überzeugenden Mystery-Schocker „Painless – Die Wahrheit ist schmerzhaft“) ist - und hier natürlich nicht verraten wird. Auch wenn sich gerade bei alten Genrehasen am Ende vielleicht nicht der ganz große Aha-Effekt einstellen wird, lässt man sich als Zuschauer doch gerne den Boden unter den Füßen wegziehen – da ist es auch zu verschmerzen, dass sich vor allem in der ersten Filmhälfte einige Längen in die Handlung einschleichen. Wer Gefallen an Filmen wie „Sleepy Hollow“ oder „Sweeney Todd“ findet, sollte deshalb unbedingt einen Blick riskieren: „The Limehouse Golem“ ist ein prachtvoll ausgestatteter, toll fotografierter und atmosphärisch dichter Ripper-Thriller, selbst wenn er sich unter dem Strich ein wenig zu sehr auf seinen Twist auf der Zielgeraden verlässt.

Im London der 1880er Jahre trauen sich die Menschen nachts kaum noch auf die Straße, seitdem das verruchte East End der Stadt wird von einer brutalen Mordserie erschüttert wird. Dem Scotland-Yard-Ermittler John Kildare (Bill Nighy) und seinem jüngeren Kollegen George Flood (Daniel Mays) kommen Gerüchte um eine übersinnliche Kreatur – einem Golem – zu Ohren, der für die blutigen Taten verantwortlich sein soll. Eine weitere, deutlich vielversprechendere Spur führt in die Londoner Music Hall: Der beliebte Bühnendarsteller Dan Leno (Douglas Booth) und die aufstrebende Jungschauspielerin Lizzy Cree (als Kind: Amelia Crouch, als Erwachsene: Olivia Cooke) scheinen in die Vorfälle verwickelt zu sein. Lizzy sitzt aber ohnehin schon hinter Gittern: Man verdächtigt sie des Mordes an ihrem Ehemann John (Sam Reid), der vor seinem Tod durch Vergiften ein Verhältnis mit der hübschen Akrobatin Aveline (María Valverde) angefangen hat. Die Wahrheit über die Ripper-Morde scheint irgendwo in Lizzys schwerer Vergangenheit zu liegen...



Wer hier einen packenden Ripper-Thriller mit Gänsehautszenen im Minutentakt erwartet, dürfte eine herbe Enttäuschung erleben: Die grauenvollen Morde des berüchtigten Golems brennen sich zwar dank der schonungslos eingefangenen Brutalität und der bedrohlich-düsteren Inszenierung (verzerrte, tiefe Killerstimme inklusive) nachhaltig ins Gedächtnis, machen zeitlich aber einen eher geringen Anteil an der Geschichte aus. Stattdessen stehen die ausführlich illustrierten Rückblicke in Lizzys Vergangenheit (inklusive prachtvoll ausgestatteter Bühnenstück-Ausschnitte ihrer amüsant-anzüglichen Musical-Auftritte in der Londoner Music Hall) im Zentrum – kein Wunder also, dass da auch Erinnerungen an Tim Burtons oscarprämierte Musical-Verfilmung „Sweeney Todd“ wach werden. Die akribische Suche nach dem finsteren Serienmörder, in dessen Haut vor dem geistigen Auge der Ermittler bei jedem Mord eine andere Person schlüpft (darunter auch Karl Marx !!!), gerät zudem durch den Prozess gegen Lizzy gelegentlich aus dem Blickfeld – man braucht eine ganze Weile, um mit diesem erzählerischen Schlingerkurs warm zu werden und sich an die permanenten Orts- und Zeitsprünge zu gewöhnen.

Deutlich stringenter gestaltet sich die eigentliche Ermittlungsarbeit von Scotland Yard: Mit dem routinierten und scharfsinnigen John Kildare (charismatisch: Bill Nighy, „Tatsächlich... Liebe“) und seinem engagierten, aber intellektuell unterlegenen Assistenten George Flood (Daniel Mays, „Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“) gibt es eine klassische Figurenkonstellation, wie wir sie etwa auch von den berühmten britischen Kollegen Sherlock Holmes und Dr. Watson kennen. Anders als zum Beispiel in der aktuellen „Sherlock“-Reihe wird in diesem Historienthriller aber keiner der beiden zur Identifikationsfigur für den Zuschauer: Kildare wirkt dafür zu unnahbar, während Flood als Figur recht unscharf gezeichnet ist und seine anfängliche Dynamik schnell einbüßt. So ist es in erster Linie Lizzy, mit der wir beim Aufrollen ihrer Bühnenkarriere mitfiebern dürfen – allein schon, um ihr bei der knallharten Fehde mit der hinterlistigen Acrobatic Aveline (fies: María Valverde, „Exodus: Götter und Könige“), die sich auf der Zielgeraden noch einmal dramatisch zuspitzt, die Daumen zu drücken. Angesichts des authentischen Settings im verruchten London, des tollen Schlussdrittels und der überzeugenden Besetzung kommen also nicht nur Genrefans auf ihre Kosten - der ganz große Wurf ist „The Limehouse Golem“ angesichts der genannten Drehbuchmängel aber nicht.

Fazit: Juan Carlos Medinas Ripper-Thriller „The Limehouse Golem“ punktet mit düsteren historischen Bildern und einer überraschenden Auflösung, leidet aber unter seinem zwischenzeitlichen erzählerischen Schlingerkurs.
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