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Die Frau, die vorausgeht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Die Frau, die vorausgeht
Von
Heutzutage werden amerikanische Ureinwohner im Kino in der Regel sehr viel differenzierter dargestellt als in den traditionellen Western-Gemetzeln, in denen die Indianer grundsätzlich die Bösen, Dummen und Hinterhältigen waren. Das ist natürlich ein Fortschritt. Gut ist auch, dass durch „Die Frau, die vorausgeht“ das Leben einer wirklich faszinierenden Frau, die sich mit Künstlernamen Caroline (im Film Catherine) Weldon nannte und die Ende des 19. Jahrhunderts zur Vertrauten und Unterstützerin des berühmten Sioux-Häuptlings Sitting Bull wurde, auf die Leinwand kommt und sie dadurch weiter bekannt wird. Aber andererseits ist es auch schade, dass dieser historisch und von den Personen her so spannende Stoff in Susanna Whites drittem Spielfilm so stark zurechtgestutzt und geglättet wurde. Und so bleiben sowohl die zentrale Frauenfigur als auch das Porträt der Ureinwohner immer noch zum Teil in alten Hollywood-Klischees stecken.

Drehbuchautor Steven Knight („No Turning Back“, „Allied“) macht aus der historischen Caroline Weldon, die sich von ihrem Mann scheiden ließ, selbstbewusst ihre künstlerischen Ambitionen auslebte und als politische Aktivistin für die Rechte der Ureinwohner eintrat, eine reiche New Yorker Witwe auf einem Selbstfindungstrip, deren naive Vorstellungen vom freien Leben der Indianer hart auf die raue Wirklichkeit prallen. Und die Figur des Sitting Bull bleibt bei ihm seltsam undefiniert. Der große Häuptling tritt als gesprächiger Schönling von diffus melancholischem Wesen auf. Die sehenswerten schauspielerischen Leistungen und die sensible Regie helfen zwar über vieles hinweg, aber eben nicht über alles.

Die Frau, die vorausgeht Trailer DF

Man schreibt das Jahr 1890. Eine nicht mehr ganz blutjunge Dame macht sich mit dem Zug auf nach Westen, zu den Lakota-Indianern, einem Stamm der Sioux. Catherine Weldon (Jessica Chastain) ist Künstlerin und will ein Porträt des berühmten Häuptlings Sitting Bull (Michael Greyeyes) malen. Doch ihr Vorhaben stößt auf massive Vorbehalte. Der für die Gegend zuständige Regierungsagent James McLaughlin (Ciarán Hinds) wittert Unruhepotenzial und will die Malerin umgehend mit dem nächsten Zug zurück nach New York schicken. Auch Colonel Silas Groves (Sam Rockwell) als Vertreter der Army warnt Catherine Weldon ziemlich ungalant davor, sich einzumischen. Die Situation ist angespannt, denn die Regierung hat soeben beschlossen, so lange nur noch die Hälfte der bisherigen Lebensmittelrationen an die Indianer im Reservat zu verteilen, bis die Stämme einer neuen Vereinbarung zustimmen, nach der sie die Hälfte ihres Territoriums aufgeben müssen. Doch Catherine, so ahnungslos wie eigensinnig, findet trotzdem den Weg zu Sitting Bull, gewinnt sein Vertrauen und ergreift Partei für die Sache der Indianer…

„Die Frau, die vorausgeht“ wirkt ein bisschen so, als habe sich der Autor nicht entscheiden können, welchen Plot genau er eigentlich verfolgen will: die tragische Emanzipationsgeschichte der Caroline Weldon (deren historischer Vorname schon in der Biografie, die Knight als Vorlage diente, rätselhafterweise in Catherine geändert wurde) oder die Story der unwahrscheinlich anmutenden Allianz zwischen einer New Yorker Kunstmalerin und einem Indianerhäuptling. Oder vielleicht doch die Erzählung vom letzten großen Aufbäumen der Stämme gegen die Regierung der weißen Kolonisatoren.

Von jeder dieser Geschichten steckt ein Teil im Film, aber die Elemente sind unausgewogen verteilt und die Erzählweise wirkt oft dramaturgisch unbeholfen. Manches kommt allzu plakativ daher, anderes bleibt ein wenig unklar und generell wird viel zu viel geredet. Wenn dann etwa übertrieben pointiert herausgestellt wird, dass es die weiße Frau ist, die dem dann doch irgendwie etwas rückständigen roten Häuptling nahebringt, was Demokratie bedeutet, dann bekommt die aufklärerische Absicht einen zweifelhaften Beigeschmack.

Aber nicht nur der von Michael Greyeyes („The New World“) mit besonnener Souveränität gespielte Sitting Bull wird hier letztlich ein wenig unter Wert verkauft (und ist zudem die einzige Ureinwohner-Figur mit Substanz), auch die Protagonistin, die ihn erst dazu bringt, politisch zu agitieren und sich aktiv für die Rechte seines Volkes einzusetzen, darf nicht durchweg als starke Frau auftreten. Vielmehr mündet ihre Faszination für den Indianer nicht sehr überzeugend in fast schon mädchenhafte romantische Anwandlungen.

Immerhin schafft es Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) selbst den schwächsten Momenten eine gewisse Überzeugungskraft zu verleihen und Regisseurin Susanna White zeigt gerade in den stillen Momenten viel Sinn für die subtilen Zwischentöne, die den Dialogen oft fehlen. So blitzen hinter dem Intrigenspiel der äußeren Handlung, das ein wenig antidramatisch aufgelöst wird, wenn ein Abspanntext klarstellt, dass den Stämmen ihr friedlich-demokratisches Abstimmen rein gar nichts gebracht hat, immer wieder die Ansätze zu einem sehr viel feinfühligeren Film auf, die aus „Die Frau, die vorausgeht“ (übrigens der indianische Name Weldons) ein trotz aller Einschränkungen lohnenswertes Kinoerlebnis machen.

Fazit: Gut gespieltes Drama um eine historisch an sich hochinteressante Personenkonstellation, in dem das Zusammentreffen zwischen der Kunstmalerin Caroline Weldon und dem Sioux-Häuptling Sitting Bull dramaturgisch unbeholfen und nicht frei von Klischees in Szene gesetzt wird.
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