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    Willkommen bei den Hartmanns
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Willkommen bei den Hartmanns
    Von Antje Wessels
    In der Berichterstattung über die sogenannte Flüchtlingskrise erscheinen die Fronten als zunehmend verhärtet, dabei gibt es zwischen AfD und Antifa ein breites Spektrum von Menschen, die eben nicht sicher sind, was in diesen politisch unruhigen Zeiten richtig und was falsch ist. Dem trägt Simon Verhoeven („Männerherzen“) mit seiner Flüchtlingssatire „Willkommen bei den Hartmanns“ Rechnung: Hier werden die vereinfachenden Zuspitzungen entlarvt und die komplexe Widersprüchlichkeit der Lage kommt zu ihrem Recht. Das führt zu durchaus provokanten Ergebnissen, anders als in thematisch ähnlich gelagerten Filmen wie „Ostfriesisch für Anfänger“ oder „Welcome To Norway“ wird hier nicht nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht, sondern Verhoeven erlaubt sich diverse Spitzen gegen sämtliche politische Lager. Dennoch folgt er einem klaren moralischen Kompass, und solange man den nicht aus den Augen verliert, können auch Krisenzeiten ihre guten Seiten haben – das zeigt „Willkommen bei den Hartmanns“ auf ebenso nachdenkliche wie unterhaltsame Weise.

    Seit die Kinder aus dem Haus sind, ist Angelika Hartmann (Senta Berger) dringend auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Als sie eines Tages ein nahegelegenes Flüchtlingsheim besucht, beschließt sie, einem der dortigen Bewohner einen Platz in ihren eigenen vier Wänden anzubieten. Ihr Gatte Richard (Heiner Lauterbach) ist von dieser Idee alles andere als begeistert, trotzdem nimmt das Paar in der Ehekrise den Flüchtling Diallo (Eric Kabongo) bei sich auf. Doch dann verschlägt es erst die dauerstudierende Tochter Sofie (Palina Rojinski) auf der Flucht vor einem Verehrer nach Hause und schließlich steht auch der burnoutgefährdete Sohn Philipp (Florian David Fitz) samt Enkel Basti (Marinus Hohmann) vor der Tür: Das Chaos bei den Hartmanns ist perfekt…



    Auf den ersten Blick wirkt „Willkommen bei den Hartmanns“ ein wenig überambitioniert. Nicht nur alle Mitglieder der Protagonistenfamilie Hartmann werden mit all ihren großen und kleinen Wehwehchen porträtiert, sondern Regisseur und Drehbuchautor Simon Verhoeven gibt auch jeder noch so kleinen Nebenfigur ein klares eigenes Profil. Das führt zu gewissen Abschweifungen, doch zugleich bekommen die Themen des Films erst durch die über die Familie hinausgreifende Perspektive ihre willkommene Tiefe. Aus dramaturgischer Sicht wird etwa eine Figur wie die überengagierte Flüchtlingshelferin Heike (mit Feuereifer verkörpert von Ulrike Kriener) nicht unbedingt benötigt, doch sie fügt dem Film eine weitere aufschlussreiche Facette hinzu. Und in diesem Sinne eines umfassenden Panoramas gibt es im Flüchtlingsheim neben der hilfsbedürftigen Mehrheit auch einen radikaldenkenden Moslem, während Sofies Stalker sich wiederum als irrer Nazi entpuppt. Am Wichtigsten ist dabei, dass sie alle trotz mancher karikaturesker Zuspitzung nie ihre menschliche Seite verlieren – und so ist „Willkommen bei den Hartmanns“ weder ein naives „Refugees Welcome“-Märchen noch eine ängsteschürende Polemik, sondern eine kritische Bestandsaufnahme voller Humor und Mitgefühl.

    Wenn Angelika Hartmann nachts davon träumt, dass der Islamische Staat die Gewalt über München an sich gerissen hat, ist das so grotesk überzeichnet, dass der anschließende Wechsel zum Gespräch über das echte Grauen in den von der Terrormiliz unterjochten Heimatländern der Flüchtlinge eine umso intensivere und emotionalere Wirkung entfaltet. Immer wieder kontrastiert Simon Verhoeven visuell auffällige Szenen und körperbetont-überspitzten Humor mit berührend-schonungslosen Dialogszenen über das Schicksal der Hilfesuchenden. Das gibt „Willkommen bei den Hartmanns“ einen ungewöhnlichen Rhythmus und macht ihn stellenweise zu einer regelrechten Gefühlsachterbahn. Dass der Film dabei nie aus der Spur gerät, ist zu wesentlichen Teilen Eric Kabongo als Diallo zu verdanken, bei dem diverse Erzählebenen zusammenlaufen und der zudem das emotionale Zentrum der Erzählung darstellt (besonders bewegend: eine Szene, in der er vor einer Schulklasse von seinen Kriegs- und Fluchterfahrungen berichtet). Der Newcomer, der schon in der niederländischen Adaption von Simon Verhoevens RomCom-Hit „Männerherzen“ mitgewirkt hat, spielt den grundsympathischen Flüchtling mit einer Mischung aus offenherziger Gutmütigkeit, zaghaftem Lebensmut und in sich gekehrter Traurigkeit.

    Während Eric Kabongo und die meisten anderen Hauptdarsteller bodenständig-differenzierte Darstellungen bieten, sorgt Uwe Ochsenknecht („Stadtlandliebe“) als exzentrischer Schönheitsdoc für ein wenig satirische Schärfe: Er verkörpert nicht nur einen notorischen Frauenhelden, der die Ehe der Hartmanns gefährdet, sondern mit seinen arglos herausposaunten fragwürdigen politischen Ansichten auch das Stereotyp des „besorgten Bürgers“, das dadurch als parteiisch missbrauchte Klischeefigur entlarvt wird. Ganz anders wiederum „Fack Ju Göhte“-Star Elyas M’Barek als kompetenter Jungmediziner Dr. Tarek Berger. Seine Rolle fällt überraschend klein aus und Tareks sanfte und von Vorurteilen begleitete Romanze mit Sofie bleibt nur ein Randaspekt der Geschichte. Aber auch diese schnörkellos-sympathische Episode trägt dazu bei, dass aus „Willkommen bei dem Hartmanns“ ein außergewöhnlich vielschichtiger, unverkrampfter, mutiger, politisch nicht immer ganz korrekter und menschlicher Film wird.

    Fazit: Regisseur Simon Verhoeven beleuchtet das schwierige Thema Flüchtlingskrise in seiner Tragikomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ auf facettenreiche und verständnisfördernde Weise: ein Film zum Lachen, Weinen und Nachdenken.
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    Kommentare

    • Fain5
      Soso mal wieder sind alle mit anderer Meinung weniger intellektuell? Wolltest du das damit sagen?
    • Stefan
      Leider ein sehr belangloser, mittelmäßiger Film. Immer vorhersehbar. Er kommt halt genau zur passenden Zeit. Vor 10 Jahren wäre er 14 Uhr auf Vox gelaufen. Ich konnte keine wirklich tragische noch komische Momente erkennen. Die Diskussionen verstehe ich nicht wirklich. Fazit: Maximal Mittelmäßiger Familienfilm. Schade.
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