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    Terror - Ihr Urteil
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Terror - Ihr Urteil
    Von Björn Becher
    In seinem Theaterstück „Terror“ widmet sich Bestsellerautor und Jurist Ferdinand von Schirach einem klassischen aus der Philosophie bekannten Dilemma: Darf man unschuldige Menschen töten, um eine größere Anzahl anderer zu retten? Diese grundlegende ethische Fragestellung diskutiert er anhand eines brisanten und hochaktuellen juristischen Fallbeispiels, wobei er keine Lösung vorgibt, sondern das Urteil seinem Publikum überlässt: Am Ende des Stücks gibt es eine Pause, in der die Zuschauer diskutieren und entscheiden dürfen. Je nachdem, welches Verdikt die Mehrheit fällt, folgt eine entsprechend andere Schlussszene. Für die Verfilmung des Stoffs hat Regisseur Lars Kraume („Der Staat gegen Fritz Bauer“) diese Struktur nun übernommen. Sowohl bei den bundesweiten Kinovorführungen am 14. Oktober 2016 als auch bei der TV-Ausstrahlung am 17. Oktober 2016 in der ARD gibt es fünf Minuten vor Ende des Films eine Unterbrechung und die Möglichkeit zur Diskussion und Abstimmung, ehe der jeweilige passende Schluss gezeigt wird. Doch das Gerichtsdrama ist bei weitem nicht nur wegen dieses interaktiven Experiments etwas Besonderes. Es sind vielmehr die 84 Minuten vor der Unterbrechung, die „Terror – Ihr Urteil“ zu einem herausragenden Film machen.
     
    Lars Koch (Florian David Fitz) steht vor Gericht. Der Major der Luftwaffe hat eine Passagiermaschine abgeschossen und so 164 Menschen getötet. Er hat damit aber vielleicht auch 70.000 Menschen das Leben gerettet. Denn das Flugzeug war in der Hand eines Selbstmordattentäters, der kurz davor stand, die Maschine in die vollbesetzte Münchner Allianz Arena stürzen zu lassen. Lars Koch gibt zu, die klaren Befehle seiner Vorgesetzten verweigert zu haben. Doch er und sein Verteidiger (Lars Eidinger) argumentieren, dass er so handeln musste und in einer ausweglosen Situation die Verantwortung übernommen hat. Die Staatsanwältin (Martina Gedeck) legt Koch dagegen Mord an 164 Menschen zur Last: Ein Leben könne niemals gegen ein anderes aufgewogen werden, ein einzelner Mensch dürfe sich nicht zum Herrn über Leben und Tod aufschwingen. Der Richter (Burghart Klaußner) hört die Argumente sowie Koch und zwei Zeugen. Das Urteil fällt er gemeinsam mit seinen Schöffen, dem Zuschauer.



    Lars Kraumes „Terror – Ihr Urteil“ ist ein klassisches Kammerspiel. Abgesehen von der allerersten Einstellung (ein Flugzeug im Himmel begleitet von Nachrichtenreporterstimmen) spielt sich das komplette Geschehen in einem Berliner Gerichtssaal ab. Gleich zu Beginn durchbricht dabei der von Burghart Klaußner („Das weiße Band“) gespielte Richter die vierte Wand und wendet sich direkt an das Publikum, um diesem seine Rolle zu erklären: Der Zuschauer ist hier nicht nur Konsument und stiller Betrachter, sondern wird zur aktiven Teilnahme aufgefordert. Er soll vorgefasste Meinungen möglichst ignorieren und seine Entscheidung auf Grundlage der Fakten treffen, die er im folgenden Gerichtsprozess hören wird.

    Der schreibende Jurist Schirach lässt die Prozessbeteiligten in seinem Stück zwar das ein oder andere rechtliche Scharmützel austragen, doch zu keinem Zeitpunkt überlagert trockene Theorie die Debatte und die Emotionen. Schon auf der Bühne beeindruckt die extrem intensive Aufbereitung des verhandelten Konflikts – doch in der Filmadaption kommen die Qualitäten der Vorlage noch besser zum Tragen. Regisseur Lars Kraume, seine exzellente Crew um Kameramann Jens Harant („Jack“) und Filmeditorin Barbara Gies („Die kommenden Tage“) sowie die herausragende Besetzung sorgen für Hochspannung von der ersten bis zur letzten Minute. Während der langen Monologe und Wortwechsel werden immer wieder andere Personen in Großaufnahmen ins Bild gerückt, die Reaktionen des Angeklagten, der Juristen oder der Zuschauer im Gerichtssaal unterstreichen die Kraft und die Tragweite der Äußerungen.

    In den Gesichtern ist die Anspannung der Beteiligten abzulesen, die besondere Intensität der Situation wird durch die Klarheit und Einfachheit der Inszenierung noch verstärkt. Lars Kraume vermeidet es, eine Partei stärker in den Blickpunkt zu rücken als die andere, auch gibt es keinerlei Musik, die den Zuschauer emotional in eine bestimmte Richtung lenken könnte. Und die prominenten Hauptdarsteller verschwinden weitgehend hinter ihren Rollen. Lars Eidinger („Alle Anderen“) bewegt sich als genervter, patziger und etwas unkonventioneller Anwalt zwar an der Grenze zur Karikatur, überschreitet diese aber nicht und findet in den entscheidenden Momenten – etwa beim Eröffnungsmonolog und beim Schlussplädoyer – zu großer Form. Noch stärker sind Martina Gedeck („Das Leben der Anderen“) als Staatsanwältin und Florian David Fitz („Vincent will meer“) als auch in Rechtsfragen sehr gebildeter Angeklagter. Wenn die beiden Figuren hier eine moralisch tiefgehende Debatte führen, dann treten die Persönlichkeiten der Darsteller vollständig hinter die Worte zurück, die ganze Konzentration liegt auf dem zentralen Konflikt.

    In „Terror – Ihr Urteil“ gibt es keine überraschenden Wendungen. Die Ausgangslage ist schnell klar. Und ob die Passagiere der Maschine vielleicht selbst den Terroristen hätten überwältigen können, wie die Zeugin (Jördis Triebel) vermutet, wird genauso unklar bleiben wie die Antwort auf die Frage an den Zeugen (Rainer Bock), warum das Stadion nicht evakuiert wurde. Der Ablauf der Tat ist unstrittig, in den Einlassungen der Akteure geht es um mehr, um Grundsätzliches. Mit einer bildreichen Sprache sorgt Schirach dafür, dass die Diskussionen über Gesetze und Gewissen zu keinem Zeitpunkt langweilig oder trocken sind – im Gegenteil. Die Dialoge sind so präzise, die Gedankengänge so klar, die Argumente so nachvollziehbar,  dass „Terror“ zu einem regelrechten Wort-Thriller wird. Hier gib es keine eindeutig richtige oder falsche Seite und da ist es dann nur konsequent, wenn das Urteil dem Publikum überlassen wird. „Terror – Ihr Urteil“ liefert weit über die Abstimmung hinaus Stoff für Debatten, ob nun im Kinosaal oder vor dem TV-Gerät.
     
    Fazit: Lars Kraume macht aus Ferdinand von Schirachs vieldiskutiertem Theaterstück einen herausragenden Film: Die Intensität der Worte wird durch die erstklassigen Darsteller und die exzellente Inszenierung noch verstärkt.

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