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    Ip Man 4: The Finale
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Ip Man 4: The Finale

    Noch mal ein echter Kracher zum Schluss!

    Von Oliver Kube
    Selbst die beste Kinoreihe geht irgendwann zu Ende – und die Kunst ist es, den richtigen Punkt für das große Finale zu finden. Wobei das nur selten gelingt. Stattdessen wird die Erzählung in den allermeisten Fällen so lange ausgedehnt und immer weiter verlängert, bis man keine kreativen Ideen mehr hat oder – noch schlimmer! – sie ohnehin niemand mehr sehen will. Bei der „Ip Man“-Reihe über das Leben und Wirken des legendären Kung-Fu-Kämpfers und -Lehrers Ip Man (1893-1972) wollen die Fans hingegen immer noch mehr. Die Filme werden sogar von Teil zu Teil erfolgreicher.

    Und dennoch trägt „Ip Man 4“ nun den Untertitel „The Finale“ – ein eindeutig-endgültiger Abschluss auf sehr hohem Niveau! Der für alle Filme verantwortlich zeichnende Regisseur Wilson Yip und sein Hauptdarsteller Donnie Yen können mit zahlreichen grandios choreografierten und in Szene gesetzten Actionszenen noch einmal an allerbeste Zeiten anknüpfen. Daneben begeistern sie Fans zusätzlich mit vielen Referenzen auf die ersten drei Filme – und der Abschluss gerät wahrhaft tatsächlich bewegend.

    Egal was passiert - Ip Man bleibt cool!


    1964: Ip Man (Donnie Yen) erhält von seinem Arzt die fatale Nachricht, dass bei ihm ein Kopf-Hals-Karzinom und damit Krebs diagnostiziert wurde. Aus Sorge um die Zukunft seines rebellischen, nun bald zum Vollwaise werdenden Teenagersohns nimmt Ip Man die Einladung seines früheren Schülers Bruce Lee (Chan Kwok-Kwan) an, um in San Francisco dessen Kampfsportstudio zu besichtigen und sich zugleich nach einer möglichst guten Lehreinrichtung für Ching (Jim Liu) umzusehen. Um seinen Sohn dort unterzubringen, bräuchte er allerdings ein Empfehlungsschreiben der örtlichen chinesischen Einwanderervereinigung. Doch deren Vorsitzender Wan (Yue Wu) verurteilt, dass Bruce Lee Ausländer in chinesischer Kampfkunst unterrichtet – und begegnet deshalb auch dessen Meister Ip Man feindselig…

    Es sind nicht die einzigen Schwierigkeiten, in die der Martial-Arts-Lehrer trotz seiner zurückhaltenden Art gerät. Überall registriert er in den USA Rassismus und Ressentiments gegenüber Chinesen – und ist damit nicht allein. Als der chinesisch-stämmige Amerikaner Hartman (Vanness Wu) bei den Marines anregt, dass man den von Lee und Ip gelehrten Wing-Chun-Stil ins Trainingsprogramm aufnehmen sollte, wird er von dem alles Fremde hassenden, aggressiven Drill-Sergeant Barton Geddes (Scott Adkins) gedemütigt. Der hält ohnehin Karate für die deutlich überlegene Kampfsportart und ist fest entschlossen, dies aller Welt zu beweisen – weshalb er jeden zu Brei schlägt, der Kung Fu kämpft.

    Donnie Yens Bedingung


    Hauptdarsteller Donnie Yen, der zudem als Produzent der Martial-Arts-Kracher fungiert, hatte bereits nach „Ip Man 2“ Bedenken weiterzumachen. Er glaubte, der zweite Teil wäre so gelungen, dass er ohnehin nicht mehr übertroffen werden könne. Erst als Stammregisseur Wilson Yip ihn mit einem Drehbuch und dem Mitwirken des von Yen bewunderten Ex-Boxweltmeister Mike Tyson als Gaststar überzeugte, willigte er ein, Ips schwarze Kutte, die die Figur für westliche Zuschauer fast wie einen Priester aussehen lässt, wieder überzustreifen.

    Bevor nun „Ip Man 4: The Finale“ in Produktion gehen konnte, gab es einen ähnlichen Tanz. Mit der Absicht, der Reihe einen würdigen Abschluss zu geben, ließ sich Yen dieses Mal (neben einer angeblich fürstlichen Bezahlung) zusichern, dass die Titelfigur den Abspann nicht überleben werde – und da die Macher selbst kein Geheimnis darum machen, können wir auch hier verraten, dass diese Bedingung erfüllt wird. „Ip Man 4: The Finale“ gipfelt so in einer unglaublich emotionalen Montage mit clever zusammengefügten Ausschnitten aus den ersten drei Teilen, die Fans mit Sicherheit begeistern wird.

    Chan Kwok-Kwan - ein glaubhafter Bruce Lee!


    Davor gibt es aber natürlich erst mal eine ganze Reihe spektakulärer Fights, die einmal mehr von Altmeister Woo-Ping Yuen („Matrix“, „Kill Bill“) grandios und einfallsreich choreografiert wurden. Sie bieten jede Menge Tempo, Dynamik und Punch. Dank der Virtuosität von Kameramann Siu-keung Cheng („Exiled“) und Cutter Ka-Fai Cheung („Die wandernde Erde“) sieht man trotzdem alles – jeden Schlag, jeden Griff, jeden Kick. Mit Ausnahme von einigen kurzen Zeitlupen- bzw. -raffer-Einsätzen wird kaum sichtbar getrickst. Der Gebrauch von Drähten hält sich sehr in Grenzen und die Präsenz des Stuntmans anstelle des zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 55 Jahre alten Hauptdarstellers ist maximal an zwei bis drei Stellen kurz zu bemerken. Und dazu muss man schon richtig gut aufpassen.

    Yen ist offensichtlich weiterhin in Topform – und dabei sprechen wir nicht nur über seine physische Verfassung. Nach zwischenzeitlichen Auftritten in Hollywood-Filmen wie „Rogue One: A Star Wars Story“ oder „ 3: Die Rückkehr des Xander Cage“ fühlt er sich hier – zurück in seiner Paraderolle – augenscheinlich pudelwohl. Trotzdem nimmt er sich schauspielerisch aber immer wieder auch zurück, um (ähnlich dem realen Vorbild) der auf den ersten Blick unscheinbare, stille Mann im Hintergrund zu sein. So ist seine Performance sehr kontrolliert, gerade für ein Martial-Arts-Drama angenehm subtil und feinsinnig gehalten.

    “Full Metal Jacket“ lässt grüßen


    Das lässt sich von Scott Adkins‘ („Undisputed 2“) Darbietung hingegen nicht behaupten. Aber das würde auch gar nicht zu der völlig überzeichneten Figur des rassistischen Karatekämpfers passen. Die legt der Brite eindeutig als eine Hommage an den einst von R. Lee Ermey verkörperten Gunnery Sergeant Hartman aus Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“ an. So macht es riesigen Spaß, die beiden Ausnahmekönner – Yen als der immer bedachte, weise Großmeister und Adkins als rein impulsiv handelnder (und kämpfender!) Choleriker – zum ausgedehnten, trotzdem keine Sekunde zu lang geratenen Showdown gegeneinander antreten zu sehen.

    Auch die anderen Kämpfer machen durch die Bank eine gute Figur. Speziell der Geddes sadistischen Handlanger spielende Chris Collins („Paradox - Kill Zone Bangkok“) und der taiwanesisch-amerikanische Popstar Vanness Wu („Birth Of The Dragon“) überzeugen. Ein beträchtlicher Teil des Publikums wird es geradezu lieben, Ersteren zu hassen. Wu hingegen gibt den mutigen Soldaten Hartman („Full Metal Jacket“ lässt erneut grüßen), der es wagt, gegen seine tyrannischen Vorgesetzten aufzubegehren und so unter anderem die Aufgabe hat, die Sympathien auf sich zu ziehen. Chan Kwok-Kwan ist daneben erneut die 1-A-Besetzung als Bruce Lee. Das passt einfach äußerlich, er imitiert dazu Kampfstil, Mimik und sonstige Bewegungen gekonnt – auch wenn sich der ein oder andere Fan trotz ausgebauter Rolle gegenüber „Ip Man 3“ deutlich mehr Szenen mit ihm wünschen dürfte.

    Scott Adkins als Rassist - man liebt, ihn zu hassen!


    Neben Auftritten beliebter Sidekicks aus den Vorgängern gibt es eine neue Frauenfigur als „Ersatz“ für Ip Mans verstorbene Frau. Dem Autorenteam unterläuft dabei nicht der Fehler, einen bloßen Ersatz zu kreieren, sondern sie haben eine interessante, auch sehr klug geschriebene neue Figur geschaffen: Yonah, die wir uns auch als Heldin eines möglichen Spin-offs vorstellen könnten und mit Pep und Gefühl von Newcomerin Vanda Margraf gespielt wird. Ip Man freundet sich mit der Teenagerin an, als er ihr gegen einen Haufen rassistischer Mitschüler hilft, ohne zu wissen, dass sie die Tochter von Wan ist. Die Gespräche mit dem Mädchen, ihr Konflikt mit ihrem Vater, führen zur typischen Selbstreflexion von Ip Man über seine eigenen Probleme mit seinem Sohn.

    Obwohl ein Bruce-Lee-Gassenkampf in Anlehnung an dessen Filme mit großen Gesten daherkommt, übt man sich bei den Kampfszenen immer wieder auch mal in passender Zurückhaltung. Bei der Darstellung des Fremdenhasses in den USA zu jener Zeit geht man allerdings deutlich weniger subtil zu Werke. Sehr plakativ wird die Abscheu der „wahren Amerikaner“ gegenüber denen chinesischer Abstammung zur Schau gestellt. Implikationen bezüglich der Situation heutiger Einwanderer im Land Of The Free dürften durchaus beabsichtigt sein – und die sehr patriotische Perspektive der chinesischen Produktion scheint durch.

    Fazit: Ein rundum passender Schlusspunkt, der alle Fans der Martial-Arts-Reihe zufriedenstellen dürfte – mit deftiger Action und auch ein paar Momenten fürs Herz.

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