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Operation: Overlord
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Operation: Overlord

Ein verdammt geil aussehender Nazi-Zombie-Reißer

Von
Wenn „Lost“-Erfinder und „Star Wars 7“-Regisseur J.J. Abrams einen Genrefilm mit geheimnisvollem Titel produziert, wird früher oder später immer darüber spekuliert, ob es sich dabei nicht vielleicht doch um einen weiteren Teil der „Cloverfield“-Reihe handeln könnte. Schließlich hat Abrams im Fall von „10 Cloverfield Lane“ und „The Cloverfield Paradox“ sogar bereits fertige Drehbücher nachträglich in das Franchise eingegliedert, um die Filme durch das Aufdrücken des „Cloverfield“-Stempels leichter vermarkten zu können. Ob dieser Marketing-Kniff auch bei „Operation: Overlord“ jemals ernsthaft zur Diskussion stand, wissen wir nicht. Es war aber auf jeden Fall die richtige Entscheidung, den Film für sich stehen zu lassen. Der Horror-Kriegsfilm passt nämlich schon deshalb nicht in das „Cloverfield“-Universum, weil er – auch wenn die Trailer etwas anderes andeuten – ganz ohne großen Twist auskommt. Stattdessen präsentiert Regisseur Julius Avery einen durch und durch gradlinigen, verdammt gutaussehenden, brachial effektiven Nazi-Zombie-Actioner. Es ist erfreulich zu sehen, was man in diesem Genre, das eigentlich schon endgültig an das Trash-Kino verloren schien, mit einem anständigen Budget alles anfangen kann.

Im Jahr 1944 landen die Streitkräfte der Alliierten im Norden von Frankreich, um durch das Eröffnen einer zweiten Front die Sowjetunion im Osten zu entlasten. Der Deckname für die kriegsentscheidende Mission lautet Operation Overlord. Beteiligt sind an der Aktion auch die Amerikaner Boyce (Jovan Adepo) und Ford (Wyatt Russell), die sich plötzlich ohne nennenswerte Unterstützung hinter feindlichen Linien wiederfinden, nachdem die Deutschen ihr Flugzeug vom Himmel geschossen haben. Trotzdem halten die Soldaten an ihrem Auftrag fest: Sie sollen einen Radarturm in einem kleinen französischen Dorf zerstören, damit ihre am Strand eingekesselten Kameraden endlich die Luftunterstützung erhalten, die sie so dringend benötigen. Aber dann macht Boyce während einer Erkundungstour eine grauenvolle Entdeckung. In den Kellergewölben unter dem Turm haben die Nazis ein Labor eingerichtet, in dem sie bei der Forschung nach einem Supersoldaten grausame Menschenexperimente durchführen…


Von „Angry Nazi Zombies“ über „War Of The Dead“ bis hin zum bisherigen Genre-Primus „Dead Snow“ – es mangelte auch vorher nicht an Nazi-Zombies. Nur kamen diese eben nahezu ausschließlich in betont trashigen Produktionen vor, in denen zudem meist ein augenzwinkernder (Meta-)Humor vorherrscht. „Operation: Overlord“ gehört definitiv nicht in diese Aufzählung – und das liegt eben nicht nur daran, dass es sich bei den mutierten Kreaturen in den Kellergewölben gar nicht um Zombies im klassischen Sinne handelt. Stattdessen entpuppt sich der neueste J.J.-Abrams-Streich als ein erstaunlich ernsthafter Kriegsfilm – nur eben garniert mit grauenerregenden Monstern. Der offensichtlichste Vergleich wäre deshalb wohl der missratene „Trench 11“, wobei auch dieser nicht wirklich angemessen ist. Julius Avery („Son Of A Gun“) hat bei „Operation: Overlord“ schließlich nicht nur ein nennenswertes Budget zur Verfügung (in diesem Genre ein echtes Novum), er versteht auch, das absolute Maximum aus diesem herauszuholen.

Das zeigt sich bereits in den ersten Szenen des Films. Schon wenn die Soldaten aus dem buchstäblich zur Hälfte weggeschossenen Flugzeug springen und die Kamera in einer schnittlosen Einstellung mit dem Protagonisten durch ein wahres Himmels-Inferno aus Flakfeuer, Bomben und explodierenden Flugzeugen stürzt, mag man kaum noch glauben, dass man hier gerade tatsächlich in einem Nazi-Horrorfilm sitzt. Das ist großes Kriegsfilm-Kino. Und dann gibt es auch noch diese Einstellung von einem brennenden Wald, in der man vor den feurigen Nebelschwaden die Schatten der toten Soldaten sieht, die mit ihren Fallschirmen von den Baumwipfeln herabhängen. Schrecklich und wunderschön zugleich. Und gerade deshalb so verstörend. In einem Testscreening, wo das Publikum nicht weiß, was es zu sehen bekommt, könnte man den Zuschauern nach den ersten 15 Minuten von „Operation: Overlord“ wohl auch erzählen, es handele sich hier um den neuen Film von Christopher Nolan oder Steven Spielberg. Wahrscheinlich würde niemand widersprechen. Zumindest nicht sofort.

Allerdings kann Julius Avery diesen Eindruck nicht den ganzen Film hindurch aufrechterhalten. Das wäre aber wohl auch wirklich zu viel verlangt. Nach dem krachenden Auftakt landen die amerikanischen Soldaten in einem von den Deutschen okkupierten Dorf, wo sie sich auf dem Dachboden von Chloe (Mathilde Ollivier) verstecken. Dazu kommt mit Wafner (Pilou Asbæk) ein General der Wehrmacht, der von der jungen Französin Sex gegen Sicherheit verlangt. Das ist eines der Standard-Szenarios des Zweiter-Weltkrieg-Kinos – und „Operation: Overlord“ hat ihm kaum etwas Eigenes hinzuzufügen. Außer natürlich die schwer keuchende Tante im Nachbarzimmer, die offenbar an einer Art Beulenpest leidet, aber von den Make-up-Künstlern derart grotesk hergerichtet wurde, dass man sich ab dem ersten Blick tierisch auf das freut, was da in der zweiten Hälfte wohl noch alles aus den verqueren Gehirnen der Kreaturen-Designer auf die Leinwand losgelassen werden wird.

Und das hat es dann auch tatsächlich in sich. Schon vor dem Auftritt der ersten Monstrosität lassen die Gerätschaften des Labors die kranken Gedanken des Publikums Amok laufen. Eine der Apparaturen, die aus Säcken und Schläuchen besteht, dazu Schlurfgeräusche macht und schwarzen Schleim absondert, erinnert etwa an einen künstlichen Uterus. Die Ausstatter und Make-up-Künstler sind jedenfalls die gar nicht so heimlichen Stars des Films. Wobei wir zu den Kreaturen möglichst wenig verraten wollen. Deshalb nur ganz allgemein: Es tut „Operation: Overlord“ unglaublich gut, dass er eben kein klassischer Zombie-Film ist. Stattdessen gibt es viel weniger Kreaturen, als man vermuten würde – aber die sind dafür mit einem eigenen Charakter und einem eigenen, erinnerungswürdigen Design ausgestattet. Als würde man bei „Resident Evil“ nur gegen die Endgegner antreten. Und das macht ja auch Sinn: Schließlich geht es um aus dem Ruder laufende Experimente und nicht um eine stehende Massenproduktion. Alles Unikate. Klasse statt Masse. Das Tausendjährige Reich braucht Tausendjährige Soldaten. Und wir bekommen die effektivsten Leinwandmutanten seit langer Zeit.

Fazit: Manchmal hilft Geld doch! „Operation: Overlord“ protzt in einem Genre, wo sonst meist nur geknausert wird. Das Ergebnis ist ein verdammt geil aussehender, konsequent brutaler, unerwartet ernsthafter Nazi-Zombie-Reißer, der am Anfang als krachender Kriegsfilm und am Ende als hochtouriger Horrorfilm begeistert und nur in der Mitte zwischen seinen beiden Action-Passagen ein wenig durchhängt.
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