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Das Ende der Wahrheit
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Das Ende der Wahrheit

Die Graustufen des BND

Von Oliver Kube
Ob nun wegen der hausbackenen Optik oder einem allzu formelhaften Drehbuch – deutsche Filme wirken häufig nicht unbedingt kinotauglich, sondern kommen eher wie fürs Fernsehen gemacht daher. Auf „Das Ende der Wahrheit“ von Regisseur Philipp Leinemann trifft dies nicht zu. Das erstaunt umso mehr, da das ebenso spannende wie emotionale und visuell überzeugende Thriller-Drama maßgeblich von der ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ mitproduziert wurde. Und glücklicherweise gibt es nun vor der TV-Ausstrahlung erst einmal eine wohlverdiente Kinoauswertung. Mit Ronald Zehrfeld und Alexander Fehling präsentieren sich in „Das Ende der Wahrheit“ schließlich zwei der derzeit überzeugendsten und auch international anerkanntesten hiesigen Schauspieler in Bestform.

Martin Behrens (Ronald Zehrfeld) ist als Analyst für Vorderasien beim Bundesnachrichtendienst tätig. Eines Tages leitet er Informationen an die CIA weiter, die zu einem US-Drohnenangriff auf einen führenden Terroristen im Nahen Osten führen. Nur kurze Zeit später kommt es in München zu einem Anschlag, der laut Bekennervideo als Vergeltungsaktion für die deutsche Beteiligung an der Tötung des Islamisten zu werten ist. Unter den Opfern befindet sich die Investigativ-Journalistin Aurice Köhler (Antje Traue), mit der Behrens eine heimliche Liebesbeziehung unterhielt. Köhler hatte wegen der Beteiligung des BND an dem Drohnenschlag, aber auch bezüglich angeblicher Verstrickung von Behördenmitarbeitern mit der internationalen Waffenlobby recherchiert. Trotz eindringlicher Warnungen diverser Vorgesetzter (Claudia Michelsen, Axel Prahl, Alexander Fehling) führt Behrens die Ermittlungen seiner toten Freundin weiter. Damit bringt er allerdings nicht nur sich selbst in Gefahr…

Philipp Leinemann („Wir waren Könige“), der auch selbst für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, hat hier, basierend auf jahrelanger Recherche, einen Polit-Thriller abgeliefert, der zeigt, wie das Geflecht von Lobbyismus und Politik die Arbeit der Nachrichtendienste zunehmend korrumpiert. BND-Mann Martin Behrens ist anfangs noch der Überzeugung, das Richtige zu tun und einen wichtigen Beitrag für sein Land und seine Ideale zu leisten. Auch wenn dies darin resultiert, dass er ein Leben voller Heimlichkeiten, Lügen und ständiger Unsicherheit bezüglich der Motive seiner Kontakte führen muss. So ruft selbst seine Beziehung zur Journalistin Aurice, die von Antje Traue („Man Of Steel“) in einem leider nur kurzen Auftritt verkörpert wird, beim Zuschauer Zweifel hervor: Liebt das Paar sich wirklich so innig, wie es den Anschein erweckt? Oder benutzen sie einander nur, um an Informationen zu gelangen beziehungsweise diese durchsickern zu lassen?

Mehr und mehr muss Behrens erkennen, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse fließend sind und eben nicht alles nur schwarz oder weiß ist. Der Job beginnt, ihn kaputt zu machen. Das bleibt auch seiner Tochter (Lene Oderich, „Bibi & Tina 2 - Voll verhext“) nicht verborgen und sie fragt ihn, warum er diesem denn dann überhaupt noch nachgehe. Seine resignierte, dabei erfrischend offene Antwort „Ich habe es mal gewusst…“ verdeutlicht, wie enorm der mentale Stress sein muss, dem ein Mensch, der selbst im Privaten nicht ehrlich sein kann, tagein tagaus ausgesetzt ist. Diese kurzen Momente mit der Tochter sind die einzigen, in denen sich sowohl Behrens als auch das Publikum wirklich sicher sein können, dass die Gefühle echt und die Gedanken pur sind.

Auf nahezu beängstigend realistische Weise gibt Ronald Zehrfeld („Barbara“) diesen zerrissenen Mann, der mehr als einmal an seiner moralisch alles andere als einfachen Aufgabe zu verzweifeln droht. Seine Blicke, seine Körperhaltung lassen jederzeit nachfühlen, wie dieser Alltag aus Täuschungen und ständigem Taktieren an ihm nagt. Besonders beeindruckend ist Zehrfelds Leistung, wenn seine Figur eiskalt handeln muss. Schon die Eröffnungsszene, in der er als Übersetzer für die Asyl-Behörden bei der Anhörung eines zwielichtigen Bewerbers fungiert, während er in Wahrheit eine ganz eigene Agenda verfolgt, illustriert dies anschaulich: Der Agent spricht und bewegt sich absolut souverän. Doch in den Bruchteilen von Sekunden, in denen er sich kurz unbeobachtet wähnt, verraten seine Augen, was tatsächlich in ihm vorgeht.

Nicht minder überzeugend ist Alexander Fehlings („Im Labyrinth des Schweigens“) abstoßend berechnende Interpretation von Behrens abgrundtief böse erscheinendem Vorgesetzten und Gegenspieler Lemke. Die Figur wirkt geradezu teflonartig, dazu stets abschätzend und analytisch. Emotionen scheinen hinter der neutralen, aufreizend langweiligen Fassade dieses kühlen Opportunisten überhaupt nicht vorhanden zu sein. Allerdings nur bis zu der Sekunde, in der er endlich überblickt, dass er auf der falschen Seite steht. Da stürzen die so sorgsam aufgebauten, inneren Mauern ein und Lemke wird ohne große Gesten oder pathetische Worte plötzlich zu einem Menschen aus Fleisch und Blut. Auch Fehling macht hier vieles nur mit Blicken.

Kulissen und Drehorte tragen ihr Übriges zum Gelingen und zur Authentizität bei. Hier wurde Erstaunliches mit einem im Vergleich zu ähnlich gelagerten internationalen Veröffentlichungen zweifellos knapp bemessenen Budget geschaffen. So stellen die im Süden von Gran Canaria gedrehten Wüstenszenen glaubwürdig den in Vorderasien angesiedelten, fiktiven Krisenstaat Zahiristan dar. Die dort stattfindenden, im Film nur einige Minuten in Anspruch nehmenden, aber für die Story und die Entwicklung der Figuren immens wichtigen Kampfhandlungen wirken jederzeit echt. Auch hinterlassen die anderen, in Leipzig und München ins Bild gesetzten Locations wie Büros und Privatquartiere erfreulicherweise nie den Eindruck einer typischen Studio-Atmosphäre.

Die immer nah dran und scheinbar dauerhaft in Bewegung befindliche, dabei nie in nerviges Gewackel ausartende Kameraarbeit von Christian Stangassinger, ebenso wie Regie, Schnitt und Drehbuch zählen mit zum Besten, weil Effizientesten, was in den letzten Jahren im Thriller-Segment aus Deutschland geboten wurde. Der Zuschauer entwickelt zwar schnell Ahnungen, erfährt klugerweise allerdings nie mehr als die Hauptfigur. Das ganz große Bild sowie das Ausmaß der verborgenen Handlungen der anderen Figuren erschließen sich beiden passenderweise immer nur bruchstückhaft. Mal auf subtile, dann wieder effektiv krasse Weise bekommen wir vermittelt, dass Geheimdienstarbeit zum größten Teil rein auf Instinkten, Vermutungen und Erfahrungen basierendes Rätselraten ist. Ein kleiner Wermutstropfen ist lediglich das allzu glatt geratene Ende, bei dem mehr Ambiguität wünschenswert gewesen wäre. Diese Art von alles unter einen Hut bringendem Finale ist dann womöglich doch der Neigung der Sender zur leichteren Verdaulichkeit geschuldet – aber solange das der einzige faule Kompromiss bleibt…

Fazit: Ein deutscher Polit- und Agenten-Thriller mit exzellenten Hauptdarstellern, einer relevanten, klug erzählten Story sowie erstaunlich hochwertiger Optik.

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