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    Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft
    Von Carsten Baumgardt
    In der Welt der Animes steht Mamoru Hosoda zwar ein wenig im Schatten von Großmeister Hayao Miyazaki („Prinzessin Mononoke“, „Ponyo“), der ihm einst auch den Regieposten bei Studio Ghiblis „Das wandelnde Schloss“ knapp vor der Nase weggeschnappt hat. Doch die Karriere des ausgebildeten Ölmalers kann sich ebenfalls sehen lassen, sein thematisch kohärentes Werk ist insbesondere in der Zusammenschau beeindruckend. In „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ erzählt er von der Jugend, in „Ame & Yuki – Die Wolfskinder“ steht das Thema Mutterschaft im Zentrum, in „Der Junge und das Biest“ geht es ums Vatersein und in „Summer Wars“ um die Familie als Ganzes. In „Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft“ beschäftigt sich Hosoda nun mit dem komplizierten Verhältnis von Bruder und Schwester. In diesem liebevollen und charmanten Animationsfilm vermischt der japanische Künstler eine etwas altbackene Gegenwartsgeschichte mit fantasievollen Ausbrüchen ins Magische, in denen Hosodas ganze gestalterische Kraft zum Ausdruck kommt.

    Das Leben des vierjährigen Kun (Stimme: Moka Kamishiraishi) könnte nicht besser sein, wohlbehütet wächst er in einem wohlhabenden Akademikerelternhaus auf. Doch als seine kleine Schwester Mirai (Haru Kuroki) geboren wird, verändert sich für den Jungen alles. Die Aufmerksamkeit seiner sonst so fürsorglichen Eltern liegt plötzlich – für ihn ungewohnt – ganz auf dem Baby. Während die Mutter (Kumiko Asô) zurück in den Job geht, kümmert sich der Vater (Gen Hoshino) um Haushalt und Kleinkind – während er nebenbei von zu Hause als Architekt arbeitet. Diese Dreifachbelastung überfordert ihn komplett. Kun bleibt dabei auf der Strecke und rebelliert. Er mag seine Schwester nicht, behauptet er. Und lässt Taten sprechen, indem er ihr mit seinem Spielzeugzug auf den Kopf schlägt. Da bekommt Kun Besuch aus der Zukunft und aus der Vergangenheit, was ihn die Situation aus einem anderen Blickwinkel betrachten lässt. So bekommt er die Möglichkeit, Gespräche mit seiner Baby-Schwester im Teenageralter zu führen oder sich von seinem Ur-Großvater Geschichten von früher erzählen zu lassen.



    Regisseur Mamoru Hosoda (Jahrgang 1967) ist selbst Vater zweier Kinder im Alter von fünf und zwei Jahren, wie er bei der Weltpremiere von „Mirai“ (so ist auch der Name seiner Tochter) beim Festival in Cannes 2018 verrät. Diese Erfahrung, die er verhältnismäßig spät im Leben macht, hat ihn dazu inspiriert, diesen Film zu drehen. Der Japaner erzählt freimütig auch vom schwierigen Verhältnis zu seinem eigenen, häufig abwesenden Vater. Autobiografische Elemente sind in Hosodas Schaffen offenkundig und geben ihm eine ganz persönliche Prägung – und so ist gerade das Porträt des Vaters in „Mirai“ mit vielen widersprüchlichen Emotionen aufgeladen.

    So vermeint man einerseits eine unterschwellige Verbitterung zu spüren, wenn Hosoda die Figur des Vaters als hochgebildeten Akademiker zeigt, der für seine Familie zwar ein hyperstylisches Designerhaus gestalten konnte, sich in den Rollen des Hausmanns und Erziehers aber wie ein Trottel anstellt – und dazu noch die Kontrolle über seine berufliche Arbeit verliert. Zugleich schwingt neben unausgesprochenen Vorwürfen aber auch etwas Versöhnliches mit in diesem Vater-Porträt, denn an einer Sache gibt es gar keinen Zweifel: Dieser Papa liebt seine Kinder über alles. Im Vergleich zu der facettenreichen Darstellung des Vaters wirkt wiederum der Konflikt zwischen Bruder und Schwester allzu simpel und oberflächlich, da ist es hochwillkommen, wenn Hosoda aus der Alltagssituation, wie sie in jeder japanischen Familie vorkommen könnte, ausbricht und seinen Film mit fantastischen Elementen auf eine höhere erzählerische und gestalterische Ebene hebt.

    Mit fantasievoll-magischen Szenen, die sich zumeist im verzauberten Garten der Familie abspielen, sprengt der Regisseur das Korsett des Gewöhnlichen – und dabei bekommt sogar die simpel gestrickte Geschichte geschwisterlicher Eifersucht geradezu etwas Philosophisches, wenn die Grenzen von Zeit und Raum aufgelöst werden und der tumbe Neid des Vierjährigen auf seine Schwester plötzlich unglaublich kleinlich erscheint. Der visuelle Höhepunkt ist aber eine vor Leben und Aktivität pulsierende Sequenz im Bahnhof von Tokio, wohin es den Zugfan Kun als staunenden Ausreißer verschlägt. Sie sticht mit ihrem Detailreichtum aus dem weitgehend im klassischen japanischen Stil animierten Film mit seinen pausbäckigen Kindergesichtern und den klaren, oft flächigen Strukturen heraus.

    Fazit: Mit „Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft“ legt der japanische Anime-Künstler Mamoru Hosoda zwar nicht sein bestes Werk vor, aber vor allem durch den auch visuell besonders starken Fantasy-Teil ist diese einfache liebevoll-unterhaltsame Fabel über die sich entwickelnde Beziehung zweier Geschwister allemal sehenswert.

    Wir haben „Mirai“ bei den Filmfestspielen in Cannes 2018 gesehen, wo der Film in der Sektion Quinzaine des réalisateurs gezeigt wurde.
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