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Offenes Geheimnis
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Offenes Geheimnis
Von
Nachdem zwei seiner vorherigen drei Werke mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurden („Nader und Simin – Eine Trennung“ 2011 und „The Salesman (Forushande)“ 2017), liefert Asghar Farhadi mit dem stargespickten Thriller-Melodram „Offenes Geheimnis“ nun seinen ersten Film in spanischer Sprache ab. Aber wie so häufig bei Regisseuren, die einen Film in einem fremden Land und in einer Nicht-Muttersprache drehen, geht auch hier ein großer Teil der Spezifizität verloren, die die Filme des Iraners bisher ausgezeichnet haben. Was bleibt, ist ein lange Zeit ziemlich spannender Kidnapping-Krimi mit schwacher Auflösung und ein Melodram, das auf der Zielgeraden lange nicht den emotionalen Punch entwickelt, der dem Stoff eigentlich angemessen wäre.

Die inzwischen mit ihrem wohlhabenden Ehemann Alejandro (Ricardo Darín) in Buenos Aires lebende Laura (Penélope Cruz) ist mit ihren beiden Kindern zur Hochzeit ihrer jüngeren Schwester Ana (Inma Cuesta) in ihr spanisches Heimatdorf gereist. Vor ihrem Weggang nach Argentinien hat sie ihren Anteil am Familienerbe einst an ihre Jugendliebe Paco (Javier Bardem) verkauft, der auf dem eigentlich wertlosen Stück Land mittlerweile ein gutlaufendes Weingut errichtet hat. Das sorgt allerdings auch für einige Missgunst, denn Lauras Vater Antonio (Ramón Barea), für den einst das halbe Dorf gearbeitet hat, ist wegen seiner Spielerei inzwischen selbst fast mittellos. Als während der Hochzeitfeierlichkeiten Lauras Teenager-Tochter Irene (Carla Campra) entführt wird, ist die Verzweiflung riesengroß und schon bald verdächtigt jeder jeden…


In den Filmen von Asghar Farhadi war es bisher meist ein scheinbar simples Ereignis wie eine Scheidung (wie in „Nader und Simin“) oder eine Verwechslung (in „The Salesman“), die der Auteur dann ebenso präzise wie unnachgiebig soweit eskalieren ließ, bis seine Beziehungsdramen am Ende oft so spannend wie ein Hitchcock-Thriller daherkamen. Deshalb liegt es eigentlich nahe, dass sich Farhadi nun mit „Offenes Geheimnis“ erstmals einem klassischen Whodunit widmet.

Und das mit der Spannung kriegt Farhadi auch diesmal wieder – zumindest eine ganze Zeit lang – ziemlich gut hin: Das kleine Städtchen und seine Bewohner könnten durchaus als spanische Variante eines typischen Agatha-Christie-Dorfes durchgehen - Verdächtige gibt es hier jedenfalls im Überfluss. Dazu kommen noch jeden Krimifan sofort aufhorchen lassende Details, die zusätzlich auf eine spannende Auflösung hoffen lassen: Warum zum Beispiel schicken die Kidnapper nicht nur Laura die Lösegeldforderungen aufs Handy, sondern auch Pacos Frau Bea (Bárbara Lennie)?

Aber wenn dann ziemlich lieblos die Auflösung präsentiert wird, stellt man plötzlich enttäuscht fest, dass Farhadi trotz der vielen Zeit, die er zuvor in das ausgiebige Streuen falscher Fährten gesteckt hat, offenbar nie sonderlich an dem reinen Krimi-Plot interessiert war. Zugegebenermaßen hätten wir von Farhadi auch gar nichts anderes erwartet, schließlich ist die Spannung bei ihm immer nur ein Mittel zum Zweck. Das Problem ist nur, dass die auch hier wieder zahlreich ans Tageslicht gezerrten gesellschaftlichen und familiären Abgründe lange nicht so genau beobachtet sind wie in seinen im Iran spielenden Filmen.

Für die Schulklasse seiner Frau gibt Paco eine launige Weinstunde und auf die Fremdenfeindlichkeit gegenüber den traubenpflückenden Gastarbeitern wird auch hier und da mal angespielt. Aber ganz ehrlich: Das ist Spanien für Anfänger und kommt über die Tiefe eines Themen-„Tatorts“ nur selten hinaus. Spannender ist da schon die ganze Familiendynamik – vor allem in Bezug auf die Statusumkehr: Schließlich ist der Bediensteten-Sohn Paco inzwischen gut im Geschäft, während der einstige Patriarch Antonio nicht nur einen stotternden Treppenlift braucht, sondern auch finanziell ziemlich weit unten angekommen ist.

Wie bei fast allen Filmen von Farhadi entwickelt sich aus dieser Konstellation auch in „Offenes Geheimnis“ schließlich ein moralisches Dilemma, das einen eigentlich zutiefst berühren müsste. Tut es aber nicht – und das liegt wohl eher an dem zwischenzeitigen Abdriften in Richtung spanische Seifenoper (der große Melodrama-Twist wurde in der Pressevorführung in Cannes mit einem Szenenlachen bedacht) als an den überzeugenden Schauspielern.

Penélope Cruz („Vicky Cristina Barcelona“) dominiert die erste Hälfte als verzweifelte Mutter, tritt dann aber in die zweite Reihe zurück und taucht fast nur noch in einem eindimensionalen Part als jammerndes Etwas auf. Diesen freigewordenen Raum weiß dann ihr Wahres-Leben-Ehemann Javier Bardem („No Country For Old Men“) über weite Strecken durchaus zu nutzen, nur eben das große emotionale Finale, das eigentlich die ganze tiefe Tragik seiner Figur zum Ausdruck bringen sollte, verpufft erstaunlich wirkungslos.

Fazit: „Offenes Geheimnis“ lässt sein Publikum mittendrin eine Stunde lang gebannt an den Nägeln kauen, überzeugt am Ende aber weder als Melodrama noch als Thriller wirklich. Kann man sich wegen des zwischenzeitlichen Spannungshochs insgesamt ganz gut angucken, ist aber weit entfernt von der Meisterschaft der vorherigen Filme von Asghar Farhadi.

Wir haben „Offenes Geheimnis“ im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes 2018 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm gezeigt wurde.
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