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Plötzlich Familie
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Plötzlich Familie

Eine gar nicht doofe Adoptions-Komödie

Von
Vor der ersten Szene der Familienkomödie „Plötzlich Familie“ gibt es eine Texttafel, die darauf hinweist, dass die folgende Geschichte auf wahren Ereignissen basiert. Nun muss das nicht viel heißen, die „wahren Ereignisse“ hinter dem Slasher „The Strangers“ beschränken sich etwa darauf, dass der Regisseur des Films in seiner Kindheit mal jemandem die Tür aufgemacht hat, der sich später als potentieller Einbrecher entpuppte. Aber im Fall der neuen Komödie von „Daddy’s Home“-Regisseur Sean Anders steckt tatsächlich mehr als nur ein Mini-Körnchen Wahrheit hinter der Ankündigung: In „Plötzlich Familie“ erzählt der Autor und Regisseur nämlich aus seinem eigenen Leben. Diese persönliche Nähe zum Stoff ist auch dem fertigen Film anzumerken. Denn obwohl „Plötzlich Familie“ weitestgehend nach den üblichen Mechaniken einer Hollywood-Familienkomödie funktioniert, sind es vor allem die spezifischen Details, die den stargespickten Film trotzdem zu einem der klar besseren Vertreter seines Genres machen.

Ellie (Rose Byrne) und Pete (Mark Wahlberg) stolpern eines Abends über die Website eines Kinderadoptionsdienstes. Sofort ist es um die beiden geschehen. Und da sie eh gerade über die Gründung einer Familie nachdenken, beschließen sie, sich näher mit dem Thema zu befassen. Beim Adoptionsdienst müssen sie zunächst eine Reihe von Prüfungen bestehen, eh sie sich für eines der Waisenkinder entscheiden dürfen. Beim Tag der offenen Tür springt ihnen die resolute Teenagerin Lizzy (Isabella Moner) ins Auge – und mit ihr ihre beiden jüngeren Geschwister Juan (Gustavo Quiroz) und Lita (Julianna Gamiz). Obwohl sich Ellie und Pete der Herausforderung bewusst sind, nehmen sie alle drei bei sich auf. Zunächst scheint auch alles glatt zu gehen, aber dann müssen Ellie und Pete realisieren, dass so eine Großfamilie nicht von allein zusammenwächst…


Sean Anders hat neben den beiden „Daddy’s Home“-Filmen unter anderem auch die Adam-Sandler-Komödie „Der Chaos Dad“ inszeniert. Auch in „Plötzlich Familie“ scheut der Regisseur nun nicht vor grob gestrickten Pointen zurück. Manchmal drohen die Marotten, die den Figuren angedichtet werden, dabei zum bloßen Selbstzweck zu verkommen. Aber meistens funktionieren die Running Gags ziemlich gut. So ist es zum Beispiel erstaunlich komisch, auf welche vollkommen absurden Arten es der als absoluter Tollpatsch gezeichnete Juan immer wieder schafft, sich zu verletzen. Und Isabella Moner („Transformers – The Last Knight“) verkörpert die Karikatur einer pubertierenden Teenagerin mit einer solchen Leidenschaft, dass man Ellies und Petes zunehmende Verzweiflung nur allzu gut nachvollziehen kann.

Ein weiterer Höhepunkt ist die Selbsthilfegruppe aus Adoptionseltern, in der Ellie und Pete regelmäßig ihre Erlebnisse schildern. Während man Mark Wahlberg („Mile 22“) und Rose Byrne („Juliet, Naked“) ihre ebenso verkrampften wie aufopferungsvollen Versuche, für Harmonie zu sorgen, jederzeit abnimmt, sind auch Octavia Spencer („The Help“) und Tig Notaro („Mädelsabend“) als staubtrocken kommentierende Leiterinnen hervorragend besetzt. Daneben spielt sich innerhalb der Gruppe vor allem die Komikerin Iliza Shlesinger in den Vordergrund. Mit einem breiten texanischen Akzent stellt sie sich unter ihrer Traumadaption vor, dass eine reiche weiße Frau einen armen schwarzen Jungen aufnimmt und aus ihm einen Football-Superstar macht. Dabei scheint sie selbst gar nicht zu merken, dass sie da gerade einfach nur den Plot von „The Blind Side“ nacherzählt, während die anderen Eltern (und mit ihnen das Kinopublikum) bei ihren abstrusen Schilderungen vor Lachen auf dem Boden liegen.

Auch aus der neuen Familienkonstellation ergeben sich viele tolle (Slapstick-)-Szenen. Sei es nun, weil ein Abendessen völlig aus dem Ruder oder die kleine Lita in einem Supermarkt Amok läuft. Manchmal ist der Humor sogar richtig bissig, etwa wenn die Verwandten bei Familienfeierlichkeiten völlig unbeholfen mit der Adaptionssituation umgehen. Aber häufiger als im Familienkomödien-Genre üblich schaut Sean Anders in „Plötzlich Familie“ auch hinter die vermeintlich lustige Fassade. Symptomatisch dafür steht eine Szene, in der Ellie und Pete dazu gratuliert wird, es sich mit der Adoption doch noch mal anders überlegt zu haben, was die beiden aufgrund der hohlen Argumentation des Gratulanten erst recht dazu animiert, die drei Kinder bei sich aufzunehmen. Darüber hinaus hinterfragt Anders auch das Prinzip von Adoptionszentren: Weshalb müssen potenzielle Adoptiveltern eigentlich erst einen Kurs bestehen, während leibliche Eltern einfach so Kinder in die Welt setzen dürfen?

Richtig ambivalent wird es aber erst, wenn schließlich die leibliche Mutter der Kinder auftaucht. Zwar wirkt das Finale anschließend recht konstruiert, aber zunächst einmal zeichnet Anders die leibliche Mutter eben nicht als plumpen Antagonisten. Stattdessen stellt er aufrichtig die Frage, was eigentlich genau eine Familie ausmacht. Die Teenagerin Lizzy verbindet mit ihrer Mutter nämlich durchaus positive Erlebnisse und will unbedingt zu ihr zurück, während sich das bei ihren jüngeren Geschwistern ganz anders verhält. Natürlich erreicht all das nie die Tiefe eines ausgewiesenen Dramas, aber an diesen Stellen zahlt es sich eben doch besonders aus, dass hier ein Filmemacher von seinen ganz persönlichen Erfahrungen berichtet und dabei auch die unangenehmen Seiten nicht ausspart.

Fazit: „Plötzlich Familie“ ist eine mit oft sympathischen, manchmal plumpen Pointen gespickte Komödie, die das Thema Adoption zugleich von einer angemessen ernsthaften und emotional ehrlichen Seite beleuchtet.
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