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Boarding School
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Boarding School
Von Christoph Petersen
Mit dem inzwischen wieder etwas abklingenden Young-Adult-Boom ist auch ein Genre zurückgekehrt, das vor „Harry Potter und der Stein der Weisen“ als ziemlich angestaubt galt: der Internatsfilm. Schließlich lebt nicht nur der Zauberschüler mit der Blitznarbe während des Semesters in Hogwarts, auch eine ganze Reihe weiterer YA-Vertreter wie „Vampire Academy“ oder „Fallen – Engelsnacht“ spielen ebenfalls in einem Internat. Hierzulande verstärken erfolgreiche Kinderfilm-Kinoreihen wie „Hanni und Nanni“ oder „Burg Schreckenstein“ den Eindruck eines Internat-Revivals zusätzlich.

Während jedoch alle diese Filme gemein haben, dass sie auf einer erfolgreichen Buchvorlage basieren, hat sich Regisseur und Drehbuchautor Boaz Yakin („Gegen jede Regel“, „Safe“) nun sein eigenes, vollkommen originäres Internats-YA-Horror-Skript geschrieben: Herausgekommen ist dabei mit „Boarding School“ ein Film, der sich zwar vordergründig an all die Regeln des Genres hält, zugleich aber einen erzählerischen Bogen wagt, der an Kühnheit kaum noch zu übertreffen ist. Vielleicht steht Yakin am Ende dieses gewagten Unterfangens die Landung nicht ganz perfekt, aber allein für seine Furchtlosigkeit gebührt ihm gehöriger Respekt.

New York in den 1990ern: Der 12-jährige Jacob Felsen (Luke Prael) liest gerne Comics mit Vampiren und schaut mit Vorliebe Horrorfilme im Fernsehen. Nachts schreit er sich anschließend wegen seiner Albträume die Seele aus dem Leib, was seine Mutter Isabel (Samantha Mathis) zunehmend in den Wahnsinn treibt. Als Jacob nach dem Tod seiner ihm unbekannten Großmutter in deren alten Kleidern durch die Wohnung tanzt, hat auch sein Stiefvater Davis (David Aaron Baker) endgültig genug: Jacob wird in das Internat von Dr. Sherman (Will Patton) abgeschoben, wo neben ihm nur sechs weitere Außenseiter wie der durch einen Brand schwer entstellte Zachary (Matthew Miniero), der am Tourette-Syndrom leidende Frederic (Christopher Dylan White) oder die rebellische Phil (Nadia Alexander) die Schulbank drücken…


Während die Story zunächst noch in gewohnten Genrebahnen verläuft, wobei die sich andeutenden Abgründe doch noch eine ganze Ecke tiefer sind als in ähnlich gelagerten Mainstream-Produktionen, geht Boaz Yakin inszenatorisch von Beginn an eigene Wege. Farbpalette und Atmosphäre von „Borading School“ erinnern fast schon an den Stil klassischer Gialli oder an Dario Argentos Internats-Meisterwerk „Suspiria“. Dazu passt dann auch die Auflösung des zentralen Mysteriums, die nicht nur unfassbar böse ist, sondern auch in ein stilechtes Giallo-Finale in einem brennenden Gebäude mündet.

Der Twist ist übrigens deutlich komplexer als ein simples Die-unschuldigen-Kinder-gegen-die-bösen-Erwachsenen-Szenario. Vor allem über eine Entscheidung von Jacob (Stichwort: Phil) lässt sich auch nach dem Kinobesuch noch lange weiterdiskutieren. Und dass sich ein Filmemacher überhaupt traut, seinen kindlichen Protagonisten so etwas tun zu lassen, zeigt schon, dass es sich hier nicht einfach nur um ein Herzensprojekt handelt. Es verdeutlicht vielmehr, dass Yakin nicht einen Fingerbreit bereit ist, von seiner Vision abzuweichen. Und das gilt auch für den in diesem Genre ebenso unerwarteten wie faszinierende thematischen Überbau des Films…

Achtung: In den nächsten zwei Absätzen spoilern wir zwar nicht den eigentlichen Plot und auch nicht das Mysterium des Internats, aber das übergeordnete Thema des Films. Dieses deutet sich zwar schon früh an, es wird aber erst später klar, welche zentrale Bedeutung es tatsächlich spielt.

Wenn sich Jacob schließlich gegen die bösen Kräfte zur Wehr setzt, dann trägt er während des gesamten Finales wieder das alte Kleid seiner Großmutter, die einst einen vergewaltigenden SS-Offizier überwältigenden konnte, indem sie sich ihre Zähne zuvor mit einer Nagelpfeile zu einer tödlichen Waffe anspitzte. Das alles hat allerdings weder etwas mit Vampiren noch mit irgendwelchen durch das Kleid übertragenden Superkräften zu tun. Stattdessen entpuppt sich „Boarding School“, nachdem es im Film zuvor schon etliche Anspielungen in diese Richtung sowie Spiegelungen realer historischer Gräueltaten gegeben hat, auf der Zielgeraden endgültig als Ode an die Widerstandsfähigkeit des jüdischen Volkes. Jacob tut, was er tut, einfach weil er der Enkel seiner Großmutter ist, ganz ohne Fantasy-Erklärung auf der Plotebene.

Das muss man sich erst mal trauen. Denn hätte er nun ein magisches Amulett oder etwas Ähnliches von seiner Großmutter geerbt, wäre Jacobs Über-sich-Hinauswachsen im Finale für einen Großteil des Publikums sicherlich leichter zu schlucken gewesen. Aber das ist Yakin offenbar ziemlich schnuppe. Er lässt sich seine Metapher nicht durch irgendeinen Fantasy-Firlefanz verwässern, sondern zieht sie konsequent durch. Das ist natürlich eine ganz schöne Last für ein Internats-Mysterium mit einer zwar über alle Maße bösartigen, aber eben auch ziemlich konstruierten Auflösung. Am Ende wackelt das Storykonstrukt, aber es stürzt nicht ein – und das ist bei diesen Ambitionen, die es gerade in den letzten 20 Minuten zu schultern hat, doch schon eine sehr beachtliche Leistung.

Ende des Spoilers.

Fazit: Der bisher womöglich ambitionierteste Vertreter der anhaltenden YA-Welle funktioniert in erster Linie als Internats-Mysterium mit Horror- und Giallo-Elementen. Zugleich wagt Boaz Yakin aber auch noch einen kühnen thematischen Brückenschlag, der gerade in diesem Genre absolut seinesgleichen sucht.
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