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    My Salinger Year
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    My Salinger Year

    Die Fängerin im Roggen

    Von Christoph Petersen
    „Der Fänger im Roggen“ ist das Kultbuch des 20. Jahrhunderts schlechthin. Aber sein Autor J. D. Salinger bleibt trotzdem ein Mysterium. Immerhin zog er sich bereits in den 1960ern fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück – die zahllosen Briefe von Fans, Gelehrten, Filmregisseuren, Verlegern und Journalisten wurden ab diesem Zeitpunkt gar nicht erst an ihn weitergeleitet, sondern direkt von seiner Künstleragentur mit knappen Formschreiben abgekanzelt. Eine der Sekretärinnen, die mit dem Tippen der Zurückweisungen beauftragt war, ist Joanna Rakoff, die Mitte der Neunziger mit dem Traum, es als Schriftstellerin zu schaffen, nach New York kam, dann aber erst einmal als Assistentin bei einer Autorenagentur landete.

    Ihre Erfahrungen – mit den Briefen an J. D. Salinger, aber auch allgemein als aspirierende Autorin im Big Apple – hat Rakoff anschließend zu dem biographischen Roman „My Salinger Year“ (in Deutschland: „Lieber Mr. Salinger“) verarbeitet, der nun von Philippe Falardeau („The Good Lie“) verfilmt wurde. Das Ergebnis ist ein Film, der zwar im Herbst 1995 spielt, sich in seinen stärkeren Momenten aber dennoch sommerlich-leicht anfühlt. Häufig ist „My Salinger Year“ aber auch einfach nur harmlos - jedenfalls kein Vergleich zu den drei Tagen, die der seinem Alltag entflohene „Fänger im Roggen“-Protagonist Holden Caulfield damals in Manhattan verbrachte. Die gut aufgelegten Schauspieler, allen voran Sigourney Weaver als gestrenge Mentorin, sowie einige gefällige Running Gags sorgen dennoch für eine kurzweilige Kinoerfahrung.

    Eigentlich will sie ja Schriftstellerin werden - stattdessen muss Joanna nun die Fanpost von J.D. Salinger beantworten.


    Eigentlich wollte sich Joanna (Margaret Qualley) nur ein paar Tage Auszeit von ihrem Literaturstudium in Kalifornien gönnen. Aber dann entscheidet sie spontan, länger in New York zu bleiben, um dort ihre schriftstellerischen Ambitionen zu vertiefen. Irgendwie muss ja aber auch die Miete bezahlt werden – und so heuert Joanna als Assistentin in der Autoren-Agentur der ebenso strengen wie altmodischen Margaret (Sigourney Weaver) an. Der wichtigste Klient der Firma ist der kultisch verehrte J.D. Salinger, der sich schon seit mehr als 30 Jahren praktisch vollständig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat.

    Einer von Joannas ersten Aufträgen lautet deshalb, die an die Agenturadresse gesendeten Briefe für Salinger zu beantworten – und zwar mit den immer selben ablehnenden Phrasen, die ebenfalls seit 30 Jahren nicht mehr geupdatet wurden. Zugleich soll sie die Briefe aber alle vorher lesen (seit sich der Mörder von John Lennon auf Salingers Werke berufen hat, ist die Agentur vorsichtiger geworden). Doch während sie ihr Liebesleben, ihre Schriftstellerambitionen und den Job als Assistentin unter einen Hut zu bekommen versucht, ist Joanna von einigen der Briefe derart berührt, dass sie es einfach nicht mehr übers Herz bringt, sie ohne persönliche Antwort in den Schredder zu stecken…

    Nostalgie ist Trumpf


    „My Salinger Year“ spielt zwar in den Neunzigern, aber die Literaturszene des Films fühlt sich trotzdem an wie aus den Achtzigern (wenn nicht gar Siebzigern): In der fast ausschließlich analog arbeitenden Agentur gibt es zwar eine Technikecke, aber dort zählt schon eine Kopiermaschine zum absoluten Hightech – und Joannas beste Freundin Jenny (Seána Kerslake) lässt sich zu der Prognose hinreißen, dass sich E-Mails sowieso nicht durchsetzen werden. Diese Technikskepsis ist einer der Running Gags in „My Year With Salinger“ – altbacken, aber amüsant. In eine ähnlich harmlose Kerbe schlägt die Idee, den titelgebenden Autor stets so ins Bild zu rücken, dass irgendetwas „zufällig“ sein Gesicht verdeckt. Das mag man als augenzwinkerndes Spiel mit seiner Öffentlichkeitsscheu deuten, ich musste allerdings die ganze Zeit nur an den Nachbarn aus „Hör mal, wer da hämmert“ denken (der durfte schließlich auch erst nach mehr als 200 Folgen der Heimwerker-Sitcom erstmals sein Gesicht zeigen).

    Dafür, dass in „My Salinger Year“ andauernd die Namen selbst weniger berühmten Autoren in den Raum geworfen werden, ist der Humor dann doch erstaunlich seicht – und das färbt auch auf die verhandelten Konflikte ab: Egal ob Joannas Erkenntnis, dass sie sich mit dem sozialistischen Schriftsteller Don (Douglas Booth) womöglich doch den falschen Typen geangelt hat, oder der schreckliche Selbstmord von Margarets bipolarem Geliebten – nichts davon erlangt in „My Salinger Year“ wirklich Gewicht. Der Film fließt und plätschert so vor sich hin – ohne nennenswerte dramatische Höhepunkte, aber zumindest auch ohne spürbare Hänger. Ähnlich ambitionslos ist der Handlungsstrang um die Fanbriefe – ohne sich zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich mit dem literarischen Schaffensprozess auseinanderzusetzen, läuft das in „My Year With Salinger“ alles auf die simple Erkenntnis hinaus, dass „Der Fänger im Roggen“ ein wirkungsvoller Motivator ist, um nach dem Lesen endlich seinen eigenen Weg zu gehen.

    Das Highlight des Films - Sigourney Weaver als gestrenge Mentorin.


    Der größte Trumpf des Films ist unterdessen seine Besetzung. Sicherlich ist die strenge Mentorin mit einem dann doch irgendwie weichen Kern nicht erst seit Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“ ein ziemliches Klischee. Aber Sigourney Weaver („Alien“) hat spürbar Laune an dem Part als dauerrauchende Agentin, die erst dann einen (einzelnen) PC in ihrer Agentur erlaubt, als sie das erste Mal von Online-Raubkopien von Salingers Büchern erfährt – und ihr Spaß ist durchaus ansteckend.

    The Leftovers“-Star Margaret Qualley zieht uns unterdessen sofort auf ihre Seite, selbst wenn ihre Figur die – angeblich so großen – Hindernisse einer Autorenkarriere in New York allesamt mit erstaunlicher (und der Dramatik nicht gerade förderlicher) Leichtigkeit überwindet. Nach ihrer grandiosen Rolle als LSD-Manson-Girl an der Seite von Brad Pitt in „Once Upon A Time… In Hollywood“ zeigt sie hier, dass sie auch einen ganzen Film tragen kann (und zwar selbst dann, wenn ihr das Drehbuch nicht allzu viel Tiefe zugesteht). Und für alle „Gilmore Girls“-Fans wie mich gibt es zudem noch ein besonderes Schmankerl: Yanic Truesdale ist hier als Agentur-Kollege auch mehr als zehn Jahre nach dem Original-Serienende immer noch genauso charmant wie damals als unser aller Lieblings-Hotelmanager Michel Gerard.

    Fazit: Eine gefällig-leichte New-York-Dramödie, die vor allem mit ihrem spiellaunigen Cast überzeugt. Aber nicht vom Titel täuschen lassen: „My Salinger Year“ ist definitiv kein Film für Salinger-Fans, dafür ist er dann doch ein ganzes Stück zu seicht geraten.

    Wir haben „My Salinger Year“ auf der Berlinale gesehen, wo er als Eröffnungsfilm in der Sektion Berlinale Special gezeigt wurde.
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