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    Blinded By The Light
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Blinded By The Light

    Der Wohlfühl-Film des Kinosommers!

    Von Björn Becher
    Filme mit der Musik großer Legenden sind gerade ziemlich angesagt – und das nicht nur in Form von mehr oder weniger klassischen Biopics wie „Bohemian Rhapsody“ (über Freddie Mercury) oder „Rocketman“ (über Elton John), wie etwa Danny Boyles Beatles-(gibt-es-nicht)-Komödie „Yesterday“ beweist. Noch einmal einen ganz anderen Ansatz wählt nun „Kick It like Beckham“-Regisseurin Gurinder Chadha für „Blinded By The Light“. Denn obwohl die Songs von Bruce Springsteen, wie schon der Titel deutlich macht, eine dominante Rolle einnehmen, erzählt sie in erster Linie die Geschichte eines pakistanischen Teenagers im Großbritannien der 1980er Jahre. Aber was hat die britische Coming-Of-Age-Story mit der Musik des nicht nur wegen seines Hits „Born In The U.S.A.“ als einer der uramerikanischsten Songschreiber geltenden „The Boss“ zu tun? Sehr viel, wie Chadha in ihrem auf wahren Ereignissen basierenden, ungemein berührenden Drama über die universelle Kraft des gesungenen Worts zeigt.

    Großbritannien, zur Eisernen Zeit von Margaret Thatcher im Jahr 1987: Der 16-jährige Javed (Viveik Kalra) lebt mit seiner Familie in der Arbeiterstadt Luton. Der aus Pakistan eingewanderte Vater Malik (Kulvinder Ghir) ist das unbestrittene Oberhaupt der Familie und sein Sohn hat nur eine Aufgabe: Hart im College zu lernen, um später Anwalt, Steuerberater oder Arzt zu werden. Doch Javed schreibt schon seit frühester Kindheit Gedichte und belegt im College auch gleich mal heimlich den Literatur-Kurs von Ms. Clay (Hayley Atwell). Doch zur wahren Befreiung kommt es erst, als ihm Mitschüler Roops (Aaron Phagura) zwei Kassetten mit Musik von Bruce Springsteen zusteckt. Zuerst ist Javed skeptisch, was er mit den Songs eines alten Rockers aus Amerika anfangen soll. Doch als er die erste Kassette in seinen ihn ständig begleitenden Walkman einlegt, treffen ihn die Worte bis ins Mark und es verändert sich alles …

    Javed hört zum ersten Mal von Bruce Springsteen.


    Wenn „Blinded By The Light“ mit dem 80er-Disco-Klassiker „It’s A Sin“ der Pet Shop Boys eröffnet, dürften Hardcore-Bruce-Springsteen-Fans erst einmal die Nase rümpfen und sich gar im falschen Film wähnen. Aber keine Sorge: Der Boss kommt – und wie. Sobald der gerade völlig frustrierte Javed in einer stürmischen Gewitternacht die erste Kassette in den Walkman steckt, prasseln die Songs von Springsteen nicht nur auf ihn, sondern auch auf den Zuschauer herab. Die Kraft von Springsteens Lyrics verdeutlicht Regisseurin Gurinder Chadha zusätzlich, indem markante Zeilen in bester Musikvideo-Optik in großen Buchstaben auf der Leinwand erscheinen oder sogar um den Kopf des Protagonisten kreisen. Es sind kurze prägnante Aussagen, die mitten ins Herz treffen und früh klar machen, dass Springsteen eben nicht nur ein Rocker für alte Amerikaner ist, wie im Film fast jeder erst mal skeptisch denkt. Immer wieder unterstreichen Songausschnitte Javeds ganz persönlichen Gedanken, die Musik ist ab der erwähnten Gewitternacht allgegenwärtig, sogar ganze Dialogzeilen sind direkt aus Liedern des Musikers übernommen (weshalb wir uns schon fragen, wie gut „Blinded By The Light“ wohl in der deutschen Fassung funktionieren wird).

    Javeds Wandlung zum Springsteen-Jünger beobachtet Chadha mit viel Liebe, aber auch einer gehörigen Prise Humor und sogar kritischer Reflexion, denn schon bald dreht sich bei dem Teenager alles nur noch um Springsteen. Er kleidet sich wie sein Vorbild, dekoriert sein Zimmer mit dessen Postern, hat die ganze Zeit die Kopfhörer mit der Musik von „The Boss“ auf dem Ohr. Die Songs spenden ihm Selbstbewusstsein, aber zugleich vernachlässigt er sogar die Beziehung zu seinem einstigen besten Freund Matt („Game Of Thrones“-Tommen Dean-Charles Chapman, der mit längeren schwarzen Haaren und im 80er-Disco-Look kaum wieder zu erkennen ist). Javeds Springsteens-Erweckungserlebnis, das zur erst stillen, dann lauteren Rebellion gegen seinen Vater und auch zu seiner ersten Beziehung mit einem Mädchen führt, steht klar im Fokus von „Blinded By The Light“. Aber Chadhas Film ist deshalb so herausragend, weil die Regisseurin auch noch viele andere Themen mit unter einen Hut bringt und dann mit unglaublich viel Schwung auf die Leinwand schmeißt.

    Trotz 80er-Setting: Ein brandaktueller Film


    Sie erzählt etwa sehr eindringlich und nachvollziehbar vom Leben einer Immigrantenfamilie in einem britischen Vorort und zieht dabei auch Parallelen in die Gegenwart. Malik ist stolz darauf, es als erster Pakistani in eine weiße Nachbarschaft geschafft zu haben, doch die Ablehnung ist jederzeit spürbar, rechte Hassparolen sind an der Tagesordnung. Chadha findet dabei immer wieder starke Bilder, wenn zum Beispiel Jugendliche bei einer befreundeten Familie regelmäßig durch den Briefkastenschlitz pinkeln und sich diese damit bereits soweit abgefunden hat, dass Plastikplanen auf dem Boden liegen und der Putzeimer bereitsteht. Selbst wenn einzelne Szenen auch mal plakativer ausfallen, entfalten sie dennoch ihre Wirkung: Als Nazi-Demo und pakistanische Hochzeitsgesellschaft aufeinanderprallen, schweift Kameramann Ben Smithard („Downton Abbey“) etwa plötzlich ab – zu einem großen, über der Szenerie thronenden Plakat von Margaret Thatcher. Ihre mit erhobenem Arm präsentierte Botschaft vom „vereinten Britannien“ wirkt in diesem Moment wie blanker Hohn – und ist auf eine Weise brandaktuell, die die Filmemacher natürlich gar nicht vorhersehen konnten. Schließlich erinnert das alles stark an Boris Johnson, der zwar ebenso wie einst Thatcher oft „vereint“ sagt, aber die Gesellschaft spaltet.

    Chadha zeigt in ihrer freien Verfilmung der wahren Geschichte des auch am Drehbuch beteiligten Journalisten Sarfraz Manzoor nebeneinander und sich ergänzend, wie Javed als Autor seine eigene Stimme findet, mit der politisch aktiven Eliza (Nell Williams) die Höhen und Tiefen der ersten Liebe durchlebt, aber eben auch immer wieder zu seiner Familie zurückfindet. Dort dominiert das alte Weltbild des Vaters. Javed, seine beiden Schwestern und die sich kaputtarbeitende Mutter Noor (Meera Ganatra) geben brav alles verdiente Geld ab, nur der Patriarch bestimmt, was damit gemacht wird. Doch Chadha und ihre Co-Autoren zeichnen Malik nicht als Bösewicht, sondern finden auch viele kleine und einen größeren Moment, um zu illustrieren, wie gebrochen dieser Mann ist, der vom besseren Leben im Westen träumte und als die große Entlassungswelle auch ihn erfasst, fürchtet, nicht einmal mehr seine Familie ernähren zu können. Mit solchen schattierten Zeichnungen statt Schwarz-Weiß-Malerei bekommen auch kleinste Nebenfiguren Profil.

    Springsteen-Super-Fan Javed ist das erste Mal verliebt.


    Das widersprüchliche Leben pakistanischer Jugendlicher zwischen konservativen Eltern und dem eigenen Freiheitsdrang illustriert ein skurriler Exkurs in eine Tagsüber-Disco. Diese betreten die Jugendlichen am helllichten Tag im feinen Schulzwirn, werfen sich dort in Party-Outfits und feiern für ein paar Stunden, bevor sie die Location in Schuluniform wieder verlassen, als wäre nichts passiert. Chadha nutzt diesen kurzen Ausflug in eine knallbunte Welt für ein paar mitreißende Tanzszenen, welche die Bollywood-Einflüsse der in Kenia geborenen, in Großbritannien aufgewachsenen Tochter indischer Eltern unterstreicht. Nur selten lässt Chadha ihre geerdete Geschichte hinter sich und gibt sich ganz den Verlockungen des Musical-Genres hin: Wenn Javed und Roops den Schulradio-Sender kapern, um Springsteen zu spielen, tanzen, singen und rennen sie völlig beschwingt nicht nur durch die Schulflure oder über den Sportplatz, sondern durch die ganze Stadt in einer Musical-Sequenz, die an Filme wie „Across The Universe“ erinnert – gemein mit Julie Taymors Beatles-Musical hat „Blinded By The Light“ dabei auch, dass die harte Realität die Protagonisten gerade in solchen abgehobenen Momenten umso schneller wieder auf den harten Boden der Tatsachen zurückzuholen pflegt.

    Größtenteils spielt Chadha hingegen ganz bewusst mit der typischen Überzeichnung von Musicals, in denen plötzlich gesungen wird, alle Umstehenden grundlos einstimmen und sich eine Fantasie entwickelt. Wenn Javed bei der Arbeit am Kleiderstand von Matts Vater (Rob Brydon) auf dem Markt seine große Liebe entdeckt und anfängt, den Springsteen-Hit zu singen, den er gerade auf den Ohren hat, wird er von seiner Umwelt erst einmal angeschaut, als wäre er verrückt. Erst nach und nach entwickelt sich daraus doch noch eine größere Gesangs- und Tanzszene, der die Regisseurin dann eine surreale Ebene beimischt, die perfekt zum Tagträumer Javed und dem in diesem Moment vermittelten Gefühl der ersten Liebe passt. Nur einer von zahlreichen Momenten, die Chadha auf eine nie kitschige Weise optimistisch auflöst, was im Zusammenspiel mit den durchgehend zu (Freuden-)Tränen rührenden letzten 15 Minuten dafür sorgt, dass „Blinded By The Light“ wohl der Wohlfühl-Film des Kinosommers 2019 ist.

    Fazit: Nicht nur eine großartige Ode an die Kraft der Musik von Bruce Springsteen, sondern auch eine ganz wunderbare Coming-Of-Age-Geschichte, nach der man völlig beschwingt das Kino verlässt.

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    Kommentare

    • Luksman
      Als großer Fan vom Boss vielleicht einen Blick wert.
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