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    Die schönste Zeit unseres Lebens
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Die schönste Zeit unseres Lebens

    Die wohl cleverste Komödie des Jahres

    Von Karin Jirsak-Biemann
    Fernab von „Monsieur Claude“ und seinen Trittbrettfahrern kommt hier die mit Abstand witzigste, scharfsinnigste und warmherzigste Komödie (mindestens) dieses Jahres aus Frankreich in die Kinos. Den etwas einfallslosen deutschen Titel „Die schönste Zeit unseres Lebens“ sollten sich nicht nur Golden Ager, um die es hier (auch) geht, dringend notieren, um diesen fantastisch getimten, vor schlauen Gags und originellen Einfällen nur so überbordenden Nostalgie-Trip nicht zu verpassen. In seiner raffiniert erzählten Geschichte einer großen Liebe, die ihre schönste Zeit lange hinter sich hat, vermischt Regisseur Nicolas Bedos die Gegenwart mit einer Vergangenheit, in der man im Lokal noch rauchen durfte und über Politik diskutierte, anstatt nur aufs Handy zu glotzen: Wir schreiben das Jahr 1974 – jedenfalls in der detailversessen nachgebauten Kulisse des Lyoner Cafés „La Belle Époque“, dem wundersamen Schauplatz dieses außergewöhnlich smarten Wohlfühlfilms.

    Nach 45 Jahren Ehe setzt die erfolgreiche Psychoanalytikern Marianne (Fanny Ardant) ihren Gatten, den vom modernen Zeitgeist frustrierten Karikaturenzeichner Victor (Daniel Auteuil), vor die Tür. Da kommt Victor ein geschenkter Gutschein für ein „Zeitreise-Event“ seiner Wahl, bei dem der Veranstalter Antoine (Guillaume Canet) für seine betuchte Kundschaft alle möglichen historischen Szenarien mit Schauspielern, Kostümen und Kulissen akribisch nachstellt, gerade recht: Victor wählt das Jahr 1974, in dem er seine Frau in dem Café „La Belle Époque“ kennenlernte. Dort trifft der „Zeitreisende“ auf Antoines Teilzeitfreundin Margot (Doria Tillier), die als Schauspielerin in dem Wunschszenario die junge Ausgabe von Marianne verkörpert. Während Victor mit Margot die schönste Zeit seines Lebens noch einmal durchlebt, vermischen sich zunehmend Erinnerung und Realität…

    Victor trifft im nachgestellten 1974 (noch einmal) zum ersten Mal auf seine zukünftige Frau...


    In welche Zeit würdest du gern zurückreisen?“, wird Victor in einer der ersten Szenen bei einem Dinner gefragt, bei dem auch Gattin Marianne mit am Tisch sitzt. „In die Steinzeit, als ich noch Sex mit meiner Frau hatte.“ Bäm! Nicht nur die versammelte Abendgesellschaft, sondern auch der Zuschauer ahnt es nach dieser Aussage: Bei dem (zu) lang vermählten Paar ist der Ofen aus, unüberbrückbare Differenzen in Sachen Lifestyle sind offenbar der Grund. Der als Künstler an der modernen Medienwelt gescheiterte Victor hat nichts übrig für das digitale Leben und sehnt sich nach den Zeiten zurück, als die Zeitung noch aus Papier war und gut für seine politischen Karikaturen zahlte. Karrierefrau Marianne hingegen scheint nichts wichtiger zu sein, als in allem up to date zu bleiben und sich mit dem neuesten technischen Schnickschnack auszustaffieren. Mit diesen verheirateten Kontrahenten zeichnet Nicolas Bedos zwei ebenso scharf konturierte wie lebensechte Figuren, die er im herrlich ausgelassenen Schlagabtausch aufeinanderhetzt – und gleich darauf getrennte Wege gehen lässt, um jede auf ihre ganz persönliche Entwicklungsreise zu schicken.

    Wenn Marianne ihren Mann im finalen Ehegefecht beinahe anfleht, sie doch bitte endlich zur Witwe zu machen, fragt sich nicht nur der Zuschauer, ob es vielleicht ein Fehler gewesen sein könnte, dass ausgerechnet diese so unterschiedlichen Charaktere sich vor fast einem halben Jahrhundert das Ja-Wort gegeben haben. Dass es sie aber doch gegeben hat, die titelgebende „schönste Zeit“, erfahren wir, nachdem Marianne ihren ungeliebten Gatten vor die Tür gesetzt hat. Victor kann sie nämlich auch genau datieren: 1974, das Jahr, in dem er Marianne kennenlernte. In dieses Jahr lässt sich der frisch Geschasste nun mittels inszenierter Zeitreise versetzen, um in Nostalgie zu versinken und der Frage auf den Grund zu gehen, ob man den Zauber der großen Liebe wieder heraufbeschwören kann. Ja, lautet die verblüffende Antwort. Aber billig wird's nicht für Victor, der sich nach Einlösung des Gutscheins einfach nicht lösen kann von seiner (Schein-)Realität gewordenen Erinnerung. Schließlich scheut der große Inszenator Antoine, mit dem Victor eine besondere Geschichte aus der Vergangenheit verbindet, keine Kosten und Mühen, um seinen Kunden ein möglichst originalgetreues Erlebnis zu ermöglichen, wobei sein Engagement schon an Fanatismus grenzt.

    Eine Zeitreise der etwas anderen Art


    Ähnlich wie Antoine scheint auch Regisseur Nicolas Bedos zu ticken, dem es zusammen mit seinem Ausstattungsteam gelingt, den Zuschauer mit unglaublich detailverliebten Dekors – inklusive Cannabisblütenteppich und inszenierter Orgie – auf einen spektakulären Nostalgie-Trip zu schicken. Die Sentimentalität, die dabei bisweilen aufkommt, wird immer wieder gekonnt durchbrochen, wenn sich Realität und Inszenierung vermischen – ein ausgeklügeltes Spiel im Spiel, das viel Raum für überraschende Gags und herrlich bissige, aber nie bittere Kritik am digitalen Wahnsinn und seinem Einfluss auf die menschliche Kommunikation bietet.

    Mit Victors geliebtem Café „La Belle Époque“ schafft Bedos einen eskapistischen Sehnsuchtsort, an dem für den vom Zeitgeist Abgehängten vielleicht alles wieder gut werden kann, als er in Gestalt der bezaubernden Margot auf die 1974er Version seiner Frau trifft. Aber Schein und Sein sind nicht leicht zu unterscheiden in dieser kleinen falschen und doch so richtig erscheinenden Welt, die Regisseur Antoine und sein Team erschaffen. Und so kommt es zu einem turbulenten Verwirrspiel der Gefühle, an dem der gute alte Shakespeare sicherlich seine Freude gehabt hätte. Neben dem vor gewitzten (pop-)kulturellen und auch politischen Anspielungen nur so überfließenden Drehbuch ist es auch die große Spielfreude der Darsteller, die diesen Film zu einem wunderbar kurzweiligen Vergnügen macht. Allen voran der großartige Daniel Auteil („Caché“) hat als ebenso schlagfertiger wie knuffiger Digitalskeptiker sicher nicht nur die Lacher der Generation Offline auf seiner Seite.

    Antoine hält hinter den Kulissen der inszenierten Zeitreise alle Fäden in der Hand.


    Als giftiges digital victim glänzt mit Truffaut-Muse Fanny Ardant eine noch immer strahlend schöne Grande Dame des französischen Kinos. Die zauberhafte Doria Tillier, mit der Bedos schon in „Die Poesie der Liebe“ zusammenarbeitete, erschafft mit ihrer Margot eine ebenso kraftvolle wie tiefgründige Figur und verleiht ihr ein markantes Charisma, das Margot aus dem Gros der oft so gleichförmigen und langweiligen weiblichen love interests romantischer Komödien deutlich heraushebt. Daneben überzeugt Guillaume Canet („The Beach“) mit zynischem Witz als bindungsunfähiger Kontrollfreak, der hier im Strudel der alten und neuen Emotionen auch seine ganz persönliche Reifeprüfung zu absolvieren hat. Auch bei den zahlreichen Nebenfiguren gelingt es Bedos, mit wenigen Strichen außergewöhnliche Charaktere zu zeichnen, die so den wunderbar lebendigen Rahmen für die Geschichte (mindestens) einer großen Liebe schaffen.

    Fazit: Echt und falsch, nostalgisch und up to date, bissig und warmherzig – mit leichter Hand und viel Verve verwirbelt Nicolas Bedos die scheinbaren Gegensätze und schafft einen mitreißenden Feelgood-Trip, der sicher nicht nur Best Ager in Champagnerlaune versetzt.

    Wir haben „Die schönste Zeit unseres Lebens“ auf dem Filmfest Hamburg gesehen.

     

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