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    River Runs Red
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    River Runs Red

    "Black Lives Matter" als Rache-Reißer

    Von Oliver Kube
    Polizisten, die zuerst ihre Dienstwaffe abfeuern, bevor sie sich einer Situation überhaupt in Gänze gewahr werden, sind in den USA seit Jahren ein immer wieder hochkochendes Thema. Insbesondere weil die Opfer dieser schießwütigen, meist weißen Cops überwiegend junge Männer sind, die der schwarzen oder lateinamerikanischen Bevölkerungsgruppe angehören und bei denen sich im Nachhinein oft herausstellt, dass sie tatsächlich unbewaffnet waren.

    Sicher, die Situation wurde schon mehrfach im Kino behandelt, zuletzt etwa in Filmen wie „Nächster Halt: Fruitvale Station“ oder „Monsters And Men“. Trotzdem hätte Regisseur und Autor Wes Miller („Lily Grace: A Witch Story“) mit dem Thriller „River Runs Red“ ein durchaus relevantes Werk – quasi eine Art Erwachsenen-Alternative zum nahezu parallel veröffentlichten Jugenddrama „The Hate You Give“ – erschaffen können. Was der Filmemacher dem Zuschauer letztlich präsentiert, ist aber nicht mehr als ein platter, viel zu einfallslos und statisch heruntergedrehter Rache-Reißer, in dem das Talent solcher Darsteller wie Taye Diggs, John Cusack und George Lopez schlichtweg vergeudet wird.

    Trotz einer schwierigen Jugend und sozialer Benachteiligung bekleidet Charles Coleman (Taye Diggs) mittlerweile das Amt eines respektierten Strafrichters. Als zwei korrupte Streifenpolizisten (Luke Hemsworth, Gianni Capaldi) seinen gerade vom College heimgekehrten Sohn bei einer Fahrzeugkontrolle vorschnell töten, der Leiche eine fremde Waffe unterschieben und so letztendlich ungestraft davonkommen, sieht der sein Leben lang rechtschaffende Mann rot. Mit Hilfe des befreundeten Detectives Horace (John Cusack) findet Coleman heraus, dass dieselben Beamten zwei Jahre zuvor schon einmal einen unbewaffneten Jungen erschossen und den Fall ebenfalls vertuscht haben. Der Richter schließt sich mit dem Vater des damaligen Opfers, dem Kleinkriminellen Javier (George Lopez), zusammen, um auf eigene Faust für Gerechtigkeit zu sorgen...


    Anstatt sich im Laufe der Handlung auf die Suche nach tieferliegenden Gründen für das Problem zu begeben, wird der gesamte Polizei- und Justizapparat der unbenannten Großstadt (Drehort war Louisville im US-Bundesstaat Kentucky) vom Drehbuch kurzerhand für faul, korrupt und böse erklärt. Sicher, der Tod eines geliebten Menschen ist oft schwer zu verkraften. Aber hier braucht es nur Minuten, um den von Taye Diggs („Empire“) verkörperten Protagonisten dermaßen zu desillusionieren, dass alles, für das er sein gesamtes Leben gekämpft und gehandelt hat, plötzlich seinen Wert verliert. Aus einem eben noch idealistischen, mitfühlenden Mann des Gesetzes wird im Handumdrehen eine Art afroamerikanischer Paul Kersey (Charles Bronsons Kult-Vigilant in den „Ein Mann sieht rot“-Rache-Reißern).

    Immer wieder lässt das von Miller verfasste Skript die Figuren pathosschwangere Monologe halten. Unterlegt von aufdringlich dramatischen Klavier- oder Ambient-Klängen sollen diese dem Zuschauer die Gedankengänge erklären. Dabei haben Diggs oder Luke Hemsworth („Westworld“) längst mit ihren Augen, ihrer Mimik und Körperhaltung unmissverständlich ausgedrückt, was in ihren Charakteren vorgeht. Dazu lässt der Regisseur den TV-Talkmaster, Stand-Up-Komiker und Sitcom-Star George Lopez („Valentinstag“) als Reparaturwerkstattbesitzer mit Unterweltverbindungen gnadenlos und polternd überziehen. Seine ach so toughe Street Credibilty wird mit dem Holzhammer - beziehungsweise einer von ihm geschwungenen, großen und schweren Taschenlampe - vorgetragen.

    Offenbar allein aus Marketinggründen wollte das Studio wohl unbedingt noch einen etwas bekannteren Namen auf der Besetzungsliste sehen. Und der auf dem DVD-Cover an zweiter Stelle genannte John Cusack, Star solcher Erfolge wie „Con Air“ oder „High Fidelity“, dürfte für viele Filmfans wohl tatsächlich Anlass sein, sich überhaupt mit diesem B-Streifen zu beschäftigen. Selbst wenn der Chicagoer seit vielen Jahren fast ausschließlich in mittelmäßigen Studio-Produktionen herumdümpelt, aus denen inzwischen sogar immer häufiger nur noch trashige, meist grottenschlechte Direct-to-Video-Schinken resultieren.

    Cusacks Rolle als integrer, einzelgängerischer Ermittler ist hier eigentlich überflüssig. Die von Detective Horace in einer seiner wenigen Szenen zu Tage geförderten Akten, die zum Treffen der beiden Väter führen, hätten der Richter und seine ebenfalls als Polizistin tätige Ehefrau (Jennifer Tao) auch relativ problemlos selbst beschaffen können. Entsprechend gering und irrelevant ist Cusacks Zeit auf dem Bildschirm. Auch wenn er für kurze Momente mit einem Blick, einer Geste, einer perfekt sitzenden Dialogzeile zeigt, was in ihm steckt, lohnt sich „River Runs Red“ nicht einmal für seine noch verbliebenen Fans.

    Zigarettenrauchende Bösewichte mit Wampe und schmierigen Haaren oder auffällig geschmacklose Klamotten, die Flashbacks in die Vergangenheit der Charaktere kennzeichnen sollen, sind nur einige der hier verwendeten ausgelutschten Klischees. Dazu kommen lustlos gemachte Kampfszenen und eine schwach ins Bild gesetzte, fast schon erschütternd lahme Autoverfolgungsjagd. Die Krönung des Ganzen ist allerdings die komplett unpassende, unmotiviert mittendrin eingeschobene Romantikszene, als Coleman, nur wenige Tage nach dem gewaltsamen Tod ihres gemeinsamen Sohnes, lasziv lächelnd die eben noch bitter heulende Gattin mit chinesischem Takeout-Essen und einem schmalzigen Song verführt... WTF?

    Newcomerin Jennifer Tao agiert nicht nur hier auf ablenkende Weise hölzern und spricht, aus für den Verlauf der Story unerfindlichen Gründen, immer wieder längere Passagen auf Chinesisch. Vielleicht sollte so versucht werden, den Film für den asiatischen Markt attraktiv zu machen. Die Aussichten auf Erfolg dürften dort allerdings kaum rosiger sein als im Rest der Welt.

    Fazit: Die Macher dieses Thriller-Dramas versuchen ein absolut behandlungswürdiges, kontrovers diskutiertes Thema anzupacken. Dank ihrer missratenen Umsetzung eines platten, klischeetriefenden Drehbuchs verheben sie sich dabei allerdings kolossal.
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