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    Emma.
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Emma.

    Zeitlos modern – und gänzlich exquisit

    Von Karin Jirsak
    Hand aufs Jane-Austen-Fan-Herz: Brauchen wir in Zeiten von Parship und Tinder-Matches wirklich noch eine Neuverfilmung von „Emma“, dem mehr als zweihundert Jahre alten Stoff über eine liebenswerte Kupplerin, die sich die Zeit damit vertreibt, gute Partien für ihre Freundinnen zu finden und dabei beinahe ihr eigenes Glück übersieht? Wurde in den bisherigen Adaptionen nicht schon alles gesagt über diese Heldin aus einer anderen Zeit, deren unbeschwerte Gentry-Welt – zumindest auf den ersten Blick – so wenig mit der (heutigen) Lebenswirklichkeit zu tun zu haben scheint?

    Offenbar nicht, wie Autumn de Wilde in „Emma.“ – nun mit einem Punkt hinter dem Namen – zeigt: In ihrem Regiedebüt meistert die Amerikanerin (wie zuletzt auch schon Greta Gerwig bei „Little Women“) die schwierige Aufgabe, einen allseits beliebten Klassiker der Weltliteratur zu verfilmen und zugleich eine zeitgemäße Geschichte zu erzählen, mit besonders hervorstechender Leichtigkeit – und erlaubt ihrem erlesenen Cast in den schwelgerischen Dekors und Kostümen dabei auch den einen oder anderen ganz wunderbar frechen Moment.

    Sehr modern - und doch 100 Prozent im Geiste von Jane Austen: Anya Taylor-Joy als Emma.


    Anfang des 19. Jahrhunderts: Die ebenso attraktive wie gewitzte Emma Woodhouse (Anya Taylor-Joy) lebt allein mit ihrem Vater (noch grandioser als sonst: Bill Nighy) auf dem feudalen Anwesen Hartfield in Highbury, einem Dorf in der Nähe Londons. Ihre Zeit vertreibt sich die junge Frau am liebsten damit, ihre Bekannten mit kleinen Tricksereien unter die Haube zu bringen. Ihr neuestes Projekt: Ihre Freundin Harriet (Mia Goth) in die bessere Gesellschaft einzuführen, wozu natürlich auch der passende Ehemann gehört. Doch Emmas Verkupplungsversuche laufen nicht nach Plan und werden von Mr. Knightley (Johnny Flynn), einem Freund der Familie Woodhouse, mit zunehmender Skepsis kommentiert. Und schon bald steckt Emma selbst mittendrin in den von ihr heraufbeschworenen Liebeswirren...

    „Ich werde eine Heldin schaffen, die keiner außer mir besonders mögen wird“, soll Jane Austen selbst über ihre eigensinnige Protagonistin gesagt haben. Die Autorin täuschte sich mit dieser Einschätzung bekanntlich ganz gewaltig: Die Protagonistin ihres letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Romans sollte über die Dekaden zahllose Fans und Bewunderer in aller Welt finden – 2011 legte „Emma“ dank der Künstlerin Yōko Hanabusas sogar einen Auftritt im Manga-Gewand hin und hielt so, fast 200 Jahre nach ihrem ersten Auftritt, auch noch Einzug in die japanische Popkultur.

    Sexy und ambivalent statt einfach nur süß


    Obwohl sich Emma in einer Zeit bewegt, in der die Gepflogenheiten und Gesetze dessen, was wir heute als Dating bezeichnen, eben noch ganz andere waren, erlebt sie eine im Kern zeitlose Geschichte, die vor allem eine Geschichte ihrer persönlichen Charakterentwicklung ist. Zwischen Stolz und Verletzlichkeit, Eitelkeit und Altruismus bewegt sich die Heldin auf heiter verschlungenen Wegen ins Erwachsenwerden. All diese unterschiedlichen Persönlichkeitsnuancen der Figur verkörpert Anya Taylor-Joy („The Witch“) in der Titelrolle ebenso subtil wie erfrischend kraftvoll. Ihre Emma hat nicht nur mehr Sexappeal, sie gibt der von Austen intendierten Ambivalenz der Figur auch mehr Raum als etwa Gwyneth Paltrow, die 1996 in der damals von Regisseur Douglas McGrath in „Emma“ doch sehr viel süßlicher angelegten Rolle zu sehen war.

    Trotz bonbonfarbener Roben und bezaubernder Blumen-Bonnets hat die neue Emma im direkten Vergleich mit ihrer Kino-Vorgängerin nur noch wenig Gemeinsamkeiten. Vielmehr ist diese neue Emma eine selbstbewusste und souveräne junge Frau, die auch im größten (selbstverursachten) Chaos alle Fäden in der Hand behält. Außer, wenn es um ihre eigenen Gefühle geht – und das ist eben auch eine zeitlose Wahrheit über starke Frauen (und Männer), die Jane Austen heute noch für uns bereithält. Gerade diese fragilen Momente herauszuarbeiten, gelingt Taylor-Joy unter der sensiblen Regie von Autumn de Wilde bestechend gut, sodass man Emma trotz ihrer zweifellos vorhandenen Selbstüberschätzung am Ende dann eben doch besonders leicht ins Herz schließen kann.

    Kostüme und Ausstattung - augenzwinkernd exquisit!


    An ihrer Seite belebt der britische Sänger und Schauspieler Johnny Flynn („Lovesick“) den charmanten Mr. Knightley mit einem Hauch augenzwinkernder Ironie, die der Figur ebenfalls einen sehr modernen Anstrich verleiht. Obendrein erlaubt de Wilde ihren beiden Hauptfiguren schon in den ersten Filmminuten je einen (zumindest für Austen-Traditionalisten) schon ziemlich gewagten Moment: Zuerst sehen wir, in Rückenansicht, einen splitternackten Knightley, der in der folgenden Szene von seinen Bediensteten vom Strumpf bis Kragen angekleidet wird – eine gewitzte Umkehrung der im Kostümfilm sonst so gern vorgeführten Gender-Klischees, die zudem auf einnehmende Art die (emotionale) Verletzlichkeit des Protagonisten zeigt.

    Wenig später erleben wir dann, wie Emma in einem unbeobachteten Moment vor dem Kamin die feine Robe lüpft, um sich das blanke Hinterteil am Feuer zu wärmen. Oha! Ob die gute Jane Austen hier wohl vor Scham errötet wäre oder sich ins behandschuhte Fäustchen gekichert hätte, bleibt natürlich pure Spekulation. Fest steht jedenfalls, dass diese beiden Szenen zusammengenommen die Charaktere der Protagonisten schon sehr eindrucksvoll auf den Punkt bringen und zugleich die Segel setzen für alles, das auf diese herrlich mutige Exposition folgen muss: Ein mit feinem britischen Humor gewürztes Verwirrspiel der Gefühle, vorzüglich eingebettet in einen wahrhaftigen Bilderrausch aus den unfassbar originellen Kostümkreationen von Alexandra Byrne, den vor wunderschönen Details nur so überbordenden Kulissen (allein die Teetafeln!) und schwelgerischen Landschaftsaufnahmen des britischen Gloucestershire.

    Fazit: Modern erzählt, in leuchtenden Tableaus in Szene gesetzt und mit viel Brit-Charme angereichert – „Emma.“ mit Punkt erweist sich als deliziöser Augenschmaus und erstaunlich frisches Austen-Update, das im Genre der staubbefreiten Kostümfilme gemeinsam mit dem kürzlich erschienenen „Little Women“ gänzlich neue Maßstäbe setzt.

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    Kommentare

    • Howard Philips
      Mein erster Eindruck stimmt eher mit der Empire Review überein: a tonally uneven, mostly airless affair 2/5 Sterne
    • Gaccha
      Hm, vielleicht schaue ich ihn mir doch an.Ich finde die Verfilmung von 1996 schon ziemlich perfekt, da brauche ich eigentlich nicht noch eine.
    • Ortrun
      Klingt gut. Ich hatte den Film sowieso auf meiner Kino-Liste und bin jetzt noch etwas neugieriger geworden.
    • Jimmy v
      Liest sich ja gut, aber ich warte da auf die Details. Man kann Jane Austen schon updaten, zumal - Sakrileg! - manche ihrer Bücher auch aus heutiger Sicht teilweise arg schräg erscheinen.
    • Dennis Beck
      Dieser mysteriöse und oft erwähnte Punkt bereitet mir Kopfzerbrechen. Was will uns der Film mit diesem merkwürdigen Titel sagen: Emma. Hm! Ich vermute, es soll damit eine Abgrenzung zu vergangenen Verfilmungen des Stoffes gekennzeichnet werden. Marketing-Abteilungen muss man nicht verstehen. Ansonsten klingt alles ganz nett. Sehr hohe Wertung. Anja Taylor-Joy geht immer. Bill Nighy sowieso. Bei mir fehlt leider das Interesse (und bin teilweise etwas genervt, weil der Trailer zu dem Streifen ständig kommt).
    • Phil
      Und was soll jetzt der Punkt hinter dem Filmtitel, wenn ihr ihn schon zweimal ausdrücklich erwähnt? Gibt es dafür irgendeine Erklärung? Oder kommt die in einer gesonderten News-Meldung?
    • CineTin
      Scheint nach 'Little Women' ein weiteres Period Piece ganz nach meinem Geschmack zu sein. Der Trailer hat mir schon super gefallen und die Kritik liest sich auch toll. Ich bin mal gespannt, ob der Film ähnlich skurrile Momente wie 'The Favourite' hat, der im letzten Jahr einer meiner Lieblingsfilme war.
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