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Britt-Marie war hier
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Britt-Marie war hier

Die weibliche Antwort auf „Ein Mann namens Ove“

Von Oliver Kube
Laut einer Studie des Statistischen Bundesamtes von 2015 ist damit zu rechnen, dass bereits 2030 mehr als ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung über 60 Jahre alt sein wird. Eine Entwicklung, die sich nicht nur hierzulande, sondern auch in den übrigen sogenannten „Erste Welt“-Staaten abzeichnet. Vielleicht gewinnt man deshalb in letzter Zeit mehr und mehr den Eindruck, die Anzahl von Produktionen, in denen sich die Handlung primär um Senioren, ihren Alltag, ihre Sorgen und Freuden dreht, hätte rapide zugenommen. Schließlich muss sich die Filmindustrie an ihr Publikum anpassen. Böse Zungen behaupten ja sogar, diese Bevölkerungsgruppe sei jetzt schon die letzte, die sich tatsächlich noch Filme jenseits der großen Blockbuster im Kino anschaut. Zu den vielen aktuellen Beispielen mit Protagonisten im Rentenalter zählen Werke mit solch einer breitgefächerter Genre-Zugehörigkeit und Qualität wie „Das Leuchten der Erinnerung“, „Book Club - Das Beste kommt noch“, „Ein Gauner und Gentleman“, „Edie - Für Träume ist es nie zu spät“ oder „Ein letzter Job“.

Aus Schweden kommt nun ein weiterer Beitrag in Gestalt der von Tuva Novotny inszenierten Tragikomödie „Britt-Marie war hier“ dazu. Ein Indiz dafür, dass der Film auch hierzulande eine ähnliche, wenn sicherlich auch nicht ganz so enorme Popularität wie in seiner Heimat erreichen könnte, gibt es bereits vorab: Das Comedy-Drama basiert nämlich auf einem Roman von Frederick Backman. Der Autor lieferte schon die Vorlage für den nicht nur in Skandinavien, sondern auch bei uns mit knapp einer halben Million Besucher sehr erfolgreichen „Ein Mann namens Ove“ – und wer den mochte, wird sicherlich auch an dem zunächst leicht und satirisch, dann durchaus melancholisch und schließlich vorsichtig hoffnungsvoll erzählten „Britt-Marie war hier“ große Freude haben.

Auf zu neuen Ufern: Britt-Marie (Pernilla August).


40 Jahre lang hat Britt-Marie (Pernilla August) gewissenhaft für ihren Mann den Haushalt geschmissen, ihn bekocht und seine Wäsche gewaschen. Als sie aber durch Zufall herausfindet, dass Kent (Peter Haber) sie mit einer jüngeren Frau betrügt, verlässt sie ihn auf der Stelle und zieht spontan aus dem gemeinsamen Häuschen aus. Doch wo und wovon soll sie leben? Auf dem Arbeitsamt gibt es für sie lediglich ein Job-Angebot: Betreuerin und Fußballtrainerin von Problemkids auf dem Lande. Britt-Marie mag eigentlich keine Kinder, denn die sind laut und machen Dreck. Und Fußball hasst sie geradezu, weil der Kents einzige Leidenschaft ist. Trotzdem fährt sie widerwillig in das Provinzkaff Borg und räumt in der heruntergekommenen Tagesstätte erst einmal richtig auf. Anschließend bläst sie den frechen Jugendlichen, die nur noch das kurz bevorstehende Turnier im Kopf zu haben scheinen, erst mal ordentlich den Marsch, ohne zu ahnen, dass dies Leben der quirligen Vega (Stella Oyoko Bengtsson) und ihrer Freunde ebenso verändern wird wie ihr eigenes…

Tuva Novotny dürfte Fans des skandinavischen Kinos bisher eher als Schauspielerin aufgefallen sein. Die Schwedin spielte jüngst eine Reihe denkwürdiger Nebenrollen wie Tennisstar Björn Borgs Verlobte in „Borg/McEnroe“, eine Kollegin und Kameradin von Natalie Portman in „Auslöschung“ sowie die besorgte Gattin von „Game Of Thrones“-Star Pilou Asbæk in dem herausragenden Kriegsdrama „A War“. 2018 wagte sie sich dann erstmals hinter die Kamera, um mit „Blind Spot“ ihr Regiedebüt abzuliefern. Das intensive Psycho-Drama wurde in einem Take gedreht, erntete Top-Kritiken und war Norwegens Kandidat für den Fremdsprachen-Oscar. Für ihre zweite Regiearbeit, die erste in ihrer Muttersprache, suchte sich Novotny nun zwar einen weit konventionelleren Stoff aus, aber das muss ja nicht zwingend etwas Schlechtes sein:

Anakin Skywalkers Mama


Mit der Geschichte der 63-jährigen, spießig-pedantischen und immer etwas mürrischen Britt-Marie präsentiert Novotny schließlich ein teils witziges, teils zum Nachdenken anregendes und für einige womöglich sogar inspirierendes Gemisch aus Komödie und Charakterdrama. Während „Blind Spot“ mit auf einem globalen Level eher unbekannten Darstellern realisiert wurde, hatte Novotny hier mit Pernilla August („Fanny und Alexander“) in der Titelrolle eine weltweit bekannte Veteranin vor der Linse. Serien-Sehern dürfte Augusts Gesicht vor allem aufgrund ihrer aktuellen Beteiligung am dänischen Hit „Die Erbschaft“ geläufig sein. „Star Wars“-Fans kennen sie hingegen als Mutter von Anakin Skywalker in Episode I und II der Space-Oper. Die erfahrene Schauspielerin ist dabei in so gut wie jeder Einstellung zu sehen. Stets merkt man ihr an, wie viel Freude sie an ihrem herausfordernden Part und seiner Entwicklung gehabt haben muss. Dabei gelingt es ihr, die Metamorphose vom frustrierten Hausmütterchen zu einer endlich selbstständig denkenden und handelnden, aus ihrem bisher von strengen Regeln sowie sich von uhrwerkgleich wiederholten Abläufen bestimmten Leben ausbrechenden Frau glaubhaft zu verkörpern.

Gerade weil August ihre Figur so authentisch darstellt, zündet der trockene Humor des von Novotny mitverfassten Drehbuchs in nahezu jeder Szene. Dabei hilft ihre speziell zu Beginn noch eine häufig eingesetzte Erzählstimme aus dem Off. Was von vielen Filmemachern meist zur Kaschierung von Skript-Schwächen oder sich eventuell durch den Schnitt ergebende Lücken in der Story nachträglich eingebaut wird, ist hier eine elegante Methode, dem Zuschauer nicht nur die Gedankengänge, sondern die gesamte Lebenseinstellung der Hauptfigur schnell und direkt nahezubringen. So sind Britt-Maries Handlungen und Reaktionen im weiteren Verlauf nachvollziehbar, ohne allzu berechenbar daherzukommen.

Mittendrin statt nur dabei: Britt-Marie (Pernilla August).


In den 40 Jahren ihrer Ehe hat Britt-Marie kaum das Haus verlassen – Kent und die Küche waren ihre ganze Welt. Da ist es nicht nur amüsant, sondern ebenso spannend, die Begegnungen mit der für sie fast schon überwältigenden Anzahl neuer Charaktere in ihrem Alltag in Borg aus ihrer Sicht mitzuerleben: Neben den vorlauten Kids gibt es etwa noch den leicht stoffeligen Dorfpolizisten Sven (Anders Mossling) sowie den jovialen Pizza-Bäcker Memo (Mahmut Suvakci), der sich nebenbei auch noch als örtlicher Glaser, Ladenbetreiber und manch anderes verdingt. Sven hat zudem offenbar ein Auge auf unsere Titelheldin geworfen und versucht sich ihr auf liebenswert ungeschickte Weise zu nähern.

Die diversen Gegensätze und Turbulenzen laden natürlich dazu ein, das Ganze optisch und was die Stimmung angeht als lauten, krassen Klamauk zu inszenieren. Ein Impuls, dem Novotny dankenswerterweise widerstand. Behält sie doch ein fast schon erstaunlich ruhiges, sanftes Tempo und visuelle Intimität bei. Absolut passend dazu stürzt Britt-Marie sich eben nicht kopfüber und voller Schwung in ihr Abenteuer, sondern wird bei ihrem Neustart immer wieder von realistisch anmutenden Selbstzweifeln und Existenzängsten begleitet.

Fazit: Klar, das Ende ist arg absehbar. Aber diese immer unterhaltsame, wunderbar menschliche Fisch-aus-dem-Wasser-Geschichte mit ihren sympathischen Figuren liefert trotzdem eine Menge Denkanstöße, mehr Verständnis für andere Menschen und Generationen aufzubringen.

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