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    Asphalt City
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Asphalt City

    Im nicht enden wollenden Rausch durch die Straßen New Yorks

    Von Michael Meyns

    Die Sirenen heulen, die Warnlichter flackern, immerzu werden sie bedroht, bedrängt, beleidigt, dabei macht doch das Geschrei der Verwundeten selbst die Arbeit bereits zu einer regelrechten Höllenerfahrung. Dabei bewegen sie sich nicht etwa durch ein Kriegsgebiet, sondern „nur“ durch den Großstadtdschungel der New Yorker East Side. Der Neuling Ollie Cross (Tye Sheridan) und sein erfahrener Partner Gene Rutkovsky (Sean Penn) sind auch keine Soldaten, sondern Sanitäter, ständig im Adrenalinrausch zwischen Leben und Tod, dem Retten der Anderen und der ganz unmittelbaren Gefahr für sich selbst. In seinen besten Momenten entfaltet Jean-Stéphane Sauvaires impressionistisches Drama „Black Flies“ eine mitreißende kinetische Energie, ist ein regelrechter Rausch aus ebenso intensiven wie verstörenden Bildern und Tönen.

    Es geht kalt und brutal zu auf den Straßen des immer noch extrem ärmlichen New Yorker Viertels – und nach 80 Minuten, die vor allem aus eng getakteten Horror-Einsätzen bestehen, kann man Gene fast schon verstehen, wenn er sich fragt, ob es das alles wirklich wert ist. Weniger überzeugend ist allerdings der Versuch, im letzten Drittel doch noch einen „Plot“ loszutreten, der Cross zugleich zu einer tragischen, sich selbst zerstörenden Figur stilisiert, ohne dabei aber an andere selbstzerstörerische New Yorker Kino-Antihelden wie Travis Bickle heranzureichen.

    Vor allem der zweifache Oscargewinner Sean Penn spielt in „Black Flies“ wunderbar abgefuckt auf.

    Eigentlich soll der Job als Notfallmediziner für ihn nur das Sprungbrett zum Medizinstudium sein – und auch sonst passt Ollie Cross nicht so ganz in die Gruppe der harten, abgefuckten Typen, die in einer Station der Feuerwehr von New York ihren Dienst verrichten, mit der Ambulanz durch die Straßen rasen und Menschen retten. Oder es zumindest versuchen, denn wie der erfahrene Gene Rutkovsky längst weiß: Der Tod ist ein ständiger Begleiter!

    Gleich bei seinem ersten Einsatz stirbt Ollie ein Patient unter den Händen weg. Als er danach feiern geht, lernt er eine alleinerziehende Mutter (Raquel Nave) kennen, die den weiteren Film hindurch namenlos bleibt. Bezeichnenderweise, denn auch wenn der Sex anfangs intensiv ist und sich das Anstehen einer heilen kleinen Familie zumindest andeutet, kann Ollie seine Dämonen nur schwer unter Kontrolle halten und verliert sich immer mehr im Rausch der Nacht und dem Kampf um Leben und Tod…

    Jede Sekunde am absoluten Extrem

    Männer in Extremsituationen. Ein Topos des Kinos, aus dem der französische Regisseur Jean-Stéphane Sauvaire eine erfolgreiche Karriere gemacht hat: In „Johnny Mad Dog“ ging es um Kindersoldaten im Kongo, in „A Prayer Before Dawn“ um einen britischen Boxer, der sich in einem thailändischen Gefängnis als Muay-Thai-Kämpfer durchschlägt. Beides Filme, die auf autobiographischen Büchern basieren – ebenso wie nun auch „Black Flies“: Shannon Burke, der Autor der Vorlage, hat selbst einige Jahre als Rettungssanitäter in New York gearbeitet und seine Erfahrungen im Anschluss zu einem rohen, ungeschminkten Erlebnisbericht verarbeitet.

    Auch Sauvaire hat zur Vorbereitung auf seinen Film viel Zeit mit Rettungssanitäter*innen verbracht, ist in Ambulanzen bei Einsätzen mitgefahren. Ganz direkte persönliche Erfahrungen, die man „Black Flies“ ansieht: Mitreißende, flirrende Bilder finden Sauvaire und sein Kameramann David Ungaro, um nicht nur die Enge der Ambulanzen und den Adrenalinrausch des Einsatzes, sondern auch die Bedrohung durch die meist alles andere als freundlichen Angehörigen und Nachbar*innen zu zeigen. Zumal „Black Flies“ in East New York spielt, einem der wenigen noch nicht durch-gentrifizierten Viertel New Yorks, wo es noch „Mean Streets“ gibt, wo Latino-Gangs mit volltätowierten Körpern Hunde erschießen und Junkies lieber sterben, als von Staatsdienern gerettet zu werden. Kurz: Wo das Elend der Großstadt aus jeder Pore trieft. Großartige Kleindarsteller*innen hat Sauvaire hier gefunden, jeder Ritt in der Ambulanz und jede Begegnung mit einem neuen Notfall erzählt eine kleine (meist besonders krasse) Geschichte, konfrontiert Ollie mit einer weiteren Facette der harschen Realität „da draußen“.

    Ein Horror-Einsatz nach dem anderen

    „Black Flies“ fühlt sich aufgrund des Aufbaus mit zahlreichen Einzeleinsätzen sehr episodisch an (weshalb leider auch die tollen Nebendarsteller*innen wie Michael Pitt als durchgedrehter Kollege oder Mike Tyson als Stationsleiter nur wenig zu tun bekommen). Der rote Faden der Erzählung soll weniger durch eine klassische Handlung entstehen – sondern viel mehr durch die innere Reise von Ollie, die er bei all den grausamen Anblicken an jedem neuen Einsatzort einem Abstieg in die Finsternis gleich durchlebt. Ganz platt gesagt – aber sein sprechender Nachname Cross (= Kreuz) legt diese Lesart durch nahe – hat Ollie ein Kreuz zu tragen, ist besessen von Dämonen, deren Ursachen nur lose angedeutet werden. Immer mehr steigert er sich im Lauf der (schnell verfliegenden) zwei Stunden in seine Aufgabe hinein, versucht über den Kampf um das Leben der Notfälle auch seinem eigenen Leben einen Sinn zu geben. Oft gelingt es Sauvaire, mit seinen flirrenden Bildern und der expressionistischen Tonspur ein immersives Erlebnis zu schaffen, das einen trotz der nur nebenbei mitschwingenden Narration konsequent mitreißt.

    Dabei scheint er ganz bewusst viele der Film zu zitieren, mit denen „Black Flies“ tonal verwandt ist: All die Paul-Schrader-Filme über einsame, sinnsuchende Männer, von „Taxi Driver“ bis „The Card Counter“ – darüber hinaus aber auch Abel Ferraras New-York-Epos „Bad Lieutenant“ mit seinem selbstzerstörerischen Anti-Helden und nicht zuletzt Martin Scorseses Ambulanzfahrer-Film „Bringing Out The Dead“. In seinen besten Momenten kommt „Black Flies“ an den Sog und die Energie des unterschätzten Nicolas-Cage-Vehikels heran, überzeugt als düsteres, impressionistisches Bild eines einsamen Mannes in der Großstadt. Diese Qualität kann Sauvaire allerdings nicht über die gesamte Dauer halten: Meist sind es genau die Szenen, in denen versucht wird, eine eher klare Geschichte zu erzählen, den Figuren durch Dialoge psychologische Tiefe zu verleihen, die hölzern und bemüht wirken und den mitreißenden Fluss der Bilder und Töne kurz durchbrechen. Dennoch: An Ambition mangelt es Sauvaire gewiss nicht – wie schon das Wagnis zeigt, den Film tatsächlich vor Ort auf den Straßen New Yorks zu drehen!

    Fazit: Nach seinem rohen Martial-Arts-im-thailändischen-Höllenknast-Drama „A Prayer Before Dawn“ drehte Jean-Stéphane Sauvaire mitten auf den Straßen von New York, wo er einen visuell wie akustisch mitreißen Sog erzeugt, der die Sinnsuche eines jungen Rettungssanitäters schildert. Oft etwas hölzerne Dialoge und Erzählmomente verhindern zwar einen ganz großen Wurf - ein ambitionierter, stilistisch aufregender Rausch bleibt „Black Flies“ aber dennoch.

    Wir haben „Black Flies“ beim Cannes Filmfestival 2023 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.

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