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    Und morgen die ganze Welt
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Und morgen die ganze Welt

    Die Fallstricke des antifaschistischen Widerstands

    Von Christoph Petersen
    In den ersten (internationalen) Kommentaren nach der Weltpremiere von „Und morgen die ganze Welt“, der durchaus überraschend als deutscher Beitrag in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig eingeladen worden war, fand sich wiederholt der Vorwurf, der Film von Julia von Heinz („Was am Ende zählt“) sei „politically muddled“. Ist das Drama über eine Jurastudentin aus wohlhabendem Hause, die erst in eine linke Kommune zieht und später an gewaltvollen antifaschistischen Aktionen teilnimmt, also ein „politisches Kuddelmuddel“?

    Ja, irgendwie stimmt das schon. Aber die eigentliche Frage lautet doch: Warum sollte man einem Film das vorwerfen? Gerade jetzt im Vorfeld der US-Wahl erscheinen doch ohnehin genügend Produktionen wie „The Trial Of The Chicago 7“, die man politisch gar nicht falschverstehen kann, so feinsäuberlich sind die Argumentationslinien bis zu den Missetaten des aktuellen US-Präsidenten vorgezeichnet. In „Und morgen die ganze Welt“ gibt es hingegen immer wieder Szenen, bei denen man sich als eher links eingestellter Zuschauer schon fragt, ob man so etwas gerade jetzt, wo der Kampf gegen Rechts so weit oben auf der sozialgesellschaftlichen Agenda steht, unbedingt zeigen muss?

    Die Antwort sollte auf jeden Fall „Ja“ lauten. Zumal es eben auch wunderbar erfrischend ist, zur Abwechslung mal wieder ambivalentes, offenes und vor allem weniger taktisches Polit-Kino zu sehen...

    Zusammenhalt in der Kommune: Luisa (Mala Emde) und Batte (Luisa-Céline Gaffron).


    In Abänderung eines berühmten, wohl nicht wirklich von Winston Churchill stammenden Zitats erklärt der Vater (Michael Wittenborn) der Hauptfigur an einer Stelle im Film: Wer mit unter 30 nicht links ist, der hat kein Herz; und wer mit über 30 noch links ist, der hat keinen Verstand. Luisa (Mala Emde) ist aber erst Anfang 20 – und will dementsprechend noch immer die Welt retten. Zum Start ihres Jurastudiums zieht sie deshalb zu ihrer besten Schulfreundin Batte (Luisa-Céline Gaffron) in eine linksautonome Kommune, statt im elterlichen Landanwesen wohnen zu bleiben.

    Während Batte und ihre Mitstreiter*innen vergleichsweise harmlose Störaktionen gegen AFD-Veranstaltungen starten, ist Luisa zunehmend fasziniert von dem attraktiven Alfa (Noah Saavedra) und dem grüblerischen Lenor (Tonio Schneider), die bei ihrem Kampf gegen Rechts offensichtlich auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Als Luisa an das Handy eines Neonazis gelangt, nutzen Alfa und Lenor die darauf gespeicherten Daten, um eine riskante Aktion gegen die Teilnehmer eines Marsches „besorgter Bürger“ zu planen...

    Ein authentisches Dilemma


    Gleich zu Beginn des Films, dessen Titel sich auf die drohend wirkende Textzeile eines nationalsozialistischen Propagandaliedes bezieht (dort heißt es deutlich „Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt“) wird Artikel 20 des Grundgesetzes genannt – und damit dessen wichtige Rolle für die folgende Handlung herausgestellt. Doch ab wann darf man zum dort erlaubten Widerstand gegen verfassungsfeindliche Bestrebungen greifen? Und vor allem wie weit reicht dieses Recht? Bis zum Auspfeifen? Bis zum Eierwerfen? Oder darf man auch zuschlagen? Julie von Heinz verweigert sich konsequent abschließender oder gar politisch korrekter Antworten...

    Vor 20 Jahren hat die Regisseurin noch selbst vorübergehend in der Antifa mitgewirkt. Wohl unter anderem deswegen fühlt sich ihr Film nie an wie eine schematische Abhandlung. Stattdessen wirken die Bilder von Daniela Knapp („Die fetten Jahre sind vorbei“), die mit ihrer Handkamera auch im Gewühl der Proteste ganz nah an die Figuren heranrückt, erstaunlich authentisch. Julia von Heinz hat sich offensichtlich selbst zwei Jahrzehnte später noch keine finale Meinung über die Erfahrungen von damals gebildet – und diese Offenheit ist eine der zentralen Stärken von „Und morgen die ganze Welt“.

    Wenn man die Welt verbessern will, dann stellen sich einem schnell erstaunlich viele Menschen in den Weg.


    Auf dem Papier bestand zumindest die Gefahr, dass Luisa, die junge Frau aus gutbürgerlichem Hause, der es niemals an etwas gemangelt hat und die wohl auch ein Stück weit aus Rebellion gegen die eigenen Eltern auf die Straße geht, eine ziemliche Klischeefigur werden könnte – aber das verhindert allein schon die herausragende Performance von Mala Emde („303“), die den ständigen Zwiespalt ihrer Figur aushält, ohne je der Versuchung zu erliegen, diesen einfach in eine der möglichen Richtungen aufzulösen.

    Sowieso ist das Drama ziemlich stark besetzt – selbst wenn einige der Nebenfiguren noch ein wenig mehr Tiefe vertragen hätten: Noah Saavedra gibt etwa den verwegenen (Polit-)Verführer, ohne deshalb gleich wie ein schmieriger Arsch rüberzukommen – nur am Ende wird unnötig eindeutig mit der Idee gespielt, dass er hier doch nur für eine gewissen Zeit seinen rebellischen Abenteuerhunger stillt, bevor er sich wieder seiner vermutlich gutbürgerlichen Zukunft zuwendet. Da ist der Film an den meisten anderen Stellen zum Glück sehr viel ambivalenter.

    Clash der Generationen


    Ursprünglich sollte „Und morgen mal die ganze Welt“ ein historischer Film werden – bis Julia von Heinz gemerkt hat, dass der Stoff doch genauso gut ins Hier und Jetzt passt. Ein Überbleibsel früherer Protest-Generationen gibt es aber dennoch – und das gehört ebenfalls zu den Highlights: Andreas Lust („München“) spielt den Antifa-Veteranen Dietmar, der einst für die Sache ins Gefängnis gegangen ist und inzwischen ausgebrannt seinem 9-bis-17-Uhr-Job nachgeht, ohne noch großartig irgendwelchen Idealen nachzuhängen.

    Trotzdem gewährt er dem jungen Trio nach einer aus dem Ruder gelaufenen Aktion Unterschlupf – und dieses Aufeinandertreffen der Generationen hat etwas schmerzlich Entlarvendes an sich: Gibt es für die jungen Revoluzzer wirklich nur die beiden Möglichkeiten, entweder wie der antriebslose Dietmar oder so wie Julias irgendwie noch halbwegs sozial eingestellten Wohlstands-Freizeitjäger-Eltern zu enden? Oder existiert doch noch ein dritter Weg?

    Auf jeden Fall Widerstand - aber mit oder ohne Gewalt, das ist hier die Frage...


    Am Ende wird die Protagonistin – und mit ihr das Publikum – mit all den Fragen nach „richtig“ und „falsch“ alleingelassen. Es gibt keine Antworten, was man in Zeiten, in denen sich die Rechten womöglich „morgen die ganze Welt“ holen, tun darf, sollte oder vielleicht sogar muss. Das mag man als politically muddled empfinden. Dabei ist es doch ebenso mutig, authentisch sowie der Thematik angemessen komplex – und gerade deshalb auch nachhaltig aufwühlend...

    Fazit: Gewalt oder keine Gewalt, das ist hier die Frage. „Und morgen die ganze Welt“ ist junges, mutiges, aufrüttelndes Politkino, das keine Angst hat, in alle Richtungen anzuecken.

     

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