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    Der Zauberer von Oz
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der Zauberer von Oz
    Von Andreas Staben
    Das Jahr 1939 hat unter Hollywood-Historikern einen ganz besonderen Ruf. Das Studio- und Starsystem befand sich in seinem Zenit und brachte gleich dutzendweise Werke hervor, die heute als Klassiker gelten: Frank Capras „Mr. Smith geht nach Washington" und Lubitschs „Ninotschka", die Männerfilme „Aufstand in Sidi Hakim" und „SOS Feuer an Bord" sowie George Cukors „Die Frauen", Dramen wie „Die wilden Zwanziger", Komödien wie „Enthüllung um Mitternacht", Western wie „Jesse James – Mann ohne Gesetz" und die Western-Komödie „Der große Bluff". John Ford steuerte mit „Trommeln am Mohawk", „Der junge Mr. Lincoln" und vor allem „Höllenfahrt nach Santa Fe" gleich drei außerordentliche Werke zum Parade-Jahrgang bei, dazu kommen hochgerühmte Literaturverfilmungen wie „Der Glöckner von Notre-Dame", „Stürmische Höhen" und der alles überragende „Vom Winde verweht". David O. Selznicks monumentales Südstaatenepos brach sämtliche bis dahin bestehende Kassen- und Oscarrekorde, aber in den Herzen und im kollektiven Bewusstsein des amerikanischen Publikums hat ihm heute längst ein anderer Film den Rang abgelaufen, an dem sein (Haupt-)Regisseur Victor Fleming kurz zuvor ebenfalls arbeitete und der 1939 als Flop galt: das Musical-Märchen „Der Zauberer von Oz" nach dem Kinderbuchklassiker von L. Frank Baum.

    Die zwölfjährige Dorothy Gale (Judy Garland) lebt mit Onkel und Tante auf einer staubigen und tristen Farm in Kansas, sie träumt von einer besseren Welt jenseits des Regenbogens. Als ein Tornado aufkommt, wird das Haus mit der schlafenden Dorothy und dem Hund Toto darin davongetragen. Es landet im bonbonbunten Zauberreich Oz und erschlägt dabei die böse Hexe des Ostens. Deren Schwester, die böse Hexe des Westens (Margaret Hamilton) will sich an Dorothy rächen, doch die gute Hexe Glinda (Billie Burke) beschützt das Mädchen und rät ihm, Hilfe beim Zauberer von Oz (Frank Morgan) in der Smaragdstadt zu suchen. Auf ihrem Weg begegnet Dorothy der Vogelscheuche (Ray Bolger), die sich ein Hirn wünscht, dem Zinnmann (Jack Haley), der so gern ein Herz hätte und dem ängstlichen Löwen (Bert Lahr), der davon träumt, mutig zu sein. Die drei hoffen, dass der Zauberer ihre Wünsche erfüllen kann und begleiten das heimwehgeplagte Mädchen. Doch der Magier will ihnen erst helfen, wenn sie die böse Hexe und ihre fliegenden Affen besiegen...

    „Der Zauberer von Oz" ist ein unvergleichliches Unikat und ein Zeugnis für das, was in Bezug auf Hollywoods goldene Ära oft als „Genius of the System" bezeichnet wird. Die Entstehungsgeschichte war mehr als holprig und obwohl insgesamt 14 Autoren und fünf Regisseure an der Produktion beteiligt waren, wirkt das Ergebnis wie aus einem Guss. Dazu gehört auch eine Prise Glück wie etwa bei der Entscheidung, die Hauptrolle mit der eigentlich schon zu alten 16-jährigen Judy Garland zu besetzen und nicht mit dem anfangs favorisierten Kinderstar Shirley Temple. Wenn ihre Dorothy im Hof der Farm das unsterblich-sehnsüchtige „Over the Rainbow" anstimmt, dann ist das nicht nur eine die Karriere der unglücklichen Schauspielerin und Sängerin entscheidend prägende musikalische Sternstunde, sondern gleichsam die Quintessenz des ganzen Films. Das beschworene Land hinter dem Regenbogen, wo Träume wahr werden und Sorgen dahinschmelzen wie Zitronenbonbons ist natürlich jenes magische Reich, in das Dorothy sogleich durch einen Wirbelsturm entführt wird. Der begleitende Wechsel vom Schwarz-Weiß des Kansas-Teils zur Technicolor-Pracht des Zwergenlands, der yellow brick road, des Mohnfelds, der rubinroten Schuhe und der Smaragdstadt ist ein ebenso einfacher wie genialer Kniff.

    Dorothys Reise ins Land von Oz ähnelt der des Zuschauers in das Reich der Phantasie – wenn sie am Ende aus ihrem Traum erwacht, die Farbe wieder aus dem Film entweicht und das Mädchen in den Farmarbeitern die Gefährten aus ihren Abenteuern hinter dem Regenbogen erkennt, entspricht das dem Moment, in dem im Kinosaal die Lichter wieder angehen. Die Rückkehr in die Realität scheint zunächst einmal trist und Dorothys emphatischem „There's no place like home" fehlt ein wenig die unmittelbare Überzeugungskraft, aber die Wirklichkeit wird durch den Traum auch verändert, der schließlich seinerseits zu einem Stück Heimat wird. In dieser expliziten Beschwörung eines idealisierten Zuhauses liegt ein Grundmotiv gerade des klassischen Hollywood-Kinos und Judy Garlands Worte könnten auch die von Vivien Leighs Scarlett sein, die in „Vom Winde verweht" auf dem geliebten Boden Taras in die Knie sinkt.

    Der zeitliche und räumliche Begrenzungen hinter sich lassende mythologische Kern des Films gibt ihm Verführungskraft bis heute, aber um in diese Sphäre des kaum Erklärbaren und des Magischen vordringen zu können, bedurfte es der Talente ganz unterschiedlicher Techniker, Darsteller und Künstler. Die Songs von Harold Arlen mit den Texten von E.Y. Harburg („Ding Dong the Witch Is Dead", „We're Off to See the Wizard"), die farbenprächtige Ausstattung, die phantasievollen Kostüme von Adrian, der über 100 kleinwüchsige Munchkins individuell einkleidete und die bis in kleinste Nebenrollen hinein perfekte Besetzung mit einem Sonderlob für den in gleich fünf Rollen zu sehenden Frank Morgan haben allesamt entscheidende Anteile am Gelingen des Ganzen. Da ist es kaum noch wichtig, was nun von Victor Fleming oder vom Produzenten Mervyn LeRoy inszeniert wurde - oder auch von George Cukor („Die Nacht vor der Hochzeit", „My Fair Lady") oder von King Vidor („Krieg und Frieden"). Dass die von letzterem realisierte „Over the Rainbow"-Sequenz fast ebenso wie eine vom legendären Busby Berkeley choreographierte Tanzeinlage der Vogelscheuche der Schere zum Opfer gefallen wäre, ist unter den zahlreichen Anekdoten, die den Film umranken, eine der erstaunlichsten.

    L. Frank Baums zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Oz-Geschichten gelten als seltenes Beispiel genuin amerikanischer Märchen, allerdings hat der schon zu Stummfilmzeiten mehrmals verfilmte Stoff seine ganze kulturelle Tragweite erst mit dem Aufstieg unseres MGM-Musicals zum Feiertagsfernsehklassiker erlangt. Referenzen und Anspielungen an „Der Zauberer von Oz", der in Deutschland über Jahrzehnte unter dem Titel „Das zauberhafte Land" zu sehen war, sind nicht nur im Kino von John Boorman („Zardoz") über David Lynch („Wild at Heart") bis Robert Zemeckis („Contact") allgegenwärtig, auch die Fernsehserie „Oz" hat mehr als nur den Namen von ihm geborgt und Musikgrößen wie Elton John und Pink Floyd beziehen sich auf den Film, den angeblich mittlerweile insgesamt mehr als eine Milliarde Menschen gesehen haben. Auch diverse Ranglisten und Umfragen untermauern die Besonderheit eines Werks, das heute nichts weniger ist als eine amerikanische Institution.
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