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    El Conde
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    El Conde

    Ein sehr besonderes Netflix-Original – mit Vampiren, Darth Vader und Pinochet!

    Von Christoph Petersen

    Auf dem Schreibtisch steht die Büste von Julius Caesar neben der von Darth Vader. Im Regal finden sich nicht nur VHS-Mitschnitte der Highlights einer Diktatoren-Karriere, sondern auch Kauf-Videos u. a. von „ALF“. Während eine alte Schallplatte Marschmusik abspielt, wird der Titel des in gestochenem Schwarz-Weiß gedrehten Netflix-Originals „El Conde“ in pinker Frakturschrift eingeblendet. Der 2006 „verblichene“ chilenische Ex-Diktator Augusto Pinochet lebt! Oder genauer: Er ist bereits seit Jahrhunderten (un-)tot! Schon seit der Französischen Revolution bringt er Unheil über die Menschen. Nun aber hat der alte Blutsauger selbst genug: Auf seiner abgelegenen Farm im kalt-kargen Süden Chiles hat er aufgehört, Blut zu trinken, um endlich zu sterben.

    Pablo Larraín („Jackie“) hat offenbar noch eine Rechnung offen. Nach dem ebenso mitreißenden wie unterhaltsamen „No“, in dem ein Werbefachmann die Opposition mit einer Guerilla-Marketingkampagne in ihrem vermeintlich aussichtslosen Kampf gegen die Wiederwahl Pinochets im Jahr 1988 unterstützt, knöpft sich der chilenische Regisseur und Drehbuchautor nun den Diktator (und alle, die noch immer von ihm zu profitieren versuchen) persönlich vor: Die Idee, einen so geldgierigen wie folterlustigen Despoten, der zudem noch mit Hilfe der allein ihre wirtschaftlichen Interessen verfolgenden USA an die Macht geputscht wurde, als Blutsauger darzustellen, ist – gerade unter Karikaturist*innen – sicher nicht die originellste Idee. Aber „El Conde“ ist als wahnwitziges Politik-und-Popkultur-Potpourri trotzdem ein Unikat.

    Augusto Pinochet (Jaime Vadell) lebt! Als Vampir muss er sich entscheiden, ob er nun endgültig sterben will – oder ob er nicht doch noch ein anderes Land aussaugt.

    Einst hat er nach der Enthauptung von Marie Antoinette nicht nur ihr Blut von der Guillotine abgeleckt, sondern anschließend auch noch ihren Kopf aus der Gruft gestohlen, um ihn fortan als Abbild der perfekten Frau in einem Glas aus Alkohol aufzubewahren. 250 Jahre später ist Augusto Pinochet (Jaime Vadell), nachdem er Chile von 1973 bis 1990 mit despotischen Methoden regiert (und sich dabei immer auch ordentlich in die eigene Tasche gewirtschaftet) hat, am Ende seiner Kräfte angekommen: Fast zwei Jahrzehnte nach seinem „offiziellen“ Todesdatum hat der Vampir-Diktator aufgehört, Blut zu trinken und die Herzen seiner ehemaligen Untertan*innen zu verspeisen.

    In seiner verfallenen Farm an der Südspitze des Landes wartet er nun auf seinen Tod. Zuvor sind allerdings noch einmal seine Frau Lucia Hiriart (Gloria Münchmeyer) und seine fünf Kinder zusammengekommen, um all die Papiere im Keller durchzuarbeiten, in denen sich womöglich irgendwo das massive Geheimvermögen verbirgt, welches dem Ex-Diktator von seinen Ankläger*innen stets nachgesagt wurde. Dabei helfen soll auch eine junge Buchhaltungsexpertin (fantastisch: Paula Luchsinger). Die ist in Wahrheit jedoch eine Nonne, die von ihrer Oberin entsendet wurde, um das Böse ein für alle Mal zu besiegen (und dabei womöglich auch noch das eine oder andere versteckte Milliönchen für die Heilige Kirche abzuzweigen)…

    Hohe Kunst trifft auf anarchischen Spott

    Der zweifach oscarnominierte Edward Lachmann, berühmt vor allem als Stammkameramann von Todd Haynes („Dem Himmel so fern“, „I’m Not There“), fängt die desolate südchilenische Landschaft in grandiosen Schwarz-Weiß-Bildern ein, deren erdrückend-depressive Atmosphäre mitunter ein wenig an die allerschwersten Stoffe von Ingmar Bergmann („Das siebente Siegel“) erinnert. Aber genau das ist der Kontrast, auf den Pablo Larraín und sein Co-Autor Guillermo Calderòn offensichtlich aus sind, wenn sie die schwer-melancholischen, nebelverhangenen Motive mit ebenso viel unnachgiebigem Biss wie verspielten Wildheiten konterkarieren:

    Durchaus im anarchisch-aufrührerischen Geiste von Christoph Schlingensief („Das deutsche Kettensägenmassaker“), aber eben inszenatorisch kunstvoll statt trashig, spürt man in „El Conde“ jederzeit die unbändige Lust am Verspotten – und da trifft es, wie man es von Chiles cineastischem Chefankläger Pablo Larraín („El Club“, „Neruda“) nicht anders gewöhnt ist, wirklich jeden. Während der Lebenssaft südamerikanischer Arbeiter*innen nach Pöbel mit einer Note Hund schmeckt, stammt das beste Blut noch immer aus Großbritannien – es erinnert schließlich an das Römische Reich, erweitert um eine gewisse Wikinger-Note im Abgang.

    Eine nur vermeintlich harmlose Nonne (Paula Luchsinger) macht sich bereits auf den Weg, um den unsterblichen Diktator doch noch den Garaus zu machen.

    Deshalb ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass der omnipräsente Off-Kommentar in „El Conde“ nicht nur in englischer Sprache gehalten ist – sondern die erklärenden Einwürfe auch noch lange Zeit unbekannterweise von einer sehr prägnanten Frauenstimme vorgetragen werden: Wer den unverkennbaren Sprachgestus direkt erkennt, nimmt sich selbst damit eine der schönsten (und abgefahrensten) Überraschungen des Films. Aber dass Larraín nicht mehr zum besten Freund der Brit*innen wird, wissen wir ja bereits, seitdem er Kristen Stewart als Prinzessin Diana in „Spencer“ dabei geholfen hat, dem Königshaus in Richtung KFC-Restaurant zu entfliehen.

    Die absurd-horrorhaften Szenen, wie der geriatrische Diktator in seiner zum Vampirumhang umfunktionierten Generalsuniform vor den Wolkenkratzern der Großstadt entlangfliegt, um sich neue wehrlose Opfer zu suchen, wird man sicherlich ebenso im Gedächtnis behalten, wie so manchen besonders garstigen Gore-Moment gerade zu Beginn (da wird ein Frauenkopf mit einem Hammer erst einmal besonders ausgiebig zermatscht). Was hingegen doch ein wenig enttäuscht, ist das Finale. Wenn alles auf die große Auseinandersetzung zwischen Vampir und Nonne zusteuert, endet „El Conde“ leider mit einem Puff statt einem Knall.

    Fazit: Eine bitterböse politische Vampir-Farce irgendwo zwischen großer Filmkunst und blutiger Satire, die vielleicht nicht ganz so originell ist, wie die Macher*innen selbst zu glauben scheinen, aber dennoch mächtig Laune macht und dazu auch noch buchstäblich Biss hat!

    Wir haben „El Conde“ beim Filmfestival Venedig 2023 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

     

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