Mein FILMSTARTS
    Zum Start von "Blade Runner 2049": Diese (zum Teil drastischen) Unterschiede bestehen zwischen den verschiedenen "Blade Runner"-Versionen
    Von Christian Fußy — 06.10.2017 um 20:00
    facebook Tweet

    Ridley Scotts Sci-Fi-Klassiker wurde seit seiner Veröffentlichung 1982 immer wieder neu geschnitten und überarbeitet. Mittlerweile existieren sechs (!) verschiedene Fassungen des Films mit teils grundverschiedenen Enden. Ein Überblick.

    In manchen Schnittfassungen von „Blade Runner“ fährt Replikanten-Jäger Rick Deckard (Harrison Ford) mit seiner Freundin Rachael (Sean Young) siegreich in den Sonnenuntergang. In anderen blickt das Paar einer ungewissen Zukunft entgegen. Und in wieder anderen wird sogar impliziert, dass auch Deckard selbst ein Replikant sein könnte. Wir haben uns die sechs verschiedenen Versionen des Films (die extra für die TV-Ausstrahlung gekürzten außen vor) noch einmal angeschaut und präsentieren sie euch hier in chronologischer Reihenfolge ihrer Veröffentlichung:

    Die Workprint-Version:

    Diese ursprüngliche, jedoch unvollständige Version des Films wurde 1982 vor Testpublikum aufgeführt und anschließend für lange Zeit aus dem Verkehr gezogen. Im Vergleich zur späteren Kinoversion beginnt der Workprint nicht mit einer schriftlichen Einführung in die Welt von „Blade Runner“, sondern lediglich mit einer kurzen Erklärung der Replikanten und deren Fähigkeiten. Auch die visuell eindrucksvolle Nahaufnahme eines Auges, mit der der Film sonst beginnt, fehlt hier komplett. Die Handlung kulminiert wie in allen anderen Versionen mit der Auseinandersetzung zwischen Roy Batty (Rutger Hauer), dem letzten Überlebenden der abtrünnigen Replikanten, und dem hoffnungslos unterlegenen Blade Runner Deckard im Versteck der Terroristen.

    Warner Bros. France
    Rutger Hauers und Harrison Fords finales Aufeinandertreffen in „Blade Runner“

    Batty rettet Deckard schließlich trotz der bestehenden Feindschaft das Leben, stirbt jedoch kurz darauf selbst - wie in seiner Programmierung vorgesehen – nach genau vier Jahren Betriebszeit auf dem Dach des Gebäudes. Im monsunhaften Regen spricht er seine berühmten letzten Worte:

     

    I've seen things you people wouldn't believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhäuser Gate. All those moments will be lost in time, like tears in rain. Time to die...

    Am Ende des Monologs hören wir in dieser Fassung einen resümierenden Voice-Over von Harrison Ford (ein Stilmittel, das in dieser Fassung erst an dieser Stelle zum ersten Mal eingesetzt wird). Anschließend beginnt der Epilog. Dieser endet anders als in der Kinoversion in dem Moment, in dem sich die Aufzugtür hinter Rachael und Deckard schließt. Im Film finden sich noch viele weitere kleine Unterschiede zu den anderen Fassungen, diese sind jedoch vor allem technischer bzw. stilistischer Natur und verändern nicht den Kern der Handlung. Beispielsweise hört man in der Ur-Version häufig Durchsagen über Deckards Autoradio - und während der Dialoge wird häufiger zwischen den Figuren hin- und her geschnitten. Der Workprint wurde 1991 sehr zum Ärger von Ridley Scott als eine Art erster Director’s Cut in mehreren Kinos gezeigt und befindet sich mittlerweile auf verschiedenen Home-Video-Veröffentlichungen als Bonusmaterial.

    Die San-Diego-Version:

    Die San-Diego-Version wurde einmalig bei einem Testscreening in der kalifornischen Stadt gezeigt und nie veröffentlicht. Sie unterscheidet sich von der Kinoversion angeblich nur noch marginal. Die Einführung Roy Battys soll etwas anders ausfallen und das Ende, das schließlich auch für die US-Kinoversion verwendet wurde, eine Szene mehr enthalten.

    Warner Bros. France
    Harrison Ford und Edward James Olmos zu Beginn des Filmes
    Die US-Kinoversion:

    Da Ridley Scotts ursprüngliche Vision dem Studio zu verkopft und düster war, wurden für die Kinoversion einige Änderungen an der Geschichte vorgenommen:

    Man entschied sich, das ursprüngliche ambivalente Ende durch ein eindeutigeres, positiveres zu ersetzen. Das Schicksal der Liebenden hängt in dieser Version nicht in der Schwebe, Rachael und Deckard kommen mit ihrem Leben davon und flüchten mit dem Auto aufs Land. Für den neu gedrehten Epilog verwendete man aus Zeitgründen unverwendete Helikopter-Aufnahmen aus Stanley Kubricks „The Shining“.

    Zudem wurde die Voice-Over-Narration aus dem Workprint, die dort nur in einer Szene am Schluss zu hören war, auf den gesamten Film ausgeweitet - ein höchst genervter Harrison Ford musste diese im Studio komplett neu einsprechen.

     

    Die Internationale Version:

    Für die internationale Veröffentlichung wurden einige Szenen erweitert bzw. verändert. Roy Battys Konfrontation mit seinem Erschaffer läuft hier beispielsweise etwas brutaler ab: Statt Tyrell einfach nur den Kopf zu zerquetschen, sticht er ihm hier mit seinen Fingern die Augen aus – ein symbolischerer Abgang als der in der Kinoversion. Außerdem wurden einige Kampfszenen am Ende des Films um wenige Einstellungen erweitert.

    Warner Bros. France
    Tyrells Tod fällt in fast jeder Version etwas anders aus
    Der Director’s Cut:

    Ridley Scott war unzufrieden damit, dass die Workprint-Version von 1991 von Warner Bros. als sein Director’s Cut vermarktet wurde, obwohl Musik und Effekte noch gar nicht fertiggestellt waren und er persönlich gerne die Möglichkeit gehabt hätte, noch Änderungen an dem Material vorzunehmen. Er distanzierte sich deshalb von der Fassung und bekam daraufhin vom Studio den Auftrag, ein Jahr später eine eigene, definitive Version von „Blade Runner“ anzufertigen. Aus Zeitgründen (Scott drehte gerade „Thelma & Louise“) war ihm dies jedoch nicht zu seiner vollständigen Zufriedenheit möglich und so war die unter dem Titel „Director’s Cut“ veröffentlichte Version in Wahrheit auch nur ein weiterer Kompromiss.  

    Warner Bros. France
    Ridley Scott „korrigierte“ das Happy-End der Kinofassung

    Dennoch wurden einige grundlegende, von Scott persönlich abgenickte Änderungen an der Geschichte vorgenommen: So fand beispielsweise die umstrittene, vom Regisseur bereits für die Urfassung gewünschte Einhorn-Sequenz ihren Weg zumindest im Teil zurück in den Film. Außerdem wurden die Narration und das „Happy End“ mit Deckard und Rachael im Auto komplett entfernt. Der Film endet wie die Workprint-Version damit, dass der Blade Runner das Origami-Einhorn von Gaff (Edward James Olmos) findet und sich an dessen Worte „too bad she won’t live, but then again, who does?“ zurückerinnert. Anschließend betritt er mit Rachael den Aufzug und der Abspann beginnt.

    Bei der genannten Einhorn-Sequenz handelt es sich um einen Tagtraum von Deckard und um einen Hinweis darauf, dass dieser vielleicht selbst nicht ist, was er zu sein glaubt. Weil Gaff ihm ein Einhorn-Origami hinterlässt, stellt sich die Frage, ob Gaff möglicherweise Deckards Einhorn-Träume kennt und ihm das durch die Papierfigur mitteilen möchte. Das würde bedeuten, Deckard wäre selbst ein Replikant mit eingepflanzten Gedanken (denn woher sollte Gaff sonst von den Einhörnern wissen).

     

    Für diese Auslegung der Szene spricht, dass sie von Sir Ridley höchstpersönlich vertreten wird. Dagegen jedoch auch so einiges, was sich im Film selbst befindet: Allein die körperliche Unterlegenheit Deckards ergäbe in Anbetracht dieser Theorie keinen Sinn. Wenn Roy Batty bereits am Ende seiner Lebensspanne steht und mit Deckard ein neuerer Replikant auf die Jagd geschickt wird, wieso ist dieser dann allem Anschein nach ein schlechteres und nicht mindestens ein gleichwertiges Modell?

    Außerdem untergräbt diese Deutung der Ereignisse die zentrale Botschaft des Films. Wenn beide Männer am Ende Roboter waren, wieso stellt man deren Menschlichkeit dann überhaupt gegenüber? Welche Implikationen hat dieser Twist für Deckard und seine Zukunft, abgesehen von der Gewissheit, dass Menschen ihre Schöpfung belügen und missbrauchen. Wer lernt am Ende irgendetwas aus dieser Version der Ereignisse?

    Warner Bros. France
    Dem Origami-Einhorn kommt in manchen Fassungen eine besondere Bedeutung zu
    Ridley Scotts Final Cut:

    Ridley Scott bekam am Ende doch noch einmal die Gelegenheit, seine eigene, endgültige Version des Filmes fertigzustellen. Diese wurde 2007 als Final Cut veröffentlicht. Allein optisch ist dies die schönste Version des Materials und auch der Szenenfluss ist um einiges verbessert worden. Der Einhorn-Traum befindet sich erstmals in seiner Gesamtheit im Film, die Szene ist im Vergleich zum Director’s Cut acht Sekunden länger. Auch die Sequenz, in der Tyrell sein grausames Ende findet, wurde noch einmal überarbeitet und ist jetzt etwas länger und dadurch noch um einiges blutrünstiger.

    Die visuell stärkste Verbesserung kommt in einer der letzten Szenen des Filmes: Die Taube, die von Roy Batty bei seinem Tod losgelassen wird, erhebt sich nicht mehr in einen unpassend blauen Himmel, sondern in die schmutzige, vollgerußte Luft, die auch im Rest des Films zu sehen ist.

    Das Finale ist ansonsten mit dem des Director’s Cuts nahezu identisch.

    Warner Bros. Entertainment
    Die Versionen im Vergleich
    facebook Tweet
    Ähnliche Nachrichten
    Das könnte dich auch interessieren
    Kommentare
    • Lionheart W.
      hab den final cut gestern zum ersten mal gesehen und war von den Bildern wirklich beeindruckt. Allerdings hat der film teilweise einschläfernde wirkung und die story zieht sich wie Kaugummi. bin sehr gespannt auf 2049
    • greek freak
      Die Kollegen von RedLetterMedia haben´s perfekt auf den Punkt gebracht.Blade Runner ist optisch,von der Inszenierung und Atmosphäre einfach bombastisch,hat eine tolle Performance von Rutger Hauer und stellt viele philosophische Fragen.Aber storytechnisch,ist der Film ein Reinfall.Das ganze soll ja eine Detektiv-Story,in der Zukunft sein,aber es gibt nix für Deckart aufzuklären.Wir erfahren schon zu Beginn,wieso die 4 Replikanten auf die Erde gekommen sind und was sie wollen, daher ist die Story auch so langweilig.Gottseidank,hat Denis Vileuneuve das erkannt und in 2049 gibt´s eine richtige Detektiv-Story,wo Ryan Gosling auch tatsächlich ermittelt um den Fall zu lösen.2049 ist zwar auch seeeeeehr langsam,vom Tempo,aber man bleibt als Zuschauer dabei,um die Auflösung der Story zu sehen.
    • Luphi
      Der neue Blade Runner gibt zwar auch keine eindeutige Antwort auf die Frage, aber man könnte sich schon eine Erklärung herleiten, warum er es eben doch sein könnte. Aaaber man könnte halt genauso dagegen argumentieren, denn da gibt der Film eben auch einigen Anlass zu.
    • greek freak
      Was mir bei der Deckart/Replicant Theorie immer komisch vorkommt:Deckart ist den Replikanten ja haushoch unterlegen.Er kriegt bei jeder Konfrontation mit einem der 4 mächtig auf die Fresse und kann sich nur mit Mühe und viel Glück behaupten,gegen Leon hatte er Glück,das Rachel aufgetaucht ist und gegen Roy Batty hatte er überhaupt keine Chance.Roy hat ihn verschont,aus Mitleid.Wäre er denn auch ein Replikant,müsste er doch den 4 mindestens körperlich ebenbürtig sein.
    • Luphi
      Na ja, weiß man's? Tyrell hat ja Rachael auch eigens entworfen um gewisse Zwecke zu erfüllen. Möglicherweise, das wird in Blade Runner 2049 ja angedeutet, auch genau zu dem Zweck, dass Deckard sich in sie verliebt. Wenn man das nun etwas weiter denkt...
    • Luphi
      Ist das denn so? Habe darauf beim letzten Mal nicht so sehr geachtet. Die 4-jährige Lebenszeit gilt für ALLE Replikanten? Es wird doch jedenfalls nicht ausgeschlossen, dass es möglich ist, dass es Replikanten mit längerer Lebenszeit gibt, oder nicht?
    Kommentare anzeigen
    Folge uns auf Facebook
    Die beliebtesten Trailer
    Good Boys Trailer DF
    Gesponsert
    Zombieland 2: Doppelt hält besser Trailer DF
    Crawl Trailer DF
    Last Christmas Trailer OV
    Descendants 3 Trailer OV
    Little Women Trailer OV
    Alle Top-Trailer
    Alle Kino-Nachrichten
    Die besten Komödien auf Netflix 2019
    NEWS - TV-Tipps
    Samstag, 17. August 2019
    Die besten Komödien auf Netflix 2019
    Das hätte Spider-Man nicht tun sollen! Darum kritisiert eine Comic-Legende "Avengers 4: Endgame"
    NEWS - Im Kino
    Samstag, 17. August 2019
    Das hätte Spider-Man nicht tun sollen! Darum kritisiert eine Comic-Legende "Avengers 4: Endgame"
    Die neuesten Kino-Nachrichten
    Neustarts der Woche
    ab 15.08.2019
    Once Upon A Time... In Hollywood
    Once Upon A Time... In Hollywood
    Von Quentin Tarantino
    Mit Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie
    Trailer
    A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando
    A Toy Story: Alles hört auf kein Kommando
    Von Josh Cooley
    Trailer
    Ich war zuhause, aber...
    Ich war zuhause, aber...
    Von Angela Schanelec
    Mit Maren Eggert, Jakob Lassalle, Clara Moeller
    Trailer
    Axel, der Held
    Axel, der Held
    Von Hendrik Hölzemann
    Mit Johannes Kienast, Christian Grashof, Emilia Schüle
    Trailer
    Holiday - Sonne, Schmerz und Sinnlichkeit
    Holiday - Sonne, Schmerz und Sinnlichkeit
    Von Isabella Eklöf
    Mit Victoria Carmen Sonne, Lai Yde, Thijs Römer
    Trailer
    Filme veröffentlicht in der Woche
    Back to Top