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Die Macher hinter dem Horror-Megahit: Unser Interview mit den Produzenten von "A Quiet Place"
Von Christoph Petersen — 08.04.2018 um 12:35
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Der Horror-„Stumm“-Film übertrifft an den amerikanischen Kinokassen gerade alle Erwartungen – wir haben die Michael-Bay-Geschäftspartner und „A Quiet Place“-Produzenten Andrew Form und Bradley Fuller in New York zum Sechs-Augen-Gespräch getroffen.

Paramount Pictures

Mit ihrer 2003 gemeinsam mit Michael Bay gegründeten Produktionsfirma Platinum Dunes zeichnen Andrew Form und Bradley Fuller für einige der lautesten Hollywoodfilme des angebrochenen Millenniums verantwortlich - darunter alle fünf „Transformers“- und zwei „Teenage Mutant Ninja Turtles“-Blockbuster. Auch im Horrorgenre ist Platinum Dunes schon seit vielen Jahren erfolgreich – und zwar vor allem mit Reboots wie „Michal Bay’s Texas Chainsaw Massacre“ oder Remakes wie „The Hitcher“.

So bedeutet der Horror-„Stumm“-Film „A Quiet Place“ für das Produzenten-Duo gleich in doppelter Hinsicht eine 180-Grad-Wende: Immerhin ist es nicht nur ein vollkommen originärer Filmstoff, er spielt auch noch in einer postapokalyptischen Welt, in der es vor allem darum geht, möglichst leise zu sein – denn jedes gesprochene Wort oder unvorsichtige Geräusch kann die tödlichen Kreaturen anlocken, die bereits einen Großteil der Menschheit ausgelöscht haben.

FILMSTARTS: In den nächsten zwölf Monaten werdet ihr vor allem an zwei Filmprojekten arbeiten, der Horror-Satire „The First Purge“ und dem Vorschul-Kinderfilm „Dora The Explorer“ – wird man da auf Dauer nicht schizophren?

Andrew Form: Ich habe zwei kleine Kinder zu Hause, ich bin also daran gewöhnt. Als wir an „A Quiet Place“ gearbeitet haben, bin ich auch abends nach Hause gekommen und habe mir gemeinsam mit meinem Sohn Serien für Kleinkinder angesehen.

Bradley Fuller: Im Jahr 2014 haben wir auch „The Purge“ und „Ouija“ auf der einen und „Teenage Mutant Ninja Turtles“ auf der anderen Seite produziert – das sind einfach die zwei Welten, in denen wir leben, das Horrorgenre und das Familiengenre, oft am selben Tag.

Von ganz laut zu ganz leise

FILMSTARTS: Eure Produktionsfirma Platinum Dunes ist zwar bekannt für Horrorfilme – allerdings eher für möglichst laute und nicht gerade subtile. Wie passt ein Film wie „A Quiet Place“ da rein? Ist es ein einmaliges Experiment? Der nächste logische Schritt?

Bradley Fuller: Lass es mich so sagen: Wir hätten nicht zuerst „A Quiet Place“ und dann all diese anderen Filme machen können. Wir haben von all diesen lauten Filmen gelernt, wie Horrorfilme gemacht werden. Und das wir nun mit „A Quiet Place“ einen Film machen, der sich nicht einfach auf die erprobten Techniken verlassen kann, gibt uns die Möglichkeit, uns aus unser Komfortzone herauszuwagen und die Zuschauer auf eine neue Weise zu erschrecken.

Andrew Form: Früher hatten wir vor der Stille in unseren Filmen regelrecht Angst – der Einsatz von möglichst viel Sound war für uns wie das Tragen von Schwimmflügeln, er gibt einem eine gewisse Sicherheit. Aber als ich dann das Skript zu „A Quiet Place“ gelesen habe, hat mich die Stille darin regelrecht angeschrien. Das war eine unglaublich aufregende Erfahrung für uns.

Die Zukunft: Qualität und Originalität

FILMSTARTS: Horror kommt ja erfahrungsgemäß immer in Wellen. Es gab die Teen-Slasher-Ära in den Neunzigern und die Torture-Porn-Ära in den Nullerjahren. Und ich habe die Theorie, dass wir uns jetzt in einer Ära der Qualität und vor allem Originalität befinden, in der es eben gerade nicht mehr reicht, nur die anderen zu kopieren, um an der Kinokasse Erfolg zu haben – und damit meine ich jetzt nicht nur „Get Out“. Ist es also vielleicht kein Zufall, dass ihr den nächsten Schritt gerade jetzt wagt…

Andrew Form: Wir haben eine Menge Sequels, Prequels und Remakes zu verantworten, das wissen wir selbst. Aber für uns war es auch echt sehr schwer, einen passenden Originalstoff zu finden – „The Purge“ war der erste und als wir damals das Skript gelesen haben, waren wir auch sofort an Bord. „A Quiet Place“ ist jetzt erst der zweite Originalstoff in den zehn Jahren, wo wir dachten: „Wow, das könnte echt was ganz Cooles und Neues werden.“

Aber es hat zuletzt tatsächlich eine große Welle von Filmen gegeben, bei denen sich gute Kritiken auch an der Kinokasse ausgezahlt haben – die Zuschauer achten da inzwischen viel stärker drauf. Vor 15 Jahren war das noch nicht so, dass die Leute auf RottenTomatoes gecheckt haben, was die Kritiker sagen. Damals haben sie einfach einen Trailer gesehen und das war genug. Aber inzwischen gibt es so viel Content, so viele Serien und Filme, dass die Menschen einfach wählerischer geworden sind. Die Qualität setzt sich durch…

Bradley Fuller: … und das führt übrigens auch dazu, dass man größere Risiken eingeht, weil man sich schlicht nicht mehr nur auf die Dinge verlassen kann, die in der Vergangenheit mal funktioniert haben. Das Publikum ist hungrig nach neuen Ideen, nach Dingen, die sie zuvor noch nicht gesehen haben. Sonst gucken die Leute einfach Fernsehen. „A Quiet Place“ ist hingegen ein Film, den man eigentlich unbedingt im Kino sehen muss, weil das Sounddesign einfach eine solch entscheidende Rolle spielt. Den Film mit Menschen um sich herum zu sehen, verbessert die Seherfahrung.

Andrew Form: Es wird immer härter zu entscheiden, ob ein Film wirklich noch eine Kinoerfahrung liefert – oder ob man ihn nicht lieber für einen Streaming-Anbieter produzieren sollte. Aber in diesem Fall war uns schon beim ersten Lesen des Skripts klar, dass das eine Erfahrung ist, die ins Kino gehört – oder das war es zumindest, was wir uns von diesem Projekt erhofft haben.

Paramount Pictures
Vater Lee (John Krasinski) versucht seine Familie mit allen erdenkbaren geräuschreduzierenden Mitteln am Leben zu halten.

FILMSTARTS: Mit seiner auf eine einzelne Familie konzentrierten postapokalyptischen Erzählung erinnert „A Quiet Place“ in gewisser Weise auch an einige Indie-Filme der letzten Jahre – aber während man in diesen schon aus Budgetgründen das Monster nur aus der Ferne hört oder es nur einmal möglichst kurz sieht, klotzt ihr ja richtig mit CGI-Effekten in einer Qualität, die man in einem Film dieser Preiskategorie absolut nicht erwartet hätte. Ist das etwas, dass Platinum Dunes eben zu einem Film beisteuern kann?

Andrew Form: Wir haben fünf „Transformers“ und zwei „Ninja Turtles“ mit ILM [Anm.d.Red.: die bedeutendste Spezialeffekt-Schmiede der Welt] gemacht – das sind sieben massive Produktionen. Wir haben dann da einfach angerufen: „Hey Jungs, wir wissen, dass ihr sowas eigentlich nicht macht, aber wir haben hier einen Film mit einem niedrigeren Budget, in dem es eine Kreatur gibt. Wir würden uns freuen, wenn ihr das Skript lest und uns wissen lasst, ob euch das interessieren würde.“

Wir konnten aber natürlich nicht bezahlen, was es normalerweise kosten würde. Sie haben es gelesen und gesagt, dass sie auch genau solche Filme machen wollen. Natürlich ist es toll, große Blockbuster mit 1.000 Effekt-Einstellungen zu machen, aber sie wollten trotzdem unbedingt dabei sein – und Scott Farrar, der alle fünf „Transformers“-Filme gemacht und schon zigmal für den Oscar nominiert war, kam dann auch zu uns ans Set.

Ohren die Angst machen

FILMSTARTS: Das Besondere an euern Monstern ist ja, dass sie zwar nicht sehen, aber dafür extrem gut hören können. Nun ist es ja einfach, ein furchterregendes Monstermaul mit großen fletschenden Zähnen zu kreieren. Aber bei euch sind es vor allem die Blicke in die Höhrkanäle, die einen nicht mehr loslassen. Wie schwer war es also, ein derart schreckenserregendes Ohr zu designen?

Bradley Fuller: Das hat Spaß gemacht. Man sieht erst nur eine Skizze, dann eine grobe Animation…

Andrew Form: … und trotzdem weiß man zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht, ob es auch tatsächlich funktionieren wird. Das ist der angsteinflößende Part, denn man schneidet den Film in diesem Moment ja schon. Und dann schneidet man eben zu einem Element im Film, von dem man sich noch gar nicht sicher sein kann, ob es überhaupt funktioniert. Ich persönlich war mir nicht sicher, ob es hinhaut, bis ich den Film beim SXSW-Festival gesehen habe. Bis dahin hat es sich angefühlt, als ob wir von einem Hochhaus springen, ohne zu wissen, ob da unten irgendwer mit einem Netz auf uns wartet.

FILMSTARTS: Filmproduzenten haben ja auch deshalb manchmal einen schlechten Ruf, weil man ihnen nachsagt, dass sie dafür verantwortlich sind, dass dem Zuschauer in Filmen immer alles haarklein erklärt wird. Wenn in „A Quiet Place“ nun der Vater die nicht-quietschenden Dielen im Flur farbig anmalt, damit seine taube Tochter weiß, wo sie hintreten kann und wo nicht, dann hätte es in jedem anderen Hollywoodfilm einen Dialog gegeben, in dem das noch mal für alle erklärt wird. Aber hier muss man als Zuschauer eben selbst aufpassen, weil das allermeiste nur visuell erzählt wird. Seid ihr da nicht nervös geworden?

Andrew Form: Als wir das Skript gekauft haben, war es nur 67 Seiten lang – und die meisten Filme, die wir machen, haben so 100 – 115 Seiten. Niemand hat uns vorgewarnt, sie haben uns nur gesagt, dass wir es mal lesen sollen – und als es dann nur 67 Seiten waren, hatten wir schon Angst, dass sie einen Teil einfach vergessen haben. Aber wir haben dann von Anfang an das Ziel verfolgt, einen komplett visuellen Film zu machen.

In anderen Genrefilmen nennen wir diesen Moment die Irving-the-Explainer-Szene – irgendjemand taucht auf und erklärt haarklein die Mythologie oder die Regeln dieser Welt. Aber wir waren uns sicher, dass „A Quiet Place“ diese Exposition nicht braucht, solange wir nur einen guten Job machen. Die größte Herausforderung bedeutet das übrigens gar nicht mal für uns oder für unseren Regisseur, sondern für die Marketingabteilung – denn in den Trailern oder TV-Spots zeigst du eigentlich genau diesen Moment, in denen jemand die Welt geradeheraus erklärt. Aber das gibt es hier nicht – sie hatten nur die Bilder zur Verfügung.

Die spannende Welt der Alltagsgeräusche

FILMSTARTS: John Krasinski, der ja nicht nur die Hauptrolle spielt, sondern auch die Regie übernommen und das Drehbuch überarbeitet hat, ist in der Vorbereitung auf den Film in eine Welt der Alltagsgeräusche abgetaucht – und hat ganz genau darauf geachtet, welche Geräusche seine Familie den ganzen Tag über macht und wie man diese womöglich in der Welt von „A Quiet Place“ vermeiden könnte. So ist ja etwa das Monopoly-Spiel aus lautlos zu bewegenden Schwammfiguren entstanden. Habt ihr ihn auf dieser Reise begleitet?

Bradley Fuller: Nein. Aber ich habe den Film inzwischen zehn Mal gesehen und mir ist aufgefallen, wie sehr ich auf die Geräusche achte, die ich beim Schauen des Films mache.

FILMSTARTS: Ja, gestern war die Pressevorführung in einem vollgepackten Kino und am Ende ist einem beim Rausgehen aufgefallen, wie viele der Popcorntüten noch randvoll waren, weil sich die Zuschauer offenbar nicht getraut haben, zuzugreifen…

Bradley Fuller: Das ist gut.

Andrew Form: Es ist sogar hart, den richtigen Moment zu finden, um seinen Strohhalm in seine Cola zu tun. Am Ende gibt es einen Moment totaler Stille und da halte sogar ich jedes Mal den Atem an. Das sind acht bis zehn Sekunden, in denen man bei der Vorführung beim SXSW-Festival mit 1.200 Zuschauer im Saal eine Stecknadel hätte fallen hören.

„A Quiet Place“ startet am 12. April 2018 in den deutschen Kinos – und warum sich der Kinobesuch (wenn auch nicht der Popcornkauf) definitiv lohnt, das könnt ihr in unserer ausführlichen Filmkritik nachlesen:

Die FILMSTARTS-Kritik zu "A Quiet Place"

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