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    Royale Klänge: Warum Komponist Max Richter der perfekte Mann für "Maria Stuart, Königin von Schottland" ist
    Von Oliver Kube — 17.01.2019 um 08:00
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    Um ihr stimmungsreiches Kostümdrama „Maria Stuart, Königin von Schottland“ mit der passend vielschichtigen Musik zu unterlegen, entschied sich Regisseurin Josie Rourke für den Komponisten Max Richter. Wir blicken in diesem Porträt auf seine Karriere.

    Universal Pictures

    Bereits seit seinem Studium an der Royal Academy of Music hat der Brite Max Richter  ein offenes Ohr für moderne Elemente jenseits der klassischen Musik, in der er groß geworden ist. So war er prädestiniert für diesen in Bezug auf historische Geschlechterrollen mit Konventionen brechenden Historienfilm. Nicht zuletzt aufgrund einer privaten Vorliebe für die Musik der Renaissance-Ära, in der die auf wahren Begebenheiten basierende Handlung von „Maria Stuart, Königin von Schottland“ angesiedelt ist, war Richter begeistert von Josie Rourkes Anfrage. Da er zudem ein leidenschaftlicher Fan ihrer gefeierten Theaterinszenierungen ist, sagte der Musiker umgehend zu und begann direkt nach der Drehbuchphase mit der Arbeit.

    Für „Maria Stuart, Königin von Schottland“ verpasst Richter seinen zu Beginn des Films verspielt fließenden, keltisch-folkloristisch angehauchten und fast schon euphorisch daherkommenden Melodien ein breitwandiges Orchester-Arrangement. Auf diese Weise illustriert er die positive Aufbruchsstimmung, unter der die Titelfigur (gespielt von Saoirse Ronan) den schottischen Thron besteigt und ihrem Volk Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt. Die Klänge, die hingegen Marias Gegenspielerin Elisabeth I. von England (Margot Robbie) begleiten, sind zurückgenommener, ambivalenter. Schon hier fügt Richter dem immer noch bombastischen Background feine elektronische Elemente bei. Die intensiver und gefährlicher werdende Rivalität zwischen den Monarchinnen spiegelt sich darauf in zunehmend dramatischer, konfrontativer und düsterer Score-Begleitung wider.

    Atmosphärisch meisterhaft

    Mehrfach gibt es neben donnernden Kriegstrommeln Verneigungen vor zeitgenössischer Kirchenmusik in Form von Chorälen, aber auch minimalistische Elektronik- und Ambient-Segmente zu hören. So werden die Empfindungen der Protagonistinnen bis hin zum bedrückenden Finale intuitiv nachfühlbar. Dazu zählen Einsamkeit, Melancholie, Verzweiflung und – im Falle von Elisabeth I. – schließlich Paranoia, jedoch ebenso Triumph, Verliebtheit und Freude. Mit diesem vielseitigen, dennoch wie aus einem Guss wirkenden Soundtrack ist Max Richter ein atmosphärisches Meisterwerk gelungen, das die Awards-Aufmerksamkeit sowie jedes Kritiker-Lob mehr als verdient.

    Heiko Prigge
    "Maria Stuart, Königin von Schottland"-Komponist Max Richter

    Der Musiker wurde 1966 in der niedersächsischen Rattenfängerstadt Hameln geboren, zog aber bereits als Kleinkind mit seinen deutschen Eltern ins englische Bedford um und ist heute britischer Staatsbürger. Mutter und Vater Richter hatten, jenseits des reinen Konsumierens, keine Verbindung zur Musik. Früh erkannten Lehrer allerdings ein außergewöhnliches Talent und förderten den jungen Max. Nach klassischen Studien in Edinburgh und London ließ er sich beim italienischen Komponisten Luciano Berio weiter ausbilden. Dieser weckte ein verstärktes Interesse an Avantgarde- und Minimalismus-Größen wie Arvo Pärt, Philip Glass und Steve Reich in seinem Schüler – ein Einfluss, der bis heute in seiner Musik allgegenwärtig ist. Hörenswerte, frühe Beispiele dafür sind die fünf Alben, die Richter in den 90ern als Mitglied des aus sechs Pianisten bestehenden Ensembles Piano Circus aufnahm. Im Anschluss kollaborierte er jahrelang mit der europaweit populären Big-Beat-Formation The Future Sound of London und Drum-&-Bass-Star Roni Size. Dazu produzierte er Longplayer für Folkpop-Veteranin Vashti Bunyan sowie Ex-Sneaker-Pimps-Frontfrau Kelli Ali.

    Vorbild für Score-Genie Jóhann Jóhannsson

    Anfang des neuen Jahrtausends begann Richter sich wieder mehr der modernen Klassik zuzuwenden. Seit 2002 hat er acht Alben in diesem Sujet veröffentlicht – die meisten davon auf dem renommierten Label Deutsche Grammophon. Besonders empfehlenswert sind sein Solodebüt „Memoryhouse“, das Score-Genie Jóhann Jóhannsson („Arrival“, „Sicario“) als großen Einfluss auf sein eigenes Schaffen nannte, und das über achtstündige (!) Monumentalwerk „Sleep“. Auch „Recomposed“, mit dem er ein ebenso mutiges wie einfallsreiches „Remake“ von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ vorlegte, ist für Freunde dieser Art von Musik ein Genuss.

    Richters Stil ist außergewöhnlich nuanciert, sehr bildhaft und ruft umgehend Emotionen hervor, ohne sich dabei plump aufzudrängen. Kein Wunder, dass regelmäßig, ursprünglich gar nicht als Soundtracks gedachte Stücke aus Richters Repertoire zur Untermalung wichtiger Filmszenen verwendet wurden und werden. Ridley Scotts „Prometheus – Dunkle Zeichen“, „Shutter Island“ von Martin Scorsese und Terence Malicks „To The Wonder“ sind nur einige der prominentesten Beispiele dafür. Eines seiner bekanntesten Werke ist „On The Nature Of Daylight“ (vom Album „The Blue Notebooks“). Der Song wurde gleich in drei Filmen verwendet, in „Arrival“ (von seinem Bewunderer Jóhann Jóhannsson), in „Shutter Island“ (von Richter selbst) und in dem französischen Drogen-Thriller „Der Unbestechliche“, wo Dinah Washingtons Gesang aus „The Bitter Earth“ über Richters so markantem Instrumentalstück liegt.

    Da stellt sich die Frage, weshalb Richter erst recht spät in seiner Karriere damit beauftragt wurde, Originalmusik fürs Kino zu verfassen. Die animierte Kriegs-Doku „Waltz With Bashir“ war nach einigen Kurz- und kleinen Indie-Streifen sein erstes nennenswertes Projekt in diese Richtung. Inzwischen folgten diesem nun diverse weitere Verpflichtungen, darunter für so hochkarätige Titel wie „Die Erfindung der Wahrheit“, „Feinde – Hostiles“, „White Boy Rick“ und Florian Henckel von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“. Nach seiner brillanten Leistung beim Score für „Maria Stuart, Königin von Schottland“ dürfte diese Liste bald deutlich länger und noch eindrucksvoller werden.

    „Maria Stuart, Königin von Schottland“ läuft seit dem 17. Januar 2019 in den deutschen Kinos.

     

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    Kommentare
    • Species8472
      aber auch nur ca.4...mal nicht übertreiben ;))
    • Species8472
      Ich auch nicht...was für ein Verlust :(((
    • sprees
      Bei mir genauso :-) Für meinen Workout wäre wohl Elfman mit dem Beetlejuice Thema am besten geeignet ;-)
    • Gravur51
      Kommt drauf an was du machst ;) zb zum rennen empfehle ich dir „Andertons great escape“ aus dem Film Minority Report. Und die MoS Themes sind dann eher für Gewicht Heben :)
    • Darklight ..
      Deshalb klappt es also bei mir nicht!Ich höre dabei immer John Williams...🤣
    • Gravur51
      Einige bejammern das als wall of sound, ich zelebriere es geradezu. MoS hat viele tracks die perfekt zum Workout gehört werden können, spornen richtig an.
    • sprees
      Dito :) ich denke den Hans muss man da sowieso ein bisschen ausklammern weil seine Scores sehr selten für atmosphärische und dezente Arbeit stehen ;) Das ist noch was mit einem Wiedererkennungswert. Auch wenn er umstritten ist, muss man ihm das anerkennend zuorden.Wo Zimmer drauf steht, weißt du auch meistens das dich ein dick aufgetragener und emotionaler Overkill durch den Score erwarten wird (auch nicht jedermans Geschmack ;) und er gerne mit fast schon popartigen Themen die sehr melodisch und eingängig sind seine Arbeiten füllt wie das Man of Steel Thema oder das Intro zu Superman Vs. Batman.
    • Gravur51
      Filme wie man of steel haben ja gezeigt, wie effektiv gute soundtracks auch in superheldenfilmen sein können. Auch „dank“ der unscheinbaren marvel soundtracks wirken viele marvel filme wie einheitsbrei.
    • sprees
      Der Artikel damals bezog sich glaube ich zur Scorearbeit zu den Marvel Filmen und da wurde es thematisiert und auch da wurde wohl Wert darauf gelegt, dass der Score eher sich im Hintergrund hält und eher atmosphärisch dienen sollte und sich nicht so sehr in den Vordergrund spielen sollte.Doch dein Bsp. finde ich auch sehr treffend und ich bin auch mit den 50% voll bei dir. War für mich auch nicht verständlich warum man sich da für einen eher unscheinbaren Score entschieden hatte. Doch vielleicht ist es wirklich ein Trend und einfach dem Umstand geschuldet, dass vielleicht für epische Soundtracks auch einfach mehr Zeit erforderlich ist und die Künstler einfach bei vielen Projekten durch die Massenproduktion eingebunden sind und ein Imperial March ist halt auch nicht zwischen Toilettengang und Mittagsstulle mal eben schnell komponiert ;)
    • Darklight ..
      Wer ist eigentlich @Oliver Kube!?Ich hoffe jetzt mal sehr auf weitere symphonische Artikel von Dir...😋
    • RonGee
      Bin immernoch nicht ganz über Jóhann Jóhannson hinweg :(
    • Darklight ..
      Ja... hier zu sein.Geblieben... bin ich wegen den vielen... *hust*...also den ca. vier guuuuten Artikel pro Monat......UND den geilen Kommentaren unter den unsinnigen Restlichen...😂🤣
    • Gravur51
      Er kam wegen den Artikeln, aber blieb wegen der User 😂
    • Gravur51
      Der score trägt imo 50% zur Qualität eines Films bei. Wieso man sich bei jurassic world bewusst zu einem unscheinbaren score entschied, gerade in Anbetracht zu williams original-klassiker ist mir schleierhaft.
    • sprees
      Wie erfrischend!!! Mal nicht ein Franchise oder DC sowie Marvel Artikel. Toller Beitrag und bitte mehr davon. ich finde, dass Filmscores genauso wie die allgemeine Filmentwicklung in einer Fließbandspirale stecken und zeitlose Meisterwerke die jeder mitpfeiffen könnte wirklich in den letzten 10 Jahren Mangelware geworden sind. Diese Entwicklung finde ich sehr schade und ich finde auch musikalische Untermalung so wichtig für Filme und bin davon überzeugt das gerade John Williams Werke mindestens genausoviel wie der Inhalt des Films zu deren Popularität beigetragen haben. Somit finde ich es sehr schade das dieses Thema immer so unter dem Radar läuft. Es gab mal vor Jahren mal hier glaube ich einen Artikel zu Scores und da wurde gesagt wenn ich mich nicht falsch erinnere, dass Scores nicht mehr so in den Vordergrund treten sollen und eher unscheinbarer produziert werden als damals und der Streifen mehr in den Vordergrund rücken soll. Konnte ich damals schon nicht unterschreiben und auch heute nicht und ich finde es sehr schade das es mittlerweile zu wenige bedeutsame Scores gibt die man sich auch ohne den Film problemlos anhören kann. Bitte nicht falsch verstehen, natürlich gibts noch einige gute Scores und gerade Max Richter ist einer meiner Lieblinskomponisten, schon gerade wegen seiner Arbeit für die Serie The Leftovers und jetzt auch wieder für My brilliant Friend. Doch es gibt nicht mehr diese hymnenartigen Themes die du jederzeit summen kannst und jeder weiß was du da trällerst.Dankeschön, dass durch diesen Artikel die Scorearbeit auch wieder etwas in den Fokus der Aufmerksamkeit gerät und ich würde mir mehr dazu wünschen.Ein ebenso für mich wichtiger Bereich der auch für mich viel zu kurz kommt bei aller Filmanalyse ist das Thema Synchronisation. Es wäre schön wenn dieser Bereich der ebenso durch die Fließbandarbeit so austauschbar wurde mal mit einem Artikel gewürdigt würde. Denn das ist auch ein Thema das im Filmbereich viel zu sehr unter dem Radar läuft. Egal ob man jetzt Nativspeaker-Liebhaber oder Synchroschauer ist und es einfach viele Kontra's aber auch viele Pro's dazu gibt wäre es schön wenn das FILMSTARTS-Team sich diesem Bereich vielleicht auch mal annimmt und etwas dazu hier bringen würde
    • human8
      Ich bin mit der Serie The Leftovers auf Max Richter aufmerksam geworden und seit dem höre ich mir seine Arbeiten sehr gerne an.
    • WhiteNightFalcon
      Garstiger Schurke. Du hattest doch mal gesagt, einige der User hier hätten dich dazu animiert, hier zu sein. 😉
    • Gravur51
      Auch das „crossover“ mit dinah washington davon war genial, gehört in Shutter Island. Luminous jagt mir auch heute noch ne Gänsehaut ein, nicht unbedingt zu empfehlen an grauen herbsttagen ^^
    • Gravur51
      Würde auch mein naturell besser umschreiben ;)
    • Jimmy v
      Ich finde auch seine Neukomposition von Vivaldis vier Jahreszeiten geil. Gerade, weil er nicht so viel anders macht, aber den entsprechenden markanten Passagen einen kleinen Twist verleiht, wenn man so will, macht es so gut.
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