Hard Rock Hallelujah
Von Michael BendixMutter Teresa, geboren als Anjezë Gonxhe Bojaxhiu in Skopje, ist das Symbol für Nächstenliebe schlechthin. Im Jahr 1950 gründete sie in Kalkutta ihren Orden, am Ende bestehend aus insgesamt 517 Missionen, mit dem sie sich aufopferungsvoll um die Armen, die Obdachlosen und die Sterbenskranken kümmerte. 1979 erhielt sie für ihre Mission den Friedensnobelpreis, 2016 wurde sie von der katholischen Kirche heiliggesprochen. Doch bereits zu ihren Lebzeiten bekam ihr lupenreines, längst schon ins Mythologische übersteigertes Image erste Risse:
So wurden zum einen die hygienischen Standards und die mangelnde medizinische Versorgung in den von ihr betriebenen Heimen beanstandet, während sie zum anderen hohe Spendensummen aus teils zweifelhaften Quellen angenommen haben soll. Von ihr stammt der auch der fragwürdige Satz: „Es hat etwas Schönes zu sehen, wie die Armen ihr Schicksal akzeptieren und es erleiden wie die Passion Christi. Die Welt gewinnt viel aus ihrem Leiden.“
Ging es Mutter Teresa am Ende also weniger darum, Leid und Armut aus der Welt zu tilgen – sondern im Gegenteil um eine radikale Hingabe zum irdischen Leiden als ultimativer Ausdruck spiritueller Reinheit? Manches spricht dafür, auch wenn sich ihre Errungenschaften nicht leugnen lassen. Auf ein ambivalentes Bild der berühmten Wohltäterin hat es dementsprechend auch die nordmazedonische Regisseurin Teona Strugar Mitevska mit ihrem siebten Spielfilm „Teresa - Ein Leben zwischen Licht und Schatten“ abgesehen.
Der Film beginnt mit einem extremen Close-up auf das Gesicht von Teresa (Noomi Rapace, die Lisbeth Salander aus der Millennium-Trilogie nach Stieg Larsson), untermalt von den verzerrten Klängen einer E-Gitarre. Der Titel legt sich in großformatigen Versalien übers Bild. Nach diesem Statement-Beginn geht es allerdings erst einmal vergleichsweise konventionell weiter: Wir begleiten die Protagonistin sieben (entscheidende) Tage lang durch ihren Alltag als Mitglied der Loretoschwestern, einem katholischen Orden, der sich der Bildungs- und Missionsarbeit in Indien verschrieben hat. Bis 1948 war Teresa dort unter anderem als Lehrerin tätig, bis sie beschloss, das Kloster zu verlassen und sich mit ihrem Orden „Missionarinnen der Nächstenliebe“ ganz den Ärmsten der Armen zu widmen.
Entre Chien et Loup
Regisseurin Strugar Mitevska ergründet weniger, warum genau sich Mutter Teresa letztlich zu diesem Schritt entschieden hat – auch wenn sie verschiedene (und einander teils widerstrebende) Indikatoren bereithält. Vielmehr scheint es ihr darum zu gehen, der im kollektiven Gedächtnis lange nur als unmögliches Zerrbild existierenden Figur mit filmischen Mitteln ihren Heiligenstatus abzuerkennen – was nicht mit einer Dämonisierung zu verwechseln ist, sondern auch als Befreiung verstanden werden kann. Mutter Teresa muss nicht mehr länger die Verkörperung von allem Guten und Noblen auf der Welt sein, sondern darf menschlich erscheinen. Das bedeutet zuweilen eben auch: unsympathisch, zweifelnd, fehlerbehaftet, egoistisch. Wenn die Kamera immer wieder Rapaces Augen ganz nahe rückt, sehen wir darin nicht bedingungslose Güte, sondern auch eine kontrollierte Strenge.
Auch in ihrer Haltung spiegelt sich ihre Widersprüchlichkeit: Mal plädiert sie dafür, die Mauern des Konvents einzureißen und sich buchstäblich der Welt zu öffnen, dann verlangt sie auch ihren Ordensschwestern ein dem Leid verschriebenes, von Verzicht und Opferbereitschaft geprägtes Dasein ab. Wenn sie die Männerdominanz innerhalb des Systems der katholischen Kirche hinterfragt, klingt das erstaunlich modern. Zugleich ist Teresa getrieben von der Idee der Sünde und eine radikale Abtreibungsgegnerin. Und letztlich weiß sie selbst nicht genau: Handelt sie tatsächlich aus Altruismus – oder ist es nicht vor allem Eitelkeit und Geltungssucht, die sie antreibt?
Besonders weit führen diese Überlegungen in „Teresa - Ein Leben zwischen Licht und Schatten“ aber nicht, während er erzählerisch weitgehend in den bekannten Fahrwassern eines von wahren Begebenheiten inspirierten Klosterdramas verbleibt. Man könnte fast meinen, dass sich der Film mit kühlen Braun-, Weiß- und Blautönen auch visuell in Askese übt, wären da nicht Strugar Mitevskas Ambitionen, neben einem nach eigenen Aussagen penibel recherchierten, dekonstruktivistisch gefärbten Biopic auch einen mit Anachronismen angereicherten „Punkrock-Film“ zu drehen.
Mehrmals stören einzelne Stilisierungen und bewusst unpassend gewählte Musikeinsätze die grenztrübe Schlichtheit. Am prominentesten geschieht dies in einer Sequenz, in der Teresa erst einen ihr Mehl ins Gesicht blasenden Jungen, dann Lordis ESC-Gewinnersong „Hard Rock Hallelujah“ tanzende Nonnen halluziniert. Im Rhythmus des Films gehen diese immer ein bisschen zu kalkuliert gesetzten Provokationen aber nicht auf – sie bleiben Stückwerk, das vor allem daran erinnert, wie wenig sich „Teresa - Ein Leben zwischen Licht und Schatten“ ästhetisch darüber hinaus aus der Deckung wagt.
Fazit: Mutter Teresa wurde 2016 von der katholischen Kirche heiliggesprochen – knapp ein Jahrzehnt später versucht sich Regisseurin Teona Strugar Mitevska an einer filmischen Dekonstruktion. Diese birgt zahlreiche interessante Ansätze, leidet aber vor allem an einer unentschlossenen Umsetzung.
Wir haben „Teresa - Ein Leben zwischen Licht und Schatten“ beim Filmfest Venedig 2025 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm der Reihe Orizzonti seine Weltpremiere gefeiert hat.