Vieles, was ich mir eigentlich von "Avatar 3" erhofft hatte
Von Christoph PetersenDienstag, 5. Mai 2026, 17 Uhr, UCI Luxe East Side Gallery. Die erste Vorstellung von „Billie Eilish - Hit Me Hard And Soft: The Tour Live In 3D“ in Deutschland. Im iSense-Premium-Saal, der laut Slogan speziell darauf ausgelegt ist, das Publikum mit einem „Immersive Cinema“-Erlebnis förmlich in den Film hineinzuziehen. Allerdings werden die Boxen an diesem Tag offenbar geschont, laufen gefühlt nur knapp über Zimmerlautstärke; echtes Konzertfeeling kommt so im zu zwei Dritteln gefüllten Saal leider kaum auf. Schade für die anwesenden Billie-Eilish-Superfans, aber ich spiele an dieser Stelle direkt mit offenen Karten, denn ihr werdet es sonst eh bald merken: Selbstverständlich habe auch ich „Bad Guy“ mitbekommen – ebenso wie die Oscarsiege für „No Time To Die“ und „Barbie“.
Trotzdem bin ich an diesem Berliner Nachmittag wohl der Einzige, der nicht für Billie Eilish, sondern für ihren Co-Regisseur gekommen ist. Nicht mal sechs Monate nach „Avatar 3: Fire And Ash“ kehrt James Cameron ins Kino zurück – und selbst wenn es sich diesmal „nur“ um einen Konzertfilm handelt, hat er bei mir noch etwas gutzumachen. Daran ist er übrigens selbst schuld: Nach solch bahnbrechenden Pionierarbeiten wie „The Abyss“, „Terminator 2“ oder eben „Avatar“ erwartet man ab einem gewissen Punkt immerzu neue Technikrevolutionen – und während „Avatar 2“ noch einmal voll abgeliefert hat, war der Schritt bei „Avatar 3“ nicht groß genug, um über das repetitive Narrativ hinwegzutrösten. Jetzt also direkt der nächste Anlauf – und in dieser Hinsicht hat mich „Billie Eilish - Hit Me Hard And Soft: The Tour Live In 3D“ durchaus versöhnt.
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Dabei hat mir gleich die erste Szene Sorgen gemacht. Der Zeitraffer des Aufbaus der massiven Bühne für die vier ausverkauften Auftritte in der Co-op Live Arena in Manchester erfüllt direkt eines der Konzert-Doku-Klischees schlechthin – und ja, der Film endet als Klammer mit einer entsprechenden Aufnahme der Abbau- und Aufräumarbeiten. Aber nach dem ausgelutschten Einstieg zeigt Cameron direkt, was er wirklich draufhat: So scharfe 3D-Aufnahmen habe ich vermutlich noch nie gesehen! Sobald Billie Eilish auf der Bühne auftaucht, richten Tausende Fans instinktiv ihre Handys auf sie – und wenn die Kamera die Fanscharen beim Blick auf die Bühne von hinten einfängt, bekommt man das Gefühl, als könnte man auf jedem einzelnen Display noch den Aufnahme-Button der Video-Apps erkennen.
Wer an diesem Tag in der Arena war, hat auf jeden Fall eine gute Chance, sich irgendwann selbst im Film wiederzufinden – und das gilt längst nicht nur für die Glücklichen, die einen Platz in den ersten paar Reihen ergattert haben. Bei einigen Einstellungen kann man selbst im Rang noch einzelne Gesichter gut erkennen. James Cameron setzt – mal wieder – neue Maßstäbe, und seine Co-Regisseurin sorgt für die kreativen Funken: Beim Vorplanen der Dreharbeiten einige Stunden vor dem Konzert schlägt Billie Eilish für fast jeden Song abgedrehte Kamerawinkel vor. Und wenn sie zu Beginn in einem engen Kasten von den Fans unbemerkt auf die Bühne „geschmuggelt“ wird, filmt sie mit einer kleinen Handkamera aus einem schmalen Schlitz in die riesige Arena hinein – und selbst das tut der atemberaubenden Tiefenschärfe keinen Abbruch.
Zwischen den Songs springt der Film immer wieder an Punkte in den vorherigen 24 Stunden zurück – mit einer auf die Minute genauen Zeiteinblendung: Billie Eilish kümmert sich selbst um ihre Haare und das Make-up, wärmt ihre Stimmbänder bei einem Facetime-Call mit ihrem Voice-Coach Doug auf. Sowieso möchte sie ein Star sein, von dem sie früher gern selbst Fan gewesen wäre. Deshalb stürzt sie sich auch in das endlose Spalier aus den körperlosen Armen ihrer Fans aus den ersten Reihen – selbst wenn sie weiß, dass nicht nur ihre Gliedmaßen anschließend wieder übersät mit erschreckend tiefen Kratzer sein werden, weil alle ihren Star so lange wie möglich festhalten wollen.
Einmal sieht Billie Eilish aus einem Fenster unten auf die teils seit Tagen in einer Art Zeltstadt wartenden Fans – und schickt ihnen ein Foto auf Social Media. Sofort guckt eines der Mädchen nach oben – und nur wenig später kommen ganze Horden über den Parkplatz angerannt. Man kann kaum anders, als an den Zombie-Klassiker „Dawn Of The Dead“ zu denken. Wobei das alles grundsympathisch bleibt. Es gibt die üblichen Fan-Geständnisse, dass sie es nur dank der Sängerin über ihre schwierige Pubertät, durch dunkle Zeiten oder mentale Krisen hinweggeschafft haben – aber bei Billie Eilish ist man definitiv sehr viel eher als bei vielen ihrer Kolleg*innen geneigt, das nicht nur als die üblichen PR-Testimonials hinzunehmen.
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James Cameron spricht sie darauf auch in den kurzen Interviewschnipseln – etwa in einem Entspannungsraum voller Hundewelpen aus einem örtlichen Tierheim – an. Aber die meisten der Fragen sind so basic, dass man sich auch gut vorstellen könnte, dass James Cameron die Künstlerin eher zufällig auf einer der vielen Hollywood-Award-Partys, die sie in den vergangenen Jahren jeweils besucht haben dürften, getroffen hat.
Das „Titanic“-Mastermind mischt in seine ultrascharfen Bilder mitunter zwar eine analoge Körnigkeit, fast so, als wolle er einen entfernten Grunge-Vibe andeuten. Aber insgesamt kommt trotzdem nicht unbedingt durch, was genau ihn jetzt – über seine technischen Spielereien hinaus, die für sich allein den Eintritt schon wert sind – speziell an Billie Eilish gereizt hat.
Fazit: Nach dem Film bin ich mir weiterhin nicht sicher, ob Billie Eilish und James Cameron wirklich eine perfekte Paarung sind – wenn der „Titanic“-Regisseur zwischendrin selbst auftaucht, hat das schon gewisse Großvater-bei-der-Schulaufführung-seiner-Enkelin-Vibes. Sympathisch ist das aber allemal, und zwei Dinge sind unabhängig voneinander auf jeden Fall sicher: Billie Eilish entwickelt auf der Bühne eine einmalige Chemie zu ihren Fans – und James Cameron liefert dazu eine Tech-Demo, die unsere zukünftigen Erwartungen an Hollywood-3D-Produktionen nur noch weiter nach oben schraubt.