Ein (verletzter) Vogel sorgt für mächtig Chaos
Von Björn SchneiderDie „Conni“-Geschichten von Liane Schneider sind ein regelrechter „Gigant“ auf dem hiesigen Kinderbuchmarkt: Jahr für Jahr gehen mehr als zwei Millionen „Conni“-Heftchen über die Ladentheke. Seit 1992 wurden sogar schon mehr als 50 Millionen Exemplare rund um die populäre Hauptfigur Conni Klawitter verkauft. Seit Entstehung sind 100 Originalerzählungen quer durch alle Formate entstanden – und ein Ende ist noch immer nicht in Sicht. Die „Conni“-Reihe wird kontinuierlich fortgeführt, um künftige Generationen von Kindern verschiedener Altersstufen zu begleiten. Denn das ist wohl das größte Erfolgsgeheimnis von Schneiders „Conni-Imperium“: Die Protagonistin mit ihrem prägnanten rot-weiß geringelten Pullover „wächst“ mit ihren Leser*innen mit.
Deshalb gibt es seit Jahren neben den originalen Pixi-Büchern „Meine Freundin Conni“ ergänzende Erzählbände für Grundschulkinder, „Conni & Co“ für Leser ab zehn und die Jugendbuchreihe „Conni 15“. Hinzu kommen eine KiKA-Zeichentrickserie und zwei Realfilm-Kinoabenteuer aus den Jahren 2016 und 2017 (das zweite von Regisseur Til Schweiger). Und als wäre das noch nicht genug, gelang Conni 2020 auch in animierter Form erfolgreich der Sprung auf die große Leinwand. „Meine Freundin Conni – Geheimnis um Kater Mau“ lockte – unter erschwerten Pandemiebedingungen – fast 300.000 Conni-Fans in die Kinos. Sechs Jahre später folgt mit „Meine Freundin Conni 2 – Abenteuer mit Kranich Klaus“ die (überraschend späte) Fortsetzung, die sich in Sachen Stimmung und Tonalität stark am liebevoll umgesetzten Erstling orientiert. Ein paar kleine Abstriche gibt es dennoch.
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Die Vorfreude bei Conni ist riesig: Ihre Eltern brechen mit ihrem kleinen Bruder Jakob zu einem Familienbesuch auf – und sie darf mit Opa Willi zu Hause bleiben. Willi kümmert sich mit Hingabe um seine Enkeltochter und erlaubt sogar, dass Connis Freunde Anna und Simon bei ihr übernachten. Das Trio will sich auf die Geburtstagsparty seiner Freundin Semire vorbereiten. Doch die Pläne der drei Freunde werden jäh unterbrochen, als ein verletzter Kranich auftaucht.
Und dann wäre da noch der ebenso griesgrämige wie pedantische Herr Oswald, der so gar nichts von dem tierischen Gast hält. Denn der von Conni auf den Namen „Klaus“ getaufte Kranich verwüstet eins ums andere Mal den Garten des Nachbarn. Unterdessen müssen die Kinder Klaus unbedingt rechtzeitig gesund pflegen, damit er mit seinen Artgenossen den anstehenden Flug in Richtung Süden antreten kann …
Das Wichtigste vorweg für all jene, die den ersten Teil nicht kennen: Für „Abenteuer mit Kranich Klaus“ sind keinerlei Vorkenntnisse nötig, der Film erzählt eine in sich geschlossene Handlung. Der Einstieg in Connis Welt ist für Neulinge ohnehin bewusst niedrigschwellig gestaltet, alle Figuren werden früh namentlich erwähnt (und damit eingeführt). Das hat zur Folge, dass sich selbst Erst-Kinogänger*innen, für die der Film vor allem konzipiert ist, schnell in der animierten Szenerie zurechtfinden werden.
Apropos Animation: Wie schon der Vorgänger ist „Abenteuer mit Kranich Klaus“ optisch detailreich gestaltet und sehr schön 2D-animiert. Das Team bleibt somit der visuellen Machart der beliebten „Meine Freundin Conni“-Buchreihe treu. Oft fühlt es sich tatsächlich so an, als würden die Illustrationen aus den Carlsen-Büchern zum Leben erweckt – so sehr ähnelt der Animationsstil der Buch-Ästhetik.
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Zudem setzen Filmemacher Dirk Hampel und seine Co-Regisseurin Raquel Conde Viera auf eine altersgerechte Dramaturgie und entschleunigte Erzählung, ganz ohne hektische Schnitte oder allzu heftige, möglicherweise überfordernde Wendungen. Connis Welt ist – im wahrsten Sinne des Wortes – farbenfroh, freundlich und lebensbejahend. Das liegt einerseits an den hellen Farbtönen, aber eben auch am „sonnigen“, liebenswürdigen Gemüt der kleinen, stets neugierigen Heldin. Wie im echten Leben steht Conni kleineren und größeren Herausforderungen gegenüber. Diesmal hat sie Stress mit ihrer Freundin Anna, die sich ungerecht behandelt fühlt. Bei dem Streit geht es unter anderem um die Frage, wer sich um den verletzten Kranich kümmern darf. Diesen Konflikt lösen die Freundinnen, indem sie über ihre jeweiligen Bedürfnisse sprechen, offen aufeinander zugehen und die Perspektive der anderen einnehmen.
Das ist nur ein Beispiel, wie klug der Film solche Situationen und Alltagsprobleme auflöst, zumal er pädagogisch wertvoll mit einer elementaren Botschaft (hier: die Fähigkeit zur Empathie) versehen ist. Der Humor darf natürlich auch nicht zu kurz kommen. Für die meisten Lacher sorgen diesmal die spleenigen Sidekicks, darunter ein schräger, wunderbar nerdiger Wildvogelexperte. Oder „Lieblingsnachbar“ Herr Oswald, der bei jeder Kleinigkeit die Polizei ruft. Daneben fällt Connis Freund Simon mit seinen pfiffigen, gewitzten Äußerungen auf. Einer der Running Gags des Films ist Simons Skepsis (oder sollte man eher sagen: Angst) gegenüber Tieren. Das ist ein wunderbarer Kontrapunkt, da Conni – und viele der übrigen Figuren – ja absolut tierlieb sind und Vierbeiner aller Couleur in fast allen Geschichten eine zentrale Rolle spielen.
Die Story um den flugunfähigen Vogel ist hingegen nicht ganz so mitreißend und intensiv geraten wie noch die Erzählung des Vorgängers: Darin erlebte Conni ein spannendes Abenteuer auf einer alten Burg. Das Burg-Setting sorgte für eine besondere Atmosphäre, die „Abenteuer mit Kranich Klaus“ nun leider etwas abgeht. Schließlich spielt der Film zu weiten Teilen „nur“ in den eigenen vier Wänden, in Connis Viertel sowie in den Gärten der Familie Klawitter und des Nachbarn. In der Mitte des Films stellen sich deshalb gewisse Längen ein und der Dauerstreit zwischen Herrn Oswald und den Kindern um immer dieselben Themen (zerstörte Blumen, das Betreten des Grundstücks) erweist sich als redundant.
So richtig spannend wird es hingegen am Ende, wenn es beim rasant inszenierten Trip in wechselnden Fahrzeugen zum Abflugplatz der Vögel ganz schön zur Sache geht. Ein Finale, das auch die Erwachsenen mitfiebern lässt. Dieser Wettlauf gegen die Zeit in der Schlussviertelstunde ist der zentrale, höchst emotionale und packend umgesetzte Höhepunkt des Films. Da verzeiht man auch die etwas seichten, rührseligen Klavierklänge, die den großen Abschied dieser kurzweiligen Abenteuergeschichte untermalen.
Fazit: Das zweite animierte „Conni“-Abenteuer spielt diesmal im „heimischen Umfeld“ der aufgeweckten und gewohnt abenteuerlustigen Protagonistin. Wie beim Vorgänger können die jüngsten Kinobesucher im Kindergarten- und frühen Grundschulalter problemlos mitfiebern. Die Story ist zwischenzeitlich zwar etwas handzahm geraten. Dafür überzeugen der Witz und die pädagogisch klug verpackten Botschaften und Themen, die sich um Zusammenhalt, Nächstenliebe, Konfliktlösung und Abschiede drehen.