Mother Mary
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Mother Mary

"Der Teufel trägt Prada 2"-Star Anne Hathaway überzeugt auch als Popstar

Von Michael Bendix

Die von Anne Hathaway gespielte Mother Mary – ihren vollständigen bürgerlichen Namen erfahren wir nicht – ist eine Art Pop-Mischwesen: Die weltentrückte Extravaganz ihrer Kostüme und Bühnenshows erinnert an Lady Gaga, ihre mit religiöser Symbolik aufgeladene Bildsprache und den Willen zur Selbsttransformation hat sie sich bei Madonna entliehen. Zugleich erinnert ihre fragile Körperlichkeit an FKA twigs – die nicht nur selbst im Film auftritt, sondern der Protagonistin gemeinsam mit Jack Antonoff und Charli xcx auch sieben (zumeist ziemlich überzeugende) Popsongs auf den Leib geschrieben hat. Eine der Hauptinspirationen für Regisseur und Drehbuchautor David Lowery war wiederum Taylor Swifts Tournee zu „Reputation“, sicher nicht ganz zufällig ein Album, das sich als Rückeroberung und Umdeutung des eigenen Bildes lesen lässt.

Eben dieses Spannungsfeld zwischen Innen und Außen, Kontrolle und Kontrollverlust sowie der vielleicht nie vollständig auflösbaren Rolle als Individuum und wandelnde Projektionsfläche ist es wohl, das den Popstar in den vergangenen Jahren als Kinofigur zunehmend attraktiv gemacht hat: Filme wie „Vox Lux“ oder „Smile 2“ beschäftigten sich (auf sehr unterschiedliche Art und Weise) nicht zuletzt mit der Frage, was es mit einer Person macht, einer Öffentlichkeit ausgeliefert zu sein, die die Bereitschaft zur grenzenlosen Bewunderung ebenso kennt wie die perverse Lust am Scheitern. Daran schließt nun auch „Mother Mary“ an, wobei sich Lowery den Erwartungen an ein schillerndes Pop-Melodram verweigert und auch die Möglichkeit, Marys Schmerzensweg als Horrorfilm zu erzählen, nur teilweise nutzt. Das macht ihn interessant, aber bisweilen auch frustrierend.

Heiligensymbole sind das Markenzeichen von Popstar Mother Mary (Anne Hathaway). LEONINE
Heiligensymbole sind das Markenzeichen von Popstar Mother Mary (Anne Hathaway).

Der Beginn hat es in sich: Die Kamera fährt an einem nicht enden wollenden Stück Stoff herauf, das sich erst allmählich als Teil eines ausladenden Kleides zu erkennen gibt, bis sie Marys von Lichtreflexen umspieltes Gesicht erreicht. Sie trägt einen nimbusförmigen Kopfschmuck, die Geometrie der Bühne und ihre neonfarbene Beleuchtung ergeben die Form eines Kreuzes – die Symbolik ist so klar wie wirkungsvoll. Zum unnachgiebigen Pluckern eines elektronischen Beats werden die Zuschauer*innen über eine Warntafel dazu aufgefordert, sich die Ohren zuzuhalten („Dieser Song ist verflucht“), im Folgenden entlädt sich das Intro in einer wahren Schnittkaskade, an deren Ende ein spitzer Schrei steht.

So flashy wie in diesem Statement-Auftakt bleibt „Mother Mary“ nicht. Lowery, bekannt geworden mit der räumlich auf wenige Quadratmeter begrenzten Trauerstudie „A Ghost Story“ (2017), fühlt sich im Kleinformatigen seit jeher wohler als im Spektakel (das lässt sich in Big-Budget-Ausflügen wie zuletzt dem trüben Disney-Live-Action-Remake „Peter Pan & Wendy“ besonders gut nachvollziehen). Selbst die in Rückblenden gezeigten Bühnen-Performances haben, so glamourös und imposant sie auch inszeniert sind, etwas Beengtes an sich: Perspektivisch sind wir stets ganz nah bei Mary, das Publikum ist ein anonymes Meer aus Lichtkegeln.

Kammerspiel statt Pop-Spektakel

„Mother Mary“ zieht den Rahmen allerdings noch viel kleiner: Nach der quasi-sakralen Pop-Ouvertüre wandelt sich der Film zum Zwei-Personen-Kammerspiel. Denn die bereits am Anfang des Films zu hörende Off-Stimme gehört nicht Mary, sondern einer zweiten Figur: Designerin Sam Anselm (Michaela Coel), Marys ehemaliger Kreativpartnerin. Diese war einst für die Bühnen-Outfits der Sängerin verantwortlich und hat ihre Popstar-Persona maßgeblich mitgeprägt – vielleicht waren sie auch ein Paar, doch das Drehbuch belässt es hier bei Andeutungen. Vor etwa einem Jahrzehnt kam es zwischen den beiden zum Bruch, und Sam macht unmissverständlich klar, wer hierfür die Verantwortung trägt: „Du bist ein Karzinogen, ein Krebsgeschwür“, wirft sie Mary düster raunend an den Kopf.

Trotzdem hat sich Mary dazu entschieden, kurz vor ihrer großen Comeback-Show und der Veröffentlichung ihrer neuen Single „Spooky Action“ (eine Anspielung auf Albert Einsteins Konzept der „spukhaften Fernwirkung“) den Kontakt zu Sam zu suchen. Vor einiger Zeit erlitt sie auf offener Bühne einen Unfall, der von der medialen Öffentlichkeit als möglicher Suizidversuch gedeutet wurde. Mitten in den Vorbereitungen zum nahenden Arena-Auftritt flüchtet sie aus dem Backstage-Bereich, setzt sich ins Flugzeug und sucht das gotische Anwesen von Sam auf, das irgendwo im ländlichen England liegt. Mit durchnässten Haaren steht sie vor ihrer Tür und bittet ihre einstige Vertraute um ein Kleid. Nur Sam sei dazu in der Lage, ein Kostüm zu entwerfen, das dem Gewicht des Anlasses angemessen ist und sich zugleich „nach ihr anfühlt“. Es gilt im Grunde, die Nahtstelle zwischen Mensch und Kunstfigur zu finden. Dabei spricht für den Film, dass er das Wahre und das Künstliche nicht gegeneinander ausspielt, sondern darüber nachdenkt, wie sich beides zu einer Einheit verweben lässt.

Mary trifft zum ersten Mal seit langer Zeit auf Modedesignerin Sam (Michaela Coel) – ihre Zusammenarbeit ging vor zehn Jahren sehr unschön zu Bruch. LEONINE
Mary trifft zum ersten Mal seit langer Zeit auf Modedesignerin Sam (Michaela Coel) – ihre Zusammenarbeit ging vor zehn Jahren sehr unschön zu Bruch.

Sam nimmt den Auftrag an, und das, obwohl sie nach eigener Aussage in der vergangenen Dekade nicht einen einzigen Ton von Marys Musik gehört hat. Auch von ihrer neuen Single möchte sie nichts wissen, obwohl Mary nicht müde wird, sie als vielleicht besten Song aller Zeiten anzupreisen. In einer zum Atelier umfunktionierten alten Scheune geht es dabei nur vordergründig um passende Design-Ideen. Vielmehr kostet Sam ihre neu gewonnene Machtposition genüsslich aus, demütigt Mary und überzieht sie mit Vorwürfen, bis die strahlende Pop-Ikone endgültig hinter ihren Tränen verschwindet. Einen Höhepunkt stellt eine Szene dar, in der Mary ihre neue Choreografie vorführen soll – ohne musikalische Untermalung. Hathaway steigert sich im vielleicht physisch intensivsten Moment ihrer Karriere in einen stummen Ausdruckstanz hinein, der eher an einen Exorzismus denken lässt als an eine professionalisierte Live-Routine – wie passend für einen Film, in dem nicht nur im übertragenen Sinne, sondern später auch ganz buchstäblich Dämonen ausgetrieben werden müssen.

Beide Schauspielerinnen tragen dieses einseitig geführte, größtenteils verbal ausgefochtene Duell mit ihrem sehr gegensätzlichen, aber gleichermaßen expressiven Spiel. Fesselnd ist das aber nur zum Teil. Lowerys Dialoge sind maniriert, künstlich, theatral – vor allem aber meistens viel zu vage für das, was sie schultern sollen: dem Ursprung einer zerbrochenen Beziehung auf die Spur zu kommen und gleichzeitig allerlei Grundsätzliches über Ruhm, Identität, Urheberschaft und die Notwendigkeit von Pop und Idolen im Allgemeinen zu verhandeln. So reizvoll das Aufeinandertreffen von Hathaways bröckelnder Diven-Performance und Coels sardonischer Kühle zunächst sein mag: Das Interesse können sie nicht durchweg aufrechterhalten.

Die Konzertszenen sind der größte Schauwert von „Mother Mary“. LEONINE
Die Konzertszenen sind der größte Schauwert von „Mother Mary“.

Auch formal ist „Mother Mary“ eine durchwachsene Angelegenheit: Zum einen setzt Lowery den minimalistischen Schauplatz im CinemaScope-Breitwandformat geschickt als zweite Bühne in Szene. Dazu beweist er echte Showman-Qualitäten, wenn er den filmischen Raum immer wieder trickreich aufbricht und erweitert. Doch je schwerer es fällt, dem diffusen Wortstrom weiter folgen zu wollen, desto stärker ermüden auch die bis zur Unkenntlichkeit verdunkelten, kontrastarmen Digitalaufnahmen desselben schmucklosen Innenraums. Zum Glück kehrt „Mother Mary“ regelmäßig ins Stadion zurück: Die mit sichtbarem Aufwand umgesetzten, zwischen monochrom-ästhetisierter Glätte und körnigen Videoaufnahmen hin und her schneidenden Konzert-Sequenzen bilden den zentralen Schauwert des Films.

Etwa zur Mitte hin lässt Lowery das Szenario dann doch noch eindeutig ins Genrehafte kippen. Ein Séance-Brett spielt eine Rolle, es gibt einen durchaus eindrücklichen Body-Horror-Moment, und ein Geist schwebt als etwas schwergängige Metapher im Bild herum. Hier droht der Film endgültig zu entgleiten: Was bis dahin kryptisch war, schlägt ins übermäßig Offensichtliche um. Wirklich böse sein will man diesem unbefriedigenden, ausfransenden, zugleich albernen und überernsten Film allerdings nicht – schließlich gibt es in der Kinogeschichte keinen zweiten wie ihn. Und wenn am Ende der symbolische Akt der Wiederauferstehung vollzogen wird, nähert sich „Mother Mary“ tatsächlich einer zuvor von Sam formulierten Schlüsselidee an: Pop als „heilige Verwandlung von Gefühlen“.

Fazit: Reflexive Pop-Extravaganz, kammerspielartiges Psychodrama, metaphysischer Horror: Regisseur und Drehbuchautor David Lowery will deutlich mehr, als er am Ende einlösen kann – und verliert sich zwischen Unschärfe und Überdeutlichkeit. Trotzdem ist „Mother Mary“ nicht nur frustrierend, sondern immer wieder auch reizvoll eigensinnig.

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