Ein emotionaler Finalauftakt mit Abzügen in der B-Note
Von Stefan GeislerDie „Demon Slayer“-Marke ist aktuell eine Lizenz zum Gelddrucken. Der Anime zum gleichnamigen Manga von Koyoharu Gotōge läuft seit 2019 und hat inzwischen eine weltweite Fangemeinde, die jede neue Staffel der Serie feiert. Längst geht es auch fleißig in die Lichtspielhäuser, um die dazu gehörenden Event-Filme auf der großen Leinwand zu sehen. „Demon Slayer - The Movie: Mugen Train“ wurde 2021 – und damit noch mitten in den Nachwehen von Corona – sogar zum erfolgreichsten Film der japanischen Kinogeschichte. „Demon Slayer: Kimetsu No Yaiba Infinity Castle - Teil 1“ setzt da international sogar noch einen drauf – und wird nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland Rekordzahlen schreiben.
Denn selbst zwei eher schwache Staffeln wie „Swordsmith Village Arc“ und „Hashira Training Arc“, von denen sich insbesondere letztere wie eine Aneinanderreihung von Filler-Episoden anfühlte, konnten die Begeisterung offensichtlich nicht abflauen lassen. Kein Wunder – schließlich steuern wir jetzt auf das große Finale der Dämonenjäger-Saga zu. „Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba Infinity Castle - Teil 1“ läutet auf der großen Leinwand die letzte Schlacht gegen den Dämonenlord Muzan Kibutsuji und seine Getreuen ein. Der Auftakt zum insgesamt aus drei Filmen bestehenden Abschluss ist ein echtes Action-Spektakel, das zwar nach altbekannten Mustern funktioniert, aber fantastisch aussieht und ungemein von einer gestrafften Erzählung profitiert.
Koyoharu Gotoge / SHUEISHA, Aniplex, ufotable
Die Reise des Dämonenjägers Tanjiro Kamado (Stimme im Original: Natsuki Hanae / dt. Fassung: Constantin von Jascheroff) nähert sich dem Ende. Die Fähigkeit seiner Schwester Nezukos (Akari Kito / Julia Meynen) trotz ihres dämonischen Daseins im Sonnenlicht zu überleben, hat Bewegung in den Kampf zwischen den Säulen und den sinistren Streitkräften von Dämonenfürst Muzan Kibutsuji (Toshihiko Seki / Norman Matt) gebracht. Dieser hat sich nicht nur aus seinem Versteck getraut, sondern hat gleich in die offene Konfrontation mit Dämonenjäger-Oberhaupt Kagaya Ubuyashiki (Toshiyuki Morikawa / Oliver Feld) gesucht, der sich und seine Familie in einem heroischen Akt opferte, um Kibutsuji zu schwächen.
Doch der Fürst der Dunkelheit denkt gar nicht daran, klein beizugeben und teleportiert Tanjiro Kamado und die Säulen einfach in die Festung der Dämonen – dem Infinity Castle. In diesem wirren Labyrinth aus Räumen, Gängen und Türen müssen sich die Krieger*innen allerhand Gefahren stellen. Doch Obacht ist geboten, denn hier haben sich auch die verbliebenen zunehmenden Halbmonde versammelt. Mächtige Gegner, die direkt Muzan Kibutsuji unterstehen – und keine Gnade im Kampf kennen.
Eine Sache gleich vorweg: Wer bisher keine Episode des Animes gesehen hat, hat einiges an Hausaufgaben zu erledigen, bevor ein Kinobesuch in Betracht gezogen werden sollte. „Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba Infinity Castle - Teil 1“ setzt enormes Vorwissen voraus und verzichtet zudem auf einen eindeutigen Protagonisten. Tanjiro Kamado ist zwar Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse – jedoch sind mit ihm auch die Säulen, die stärksten der Dämonenjäger, ins Herz der sinistren Festung vorgedrungen. Die dem Publikum bereits in den jüngsten Serien-Staffeln nach und nach vorgestellten Figuren nehmen sehr viel Raum ein. Dass der Action-Anime keine Scheu hat, sich von seiner eigentlichen Hauptfigur zu lösen, um an Nebenkriegsschauplätzen spannende Geschichten zu erkunden, ist einerseits einer der größten Stärken des Films – macht es aber für Neueinsteiger schwer möglich, dem wilden Treiben zu folgen.
Wenn man „Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba Infinity Castle - Teil 1“ etwas vorwerfen möchte, dann ist es die extreme Formelhaftigkeit der Erzählung. Auf eine Konfrontation mit einem mächtigen Gegner folgt stets eine Rückblende, die einen Einblick in die dramatische Vorgeschichte der einzelnen Figuren ermöglicht. Zwar verleihen diese den Charakteren mehr Tiefe, dennoch leidet der Erzählfluss unter dieser Vorgehensweise. Immerhin können diese Einschübe schon mal über 20 Minuten in Anspruch nehmen. Wer mit der Serie vertraut ist, kennt diese Struktur bereits – inklusive ihrer Vor- und Nachteile. Doch warum hier so starr an der etablierten episodenhaften Erzählformel festgehalten und diese nicht für die Kino-Trilogie doch noch mal etwas aufgebrochen wurde, erschließt sich nicht.
Koyoharu Gotoge / SHUEISHA, Aniplex, ufotable
Dennoch profitieren insbesondere die dämonischen Widersacher ungemein von den Rückblenden. Leid und Tragik müssen alle Figuren im „Demon Slayer“-Universum erleiden. Während sich die Dämonenjäger in Reaktion auf das erlebte Gräuel aber der Gerechtigkeit und dem Gemeinschaftssinn verschreiben, dominieren bei diesen kaltblütigen Killern unbeherrschte Emotionen und Selbstsucht – wodurch sie eine allzu menschliche Komponente erhalten. Dass gerade die Geschichte des Säulen-Killers Akaza (Akira Ishida / Gerrit Schmidt-Foß) in besonderem Maße zu berühren mag, hätte nach den Ereignissen in „Demon Slayer - The Movie: Mugen Train“ wohl kein Fan vermutet.
Doch wer in einen „Demon Slayer“-Film geht, der erwartet neben den üblich dramatischen Hintergrundgeschichten natürlich eins: mitreißende Action. Und tatsächlich sind die hier ausgetragenen Konfrontationen definitiv das Highlight von „Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba Infinity Castle - Teil 1“. Denn diese sind nicht nur hervorragend inszeniert und sehen bestechend gut aus, sondern profitieren ganz enorm von der etwas gestrafften Erzählweise. Statt einen Kampf ewig auszuwalzen – wie beispielsweise die nicht enden wollende Schlacht mit Hantengu im „Swordsmith Village Arc“ – kommen diese flott zum Höhepunkt, ohne dabei an Dramatik einzubüßen. Denn was an Länge fehlt, wird durch die große Leinwand und die wuchtigen Sounds wieder wettgemacht, die jeden Treffer auch im Publikum spürbar machen.
Insgesamt gibt es im Laufe der 156 Minuten dauernden Spielzeit von „Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba Infinity Castle - Teil 1“ gleich drei herausstechende Action-Sequenzen, von denen lediglich Zenitsu Agatsumas (Hiro Shimono / Dirk Petrick) Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit im Vergleich etwas abfällt. Diese kann sowohl beim emotionalem Tiefgang als auch der Bildgewalt nicht mit den anderen mithalten kann – und ist dennoch ein Gewinn. Schließlich werden sich Zenitsu-Fans darüber freuen, den quirligen Blondschopf endlich wieder einmal in Aktion zu erleben. In den vergangenen Staffeln ist er ja bisweilen fast schon zur Randfigur verkommen und wurde lediglich für den immergleichen Gag genutzt. Hier darf er endlich unter Beweis stellen, dass er mehr ist als ein cholerischer Schreihals, der bereits bei der kleinsten Gefahr zu schlottern anfängt. Seine Auseinandersetzung mit den eigenen Dämonen lässt erkennen, warum er zum mit Beginn der Serie schnell zum absoluten Fan-Liebling aufgestiegen ist.
Fazit: „Demon Slayer: Kimetsu no Yaiba Infinity Castle - Teil 1“ ist ein epischer Finalauftakt, der nicht nur fantastisch aussieht, sondern auch von einer gestrafften Erzählstruktur profitiert. Nur das wahre Rückblenden-Gewitter bremst den Animations-Actioner immer wieder etwas aus.