Ein Münchner im Himmel - Der Tod ist erst der Anfang
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
Ein Münchner im Himmel - Der Tod ist erst der Anfang

Kein Bier, kaum Biss

Von Christoph Petersen

Auf der Suche nach einer wiedererkennbaren Marke wird offenbar immer tiefer gegraben. So tief sogar, dass man nun schon bei der 1911 erschienenen Humoreske „Der Münchner im Himmel“ (sowie dem gleichnamigen Kult-Kurzfilm aus dem Jahr 1962) angelangt ist. Der „Lausbubengeschichten“-Autor Ludwig Thoma persifliert in seiner liebenswürdig-spöttischen Erzählung den Archetypen des bayerischen Grantlers – und zwar anhand des Münchner Bahnangestellten Alois Hingerl, der sich nach seinem plötzlichen Tod so lange darüber echauffiert, dass es im Himmel nur Manna und kein Bier gibt, bis ihn Gott höchstpersönlich zurück auf die Erde (und damit direkt ins Hofbräuhaus) schickt.

In „Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang“ taucht der liebe Gott nun in Gestalt der Moderatorin und Musikkabarettistin Ina Müller auf, während (Ex-)Blödelbarde Olli Schulz einen Schutzengel mit Burnout verkörpert. Aber das war es dann leider auch schon mit der Anarchie in dieser durch und durch biederen Komödie. „Rate Your Date“-Regisseur David Dietl lässt die Vorlage (und ihren frech-fidelen Charme) so schnell wie möglich links liegen, um stattdessen eine Zweite-Chance-als-Geist-Geschichte zu erzählen, wie wir sie gefühlt schon Dutzende Male auf der Leinwand gesehen haben. Moralinsauer statt bierselig – so haben wir uns das angesichts des Titels nun wahrlich nicht vorgestellt.

In seinem Leben vor dem Tod war der gut vernetzte Taxifahrer Wiggerl (Maximilian Brückner) ein ziemlicher Frauenheld … LEONINE
In seinem Leben vor dem Tod war der gut vernetzte Taxifahrer Wiggerl (Maximilian Brückner) ein ziemlicher Frauenheld …

Statt eines Grantlers steht in der Kinoverfilmung ein Hallodri im Zentrum: Der Münchner Taxifahrer Ludwig ‚Wiggerl‘ Brunner (Maximilian Brückner) wacht jeden Morgen neben einer anderen auf. Dabei bräuchte nicht nur seine Noch-Ehefrau Kathi (Hannah Herzsprung) unbedingt Hilfe beim Abzahlen der gemeinsamen Mietschulden, auch seine Teenie-Tochter Toni (Momo Beier) hat längst verstanden, dass auf ihren Vater einfach kein Verlass ist. Jetzt rast der Teilzeit-Rockstar gerade zu der auch wieder vergessenen Geburtstagsparty seiner Tochter, als sein Taxi von einem anderen Wagen gerammt wird. Wiggerls Körper landet im Koma, während seine Seele bereits in den Himmel hinauffährt.

Aber als ob das nicht schlimm genug wäre, wird er vor den himmlischen Toren auch noch mit der Tatsache konfrontiert, dass beim Harfenspielen auf einer Wolke ausschließlich Manna und keinesfalls Bier serviert wird. Wiggerl ist außer sich – und damit wird auch Gott (Ina Müller) klar, dass sie es hier mit einem waschechten Münchner zu tun hat. Um sich den üblichen Stress zu sparen, wird er auf die Erde zurückgeschickt – und zwar mit der Aufgabe, einen Brief an die Bayerische Staatskanzlei zu überbringen. Allerdings landet das Schriftstück direkt in der Isar, während sich Wiggerl stattdessen lieber daran macht, die Beziehung zu seiner Tochter (nur sie kann ihn sehen) zu kitten …

Stillgelegte Sehenswürdigkeit

Manchmal hat man auch einfach Pech. Aus Gründen der Filmförderung wurde „Ein Münchner im Himmel“ überwiegend in Wien gedreht, das hier die bayerische Landeshauptstadt – durchaus überzeugend – doubelt. Aber zumindest eine lokale Sehenswürdigkeit muss natürlich trotzdem prominent platziert werden, um den Schein zu wahren – und da hat man sich ausgerechnet für die Eisbachwelle entschieden, die sich seit einer Bachauskehr im Oktober 2025 allerdings nicht mehr selbstständig auftürmt. Aktuell laufen Projektversuche, das Surfer-Paradies künstlich wieder zum Stehen zu bringen – und ähnlich große Anstrengungen unternimmt auch der Drehbuchautor Marcus Pfeiffer („Beckenrand Sheriff“), um die potenziell anarchische Erzählung vom Münchner im Himmel möglichst rasch in sichere (sprich: bis in die kleinste Verästelung bestens bekannte) Gewässer umzuleiten.

Mit seinem Lieblingsspruch „Scheiß da nix, dann feit da nix!“ plädiert Wiggerl für eine gesunde Portion Wurschtigkeit – aber genau diese Gelassenheit geht dem Film völlig ab: Statt mit der Prämisse auch einfach mal Spaß zu haben (oder eben für die eine oder andere Maß ins Hofbräuhaus einzukehren), fühlt es sich nicht nur für den Protagonisten, sondern irgendwann auch für das Publikum fast schon wie Arbeit an. So muss Wiggerl gleich einen riesigen Berg an Problemen postmortal bewältigen: finanziell, familiär und dann auch noch die Beziehung zum Vater (ein deutscher Superstar, der an dieser Stelle aber nicht verraten werden soll), mit dem er seit dem Tod der Mutter nicht mehr gesprochen hat. Das wäre an sich schon wahnsinnig spießig – aber wenn dann noch der Titel „Ein Münchner im Himmel“ auf dem Poster steht, fällt es umso schmerzlicher auf.

… worunter auch seine Beziehung zu Tochter Toni (Momo Becker) stark gelitten hat. LEONINE
… worunter auch seine Beziehung zu Tochter Toni (Momo Becker) stark gelitten hat.

„Ein Münchner im Himmel“ hat viel Plot, aber wenig Pointen. Auf der Habenseite stehen dafür die Schauspieler*innen – allen voran Maximilian Brückner („Oktoberfest“). Gerade zu Beginn, wenn er noch Stenz sein darf, wird deutlich, dass er sehr wohl das Zeug zum gelassen-gottgrausenden Münchner gehabt hätte. Stattdessen wird auch er direkt an die enge Leine gelegt, um die sicherlich nicht falsche, aber eben auch reichlich ausgelutschte und konsequent formelhafte Familienmoral durchzupeitschen. Das Titelversprechen einer gewissen bayerischen Lässigkeit wird so allein auf dem mit gut gelaunten Alpenrock-Stücken gefüllten Soundtrack eingelöst.

Fazit: Statt im Hofbräuhaus zu versacken, wird der schief hängende Haussegen gekittet. Der anarchische Witz von Ludwig Thoma weicht so einer schwerfälligen, belehrenden Familien-Komödie nach Schema F. Hier ging es von Anfang an offenbar nur darum, einen bereits bekannten Titel zu finden, statt der kultigen Vorlage tatsächlich neues Leben einzuhauchen.

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