„I have an obligation to see a very specific thing through. And with obligation comes sacrifice.“
Seid 2008 sind die Safdie-Brüder (Josh und Benny) in der Filmbranche unterwegs und liefern energiegeladene und wilde Filme ab. Ich sah den ersten Film der Brüder 2019 („Der schwarze Diamant“ oder im Original „Uncut Gems“) und war beeindruckt von der pulsierenden und hektischen Atmosphäre des Films. Seid 2025 sind beide Brüder auch separat unterwegs an der Regiefront und so kam es, dass Josh Safdie sein erstes filmisches Werk drehte: „Marty Supreme“. Eine lose Verfilmung des Tischtennis-Spielers Marty Reisman, hier Marty Mauser genannt. Der Film ging schnell durch die Decke und wurde zur erfolgreichsten Produktion von A24 (dem Studio, welches den Film finanzierte). Zudem ist „Marty Supreme“ ein großer Anwärter auf die Oscars, wobei Timothée Chalamets Chancen auf die Trophäe als bester Hauptdarsteller deutlich gesunken sind, nach seiner unnötigen Aussage in einem Interview („Niemand interessiert sich für Ballett oder die Oper“)… Sehr schade, dass der Film auch dadurch in ein etwas negatives Rampenlicht gerückt wird, denn ohne dieses ganze Drama ist „Marty Supreme“ ein wirklich mitreißendes Filmerlebnis!
New York, in den 50ern: Der Tischtennisspieler Marty Mauser will ganz hoch hinaus. Sein Ziel ist der Weltmeistertitel. Doch dazu muss er am amtierenden Titelträger aus Japan vorbei. Ein fast noch größeres Problem ist die Teilnahme am Turnier, denn die kostet Geld. Doch Marty macht sich nicht viel aus Jobs. Er verfolgt nur sein Ziel und ist dafür bereit alles zu tun…
Wer ein klassisches Sport-Biopic erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht. „Marty Supreme“ erzählt zwar die Geschichte eines halb fiktiven, halb realen Tischtennisspielers, doch der Fokus liegt hier vielmehr auf den Abgründen, die mit der blinden Jagd nach Ruhm und Reichtum einhergehen. Marty selbst ist ein sehr unsympathischer und hinterhältiger Protagonist, der lügt, betrügt und zur Not einfach vom Tatort flieht. Er ist der Inbegriff eines Narzissten, hält sich für das Zentrum der Welt und denkt, dass er allein alles schaffen kann. Regisseur Josh Safdie und sein langjähriger Drehbuchautor Ronald Bronstein inszenierten den düsteren Trip durch die Hölle dieses unausstehlichen Charakters. Wie auch schon bei „Uncut Gems“ verfolgen wir vor allem den harten und gnadenlosen Weg zum Ziel der Hauptfigur. Und dieses Ziel scheint für Marty immer unmöglicher, er redet sich um Kopf und Kragen und ist immer öfter bereit seine Würde abzulegen. Und dieser wahnwitzige und teilweise erniedrigende Weg ist ein absoluter Fiebertraum und das im besten Sinne. Die Ereignisse werden immer verrückter und nicht selten steht das Leben einer oder mehrerer Menschen dabei auf dem Spiel. Und obwohl Marty ein teilweise widerlicher Typ ist, so kann er einem doch irgendwie nur Leid tun und man wünscht sich irgendwann sogar, dass er zumindest ein bisschen Glück in seinem Leben erfährt.
Diese Charakterstudie macht den Film so faszinierend und unterhaltsam. Dabei ist das Ganze sehr schnell und Energie-geladen inszeniert, typisch für die Safdies halt. Die Figuren schreien sich nicht selten an, reden übereinander und die Situationen eskalieren schnell mal. Das ist für manche Zuschauer*innen sicherlich anstrengend, aber genau dadurch vermittelt „Marty Supreme“ halt auch diesen konstanten Stress des Protagonisten. In der Hinsicht liebe ich auch den Rahmen des Films, der mit der Befruchtung einer Eizelle startet.
Der Cast ist großartig: Odessa A´zion als Martys Freundin ist klasse und Gwyneth Paltrow kehrt nach „Avengers Endgame“ das erste Mal wieder auf Leinwand zurück und liefert eine sehr beeindruckende Performance ab. Daneben brillieren auch Leute wie Abel Ferrara, der viele kontroverse Filme in den 80ern und 90ern drehte. Selbst der japanische Weltmeister, Koto Endo, wird von einem echten Spieler performed (Koto Kawaguchi). Was ich besonders liebe: Alle Darsteller*innen sehen abgenutzt, verschwitzt und einfach „normal“ aus. Der Film zeigt keine typischen Models, wie man sie sonst in den heutigen Hollywood-Produktionen sieht, sondern bietet Figuren, die nicht der klassischen Norm entsprechen. Das macht das ganze Erlebnis umso echter und greifbarer. Selbst Chalamet, der ja sonst als sehr attraktiv in seinen Filmen heraus sticht, zeigt hier auch mal seine „hässliche“ Seite. Ich finde auch, dass dies eine seiner besten Rollen ist. Man mag darüber streiten, dass er die Rolle so gut spielt, weil er selbst im echten Leben eher zur Arroganz tendiert, aber wenn ich nur seine Arbeit im Film betrachte, bin ich wirklich begeistert! Er selbst produzierte den Film auch mit.
Visuell ist „Marty Supreme“ ein absolutes Fest. Nicht nur die schicke Kameraführung von Darius Khondji ist umwerfend, auch der rasante Schnitt von Safdie und Bronstein ist der pulsierende Herzschlag des Films. Und auch wenn „Marty Supreme“ nicht unbedingt ein klassischer Sportfilm ist, so sind die Tischtennis-Szenen absolut mitreißend und atemberaubend inszeniert. Dabei zeigen Safdie und sein Team die Matches in einer recht klassischen und „realistischen“ Weise, doch die Energie der Spieler ist einfach fesselnd, ebenso die rasanten Ballwechsel!
Über dem Ganzen schwebt ein spannender Score von Daniel Lopatin, der einen hypnotisch, treibenden 80´s-Synth-Sound wählte. Ein starker Kontrast zum Setting der 50er, aber in gewisser Weise passt diese Entscheidung zur Thematik des Films: Was bedeuten deine einzelnen Erfolge in 20 Jahren? Und gibt es nicht andere Dinge, die vielleicht im großen Ganzen länger überdauern?
Fazit: „Marty Supreme“ ist ein wilder und mitreißender Trip, den man so schnell nicht vergisst. Eine spannende Charakterstudie, die trotz ihrer düsteren Momente eine positive Message bietet und filmisch gesehen unfassbar toll gemacht ist!