Der Junge aus dem Wasser
Von Janick NoltingDas Langfilmdebüt von Jaume Claret Muxart wächst aus der Bewegung. Der katalanische Regisseur beginnt mit Bildern eines vorbeiziehenden Waldes. Äste, Stämme und Blätter rauschen verschwommen an der Kamera entlang. Muxarts Figuren ziehen durch die Welt, mal zu Fuß, vor allem aber mit dem Fahrrad. Das Umherreisen gibt „Strange River” seine Struktur. Um eine klare lineare Erzählung geht es dieser spanisch-deutschen Koproduktion allerdings weniger, vielmehr um eine lose Konstellation. Sie zeigt das Erwachsenwerden als sommerliche Odyssee, die die Blicke hier und dort schweifen lässt und das Uneindeutige sucht. Ein entschleunigtes Kino, das gerade über die wiederholten Wechsel von Aufbruch und Stillstand ein jugendliches Lebensgefühl einfängt. Es erfährt, wie sich die Welt in all ihren Möglichkeiten öffnet, während es dennoch fürchtet, kaum von der Stelle zu kommen und sich am Ende womöglich selbst zu verlieren.
„Strange River” erzählt von einem Teenager namens Dídac (Jan Monter), der mit seiner Familie eine Fahrradtour entlang der Donau unternimmt. Da sind der Vater und die Geschwister mit dabei und Dídacs Mutter, eine Schauspielerin, die sich gerade auf ihre Rolle in einer Inszenierung von Hölderlins „Tod des Empedokles” vorbereitet. Dídac selbst kreist derweil um seine ersten romantischen und erotischen Erfahrungen. Und dann sieht er einen fremden jungen Mann, der wie aus dem Nichts plötzlich im Fluss schwimmt…
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Von Anfang an durchzieht ein magischer Realismus diesen Film. Oder zumindest etwas Unwirkliches, Traumwandlerisches. Das Auftauchen des Unbekannten gleicht zunächst einer Naturgewalt, als sei dort ein Fabelwesen, eine männliche Nymphe vielleicht, dem Wasser entsprungen. Es könnte sich ebenso um bloße Einbildung handeln. Später dann entwickelt “Strange River” aus dem wiederholten Auf- und Abtreten dieser Figur die Anklänge einer Romanze, die Raum und Zeit zu überbrücken scheint.
Ist das nun ein Wiedergänger, ein Ebenbild, oder die Begegnung mit dem Fremden per se? Wer ist er und woher kommt er? Was hat Dídacs Mutter mit ihm zu tun? In erster Linie schafft Muxart mit dieser Figur ein personifiziertes Begehren, das die Hauptfigur auf Schritt und Tritt verfolgt und immer wieder heimsucht. Es gleicht einem rätselhaften Gespenst, lässt sich nie fassen, ist ebenso schnell wieder verschwunden, wie es erschienen ist.
Überhaupt bestimmt das Begehren die Stimmung von „Strange River”. Mal brodelt sie nur unterschwellig, mal wird sie mit melancholischer, drückender Schwere versehen, dann bahnt sie sich hemmungslos nach außen. Es sind die kleinen formalen und technischen Spielereien, die den Film dabei so betörend wirken lassen. In einer der beeindruckendsten Szenen verschmilzt der Jugendliche mit der Natur. Dídac masturbiert am Fluss, während sich die Musik immer weiter hochschaukelt und die Landschaft nach und nach den ekstatischen Körper überlagert, als würde er sich in Luft auflösen. Der erste Herzschmerz und das erste Erkunden der eigenen Triebe werden hier als schier überwältigendes Ereignis porträtiert. Es entwickelt eine solche Kraft, dass die Pubertät und all ihre Konflikte die Familie wie ein sinnbildliches Unwetter ereilen.
Wann die Kinder endlich erwachsen werden, überlegen die Eltern nachts im Zelt, wenn sie mal wieder hören, wie die Jungen mal wieder miteinander zanken. Die Reife kann anscheinend gar nicht schnell genug kommen, um endlich unbeschwerter, freier leben zu können. Zugleich spürt man den Entfremdungsprozess zwischen den Generationen, der damit einhergeht. „Strange River” schleicht zwischen seinen Figuren und Perspektiven hin und her, arbeitet nach und nach einzelne Dynamiken zwischen den Charakteren in kleinen Vignetten heraus. Viele Hintergründe bleiben dennoch bis zum Schluss unausgesprochen.
Das tanzt positiv aus der Reihe, wenn es etwa um die Frage der sexuellen Orientierung geht. In „Strange River” steht das nämlich überhaupt nicht zur Diskussion. Es wird auch im Dialog zwischen Vater und Sohn erstaunlich schnell aufgelöst, auch wenn das Verständnis füreinander an Grenzen stößt. Die queeren Züge der Dídac-Figur sind nicht der zentrale Konflikt des Films, sondern eine gelebte Normalität. Nun könnte man fragen: Was ist überhaupt der Konflikt des Films? Gibt es denn einen? Und hier legt “Strange River” verschiedene Fährten aus, ob es nun einfach um die Frage der Selbstfindung und Scham vor den eigenen Gefühlen, der ambivalenten Beziehung zu den Eltern und deren Sinnkrisen oder auch das ganz allgemeine Fremd- und Verlorensein in der Welt geht. In seinem Finale auf einem Boot verdichtet der Film die ganze Bedrohlichkeit, die mit der jugendlichen Emanzipation ebenso einhergehen kann.
Wenn man ehrlich ist: Man muss hier eine gewisse Freude an der Latenz und Offenheit mitbringen und sie als ästhetisches Potenzial schätzen. Und vielleicht bleibt der Film bezüglich seiner Figuren dann doch vager, als es seiner erzählerischen Tragweite guttun würde. Dieser Film liebt seine Leerstellen. Gerade deshalb, weil „Strange River” eben vor allem darum bemüht ist, einen orientierungslosen Zustand einzufangen. Er oszilliert zwischen Emotionen und Stimmungen. Er lebt von seiner Atmosphäre und den Auslassungen, die hinter jede Regung und Beobachtung direkt ein Fragezeichen setzen. Muxart vertraut darauf, dass sich sein Publikum wiedererkennt, dass sich ganz universelle Konflikte zwischen den Generationen und rund um die Pubertät zu erkennen geben.
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Lässt man sich auf dieses schwelgerische Verfahren, Verirren und neugierige Umschauen ein, dann wird man belohnt mit einer immensen Sinnlichkeit und Schönheit in den 16mm-Aufnahmen. Denn „Strange River” ist in erster Linie auch ein Film über Landschaften, über deren Bilder, aber auch deren Laute und Geräusche. Muxart versucht, den Sommer ästhetisch zu bannen. Das Sonnenlicht, das Baden im kühlen Fluss, aber auch den prasselnden Regen und Sturm. Er ist fasziniert von nebelverhangenen Wäldern, vom Rascheln der Blätter und den funkelnden Wasseroberflächen, die die Leinwand in ihren abstrakten Lichtgebilden vereinnahmen dürfen. Muxarts Kino ist kein diskursives, sondern es beobachtet, riecht, schmeckt, lauscht, empfindet mit der Kamera. Und es reibt sich erst am Ende seiner Urlaubsreise kurz die Augen.
Fazit: In „Strange River” werden Pubertät, Selbstfindung und die erste Liebe in all ihren ambivalenten Gefühlen zum elliptischen Reisekino. Das ist in seinen Beobachtungen nicht allzu originell und hätte am Ende vielleicht ein bis zwei konkretere Anhaltspunkte und Anstöße vertragen können. Nichtsdestotrotz ist Jaume Claret Muxart ein beeindruckend stilsicheres Debüt und ein bisweilen wunderschöner, sinnlicher Sommerfilm gelungen.
Wir haben „Strange River“ beim Filmfest Venedig 2025 gesehen, wo er in der Reihe Orizzonti seine Weltpremiere gefeiert hat.