Sauna
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Sauna

Wenn Minderheiten Minderheiten ausgrenzen

Von Björn Schneider

Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland fast 1.800 Straftaten aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identität von Menschen polizeilich erfasst. Zur Wahrheit gehört: Queer- und Transfeindlichkeit nehmen seit einigen Jahren wieder zu, ultrakonservativer Regierungen und rechter Kräfte sei Dank! Sie machen Stimmung gegen die LGBT-Community und schüren Ressentiments.

Doch selbst unter queeren Menschen gibt es Minderheiten- und nicht zuletzt Transfeindlichkeit. Eine marginalisierte Gruppe, die selbst anfeindet und intolerant ist? Ja, das klingt widersprüchlich und bizarr, ist allerdings (bittere) Realität. Unter anderem dieses vielschichtige, spannende Thema behandelt Mathias Broe in seinem queeren Liebesdrama „Sauna“. Wer Transphobie vor allem unter schwulen oder bisexuellen Männern anspricht, der darf sich bisweilen schon mal über aggressive, mindestens aber zwiegespaltene verbale Reaktionen „freuen“. Exakt diese Erfahrungen machen ebenso die beiden Hauptfiguren in „Sauna“.

Als sich Johan (Magnus Juhl Andersen) in den trans Mann William (Nina Rask) verliebt, stößt er damit ausgerechnet in der Gay-Community auf Probleme... Salzgeber
Als sich Johan (Magnus Juhl Andersen) in den trans Mann William (Nina Rask) verliebt, stößt er damit ausgerechnet in der Gay-Community auf Probleme...

Johan (Magnus Juhl Andersen) ist von der einengenden dänischen Provinz nach Kopenhagen gezogen und kann in der Hauptstadt unbeschwert seiner Homosexualität nachgehen. Er arbeitet in der einzigen Schwulensauna der Stadt, hat viele One-Night-Stands und genießt seine flüchtigen, oberflächlichen Begegnungen. Doch seine sexuellen Abenteuer machen ihn auf die lange Sicht nicht glücklich. Als er William (Nina Rask) – einen trans Mann – kennenlernt, entstehen unerwartet tiefe Gefühle. Johan verliebt sich Hals über Kopf in den sensiblen Gleichaltrigen, der sich mitten in der Transition befindet. Da ihre Beziehung jedoch nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht, kommen auf die beiden schon bald einige Herausforderungen zu...

Broes Debütfilm folgt im ersten Drittel einem jungen, attraktiven Mann bei seiner Suche nach Sex und erotischen Treffen. Johan steht zu sich und seiner Sexualität, er stellt jedoch schnell fest, dass die sich nahtlos aneinanderreihenden One-Night-Stands nach einer gewissen Zeit für innere Leere und Monotonie sorgen. „Sauna“ hinterfragt an dieser Stelle durchaus kritisch die durchsexualisierte schwule Dating-Kultur, bei der es nicht immer, aber oft um schnelle Lustbefriedigung geht. Der Film thematisiert im gleichen Atemzug die damit zusammenhängenden möglichen Folgen für das Individuum: von Einsamkeit über Entfremdung bis hin zu emotionaler Abstumpfung.

Süchtig nach Dating-Apps

Wie sehr die Jagd nach dem nächsten Sex-Date den Alltag von Johan bestimmt, zeigt sich vielfach in beiläufig eingestreuten Szenen. Sie zeigen symptomatisch, wie stark sein Leben von Darkrooms, Grindr und dem nächsten Kick beherrscht wird. So kann er sein Smartphone nur selten mal zur Seite legen, und selbst auf der Toilette geht es nicht ohne die Dating-App. Gleichzeitig aber feiert „Sauna“ die innere Freiheit seines selbstbewussten Protagonisten in all ihren Spielarten und Facetten. Seine in vollen Zügen ausgelebte Sexualität erscheint als etwas völlig Normales und Alltägliches.

Die Sexszenen sind vor allem auf akustischer Ebene (Stöhnen, lautes Atmen) durchaus explizit, aber die Dunkelheit der Dark Rooms lässt vieles nur erahnen. Das trifft auch auf die schwach ausgeleuchteten, rauschhaften Momente auf den Tanzflächen der queeren Clubs zu. Erst mit William kehrt etwas Ruhe ein im Leben von Johan, den Magnus Juhl Andersen mit beachtlicher Hingabe und großer Empfindsamkeit verkörpert. Die Momente zwischen Johan und William inszeniert Broes mit großem Respekt und einer ebenso bedingungslosen Intensität. Das betrifft etwa die Phase des Kennenlernens und unbeschwerte Situationen während eines Ausflugs zum Meer an einem wunderschönen, spätsommerlichen Nachmittag. Die letzten Sommerstrahlen und das gleißende Licht in einigen dieser mitreißenden, von Sorglosigkeit und Unbeschwertheit geprägten Momente sind ein gelungener Kontrast zu den Sequenzen an dunkleren, schwach beleuchteten Orten wie Nachtclubs und Darkrooms.

Trotz schwerer Themen bleibt Platz für Humor

Die mutigen, lustvollen Sexszenen zwischen Johan und William sind zudem sehr oft von augenzwinkerndem Witz durchbrochen. Denn Broes Faible für entwaffnend-deftigen Humor blitzt hier sehr oft auf. Zum Beispiel, wenn er eine Geschichte Johans aus dessen Jugend (es geht um das Erwachen der eigenen Sexualität) gegen Ende nochmal aufgreift und unter Einsatz von Körperflüssigkeiten visualisiert. Eine metaphorisch überaus treffende Szene, zudem wunderbar überspitzt, selbstironisch und von einer befreienden Körperlichkeit.

Etwas bedauerlich ist, dass man den inneren Befindlichkeiten und Emotionen Johans nur schwer auf die Schliche kommt. Er bleibt bis zum Schluss schwer greifbar, nicht zuletzt, da man über ihn und seine Vorgeschichte nicht allzu viel vermittelt bekommt. Lediglich die Probleme mit den Eltern, die Johans Homosexualität nicht akzeptieren können, spricht „Sauna“ kurz an. Im Übrigen ist der Filmtitel etwas unglücklich gewählt. Es besteht die Gefahr, dass durch ihn ein irreführender Eindruck entsteht oder falsche Erwartungen geweckt werden. Denn obwohl einige Szenen in der Gay-Sauna Adonis spielen, in der Johan arbeitet, machen diese unter Betrachtung der Gesamtlaufzeit von 105 Minuten nur einen Bruchteil aus.

Die Szenen in der titelgebenden Sauna nehmen gar nicht so viel Raum ein – dafür gibt es gleich mehrere Sequenzen in schwach ausgeleuchteten Clubs und Darkrooms. Salzgeber
Die Szenen in der titelgebenden Sauna nehmen gar nicht so viel Raum ein – dafür gibt es gleich mehrere Sequenzen in schwach ausgeleuchteten Clubs und Darkrooms.

Vielmehr steht die fragile Liebe zweier Männer im Zentrum, deren Beziehung gegen einige Widrigkeiten von außen bestehen muss. „Sauna“ verhandelt nämlich auch das zu Beginn bereits angesprochene tabuisierte, aber so wichtige Thema der Transfeindlichkeit innerhalb der schwulen Szene an. So werden Johan und William schon bald mit ausgrenzendem, intolerantem Verhalten von Teilen der Gay-Community konfrontiert. Das zeigt sich exemplarisch an abwertenden Äußerungen zur Beziehung der beiden. Diese negativen Reaktionen (dazu zählen auch subtile Gesten und abfällige Blicke) stammen auch von einigen Kollegen bzw. Personen aus dem nächsten Umfeld, was diese Kommentare noch verletzender erscheinen lässt. Am schwerwiegendsten aber gestaltet sich eine Erfahrung im Adonis: Die cis-schwulen Besucher ebenso wie der ohnehin ziemlich aggressiv auftretende Inhaber sind alles andere als einverstanden mit dem Besuch von William.

Ein trans Mann in einer Gay-Sauna, der noch dazu mit Johan zusammen ist, dem bei vielen Gästen so geschätzten Sauna-Mitarbeiter? Für viele Schwule scheint dies mit den eigenen Vorstellungen von „echter“ Homosexualität, Maskulinität und geschlechtlicher Zugehörigkeit nicht vereinbar. Die Diskriminierung, die das Paar zu spüren bekommt, erfährt in dieser Szene ihren traurigen Höhepunkt. Folglich ist das eigentliche Problem für Johan und William also das Umfeld – und zwar nicht das heterosexuelle, sondern in diesem Fall das queere.

Fazit: Das explizite, mutige Liebesdrama „Sauna“ folgt einem jungen schwulen Mann durch sein von oberflächlichen Sex-Dates und auszehrenden Partys geprägtes, einsames Leben. Als er sich unerwartet in einen gleichaltrigen trans Mann verliebt, gerät sein Leben aus den Fugen. Mit zärtlichem Wohlwollen und großer Sinnlichkeit erzählt der Film eine unalltägliche queere Liebesgeschichte und stellt Fragen nach Selbstfindung und Identität. Es geht um die Suche nach Glück, echtem Zusammenhalt und intimen menschlichen Verbindungen – trotz einiger Widerstände von außen.

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