The Souffleur
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
The Souffleur

Ein exzentrischer Willem Dafoe macht noch keinen Film

Von Michael Bendix

Im Jahr 2024 ging ein Clip viral, in dem ein Straßeninterviews führender Content Creator in New York ausgerechnet Willem Dafoe begegnet – und offensichtlich keine Ahnung hat, wer ihm da gerade vors Handy gelaufen ist. Gänzlich unbedarft stellt der TikTok-Star dem sowohl aus dem internationalen Autorenkino („Antichrist“, „Der Leuchtturm“) als auch dem Blockbuster-Fach („Spider-Man 1-3“) bekannten und physiognomisch eigentlich unverwechselbaren Schauspieler seine Standardfragen – wer er sei, was er denn beruflich mache, wo er sich in fünf Jahren sieht. Dafoe lässt sich auf das Spiel ein, stellt sich beim Vornamen vor, nein, über die Zukunft mache er sich eigentlich keine Gedanken. In diesen situationskomischen und bemerkenswert uneitlen 48 Sekunden steckt eigentlich alles, was man über seine Selbstverortung wissen muss.

Dafoe steht seit 45 Jahren vor der Kamera, hat nahezu alles schon einmal ausprobiert, und nichts scheint ihm egaler zu sein als die Frage, ob ihn irgendjemand als Star-Persona begreift. Analog dazu ist er zwar weiterhin irrsinnig produktiv, zugleich wird seine Projektwahl zunehmend exzentrischer. Wenn er nicht gerade kleine bis winzige Rollen für befreundete Regisseure wie Wes Anderson („Asteroid City“) oder Yorgos Lanthimos („Kinds Of Kindness“) spielt, arbeitet Dafoe gern mit weitgehend unbekannten Autorenfilmer*innen an Projekten, bei denen nahezu ausgeschlossen ist, dass sie außerhalb von Festivals ein Publikum finden, die dafür aber ganz auf seine Präsenz zugeschnitten sind. Filme wie „The Birthday Party“ (von Miguel Ángel Jiménez), „Late Fame“ (von Kent Jones) oder eben „The Souffleur“ des argentinischen Regisseurs Gastón Solnicki. Die Filmemacher profitieren von seiner Namen, während Dafoe einen von etablierten Regeln befreiten Experimentierraum für sein Schauspiel zugesprochen bekommt.

Lucius Glanz (Willem Dafoe) wandelt täglich durch die Flure des Wiener Intercontinental – doch schon bald wird der Hotelmanager seinen Posten verlieren. Little Magnet Films
Lucius Glanz (Willem Dafoe) wandelt täglich durch die Flure des Wiener Intercontinental – doch schon bald wird der Hotelmanager seinen Posten verlieren.

In „The Souffleur“ verkörpert Dafoe den Hotelmanager Lucius Glanz, der – das verrät er direkt zu Anfang aus dem Off – seit mittlerweile zwei Jahren das zwischen Stadtpark und Konzerthaus zentral in Wien gelegene Hotel Intercontinental leitet. Wie der titelgebende Souffleur im Theater lenkt er im Hintergrund die Geschicke des Hauses, beruhigt Gäste, die nicht rechtzeitig in ihr Zimmer kommen, hält die Qualität und reibungslosen Abläufe in allen Bereichen aufrecht. Das traditionsreiche, aber auch allmählich marode gewordene Luxus-Gästehaus ist für ihn dabei nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern auch ein Zuhause, in dem er gemeinsam mit seiner Tochter Lilly (Lilly Lindner) lebt.

Doch genau dieses Zuhause ist nun bedroht, denn in Kürze übernimmt der reiche Argentinier Facundo Ordoñez (Regisseur Solnicki selbst) das Intercontinental als neuer Eigentümer – und Glanz wird seinen für ihn identitätsstiftenden Posten verlieren. Der Titel hat also noch eine weitere Bedeutungsebene: Denn plötzlich misslingende, später noch im Ofen in sich zusammenfallende Soufflés spielen eine Rolle, die als überdeutliche Metapher für den Niedergang des Hotels und damit verbunden einer alten Ordnung dienen…

Frustrierende Fragmente

So geradlinig, wie sich die Inhaltsangabe gerade gelesen hat, ist „The Souffleur“ nicht annähernd. Kein Wunder: Solnicki hat sich auf Festivals mit fragmentierten, sich oft an der Nahtstelle zwischen Inszeniertem und Dokumentarischem bewegenden Erzählweisen einen Namen gemacht (bereits mit seiner Dokumentation „A Little Love Package“ widmete er sich 2022 den Wiener Kaffeehäusern). Und auch sein jüngster Film bleibt bewusst vage. Ihm geht es nicht um die Frage, ob das Hotel doch noch gerettet werden und sein Protagonist seinen Job und Lebensinhalt behalten kann. Stattdessen unternimmt er einen bruchstückhaften Streifzug durch Vergangenheit und Gegenwart einer Stadt und eines tatsächlich im Herzen Wiens existenten, für den Film aber fiktionalisierten Hauses.

Archivmaterial in Schwarz-Weiß vom Bau des Hotels, der nah am Hotel gelegenen Eislaufbahn oder überfüllten Speisesälen (so voll sehen wir sie in der filmischen Gegenwart nie) stellt Solnicki den repetitiven Rundgängen Dafoes durch die Flure und Zimmer des Hotels entgegen. Zudem zeigt er Straßenaufnahmen aus dem Wien des Hier und Jetzt, besucht für einen kurzen Moment das Grab des Avantgarde-Komponisten György Ligeti am Zentralfriedhof oder eine Giraffe im Zoo. Zwischendurch stellen sich Bedienstete des Hotels der Kamera vor, und hin und wieder hören wir atonale, mit Vinylknistern unterlegte Klaviermusik. Solnicki stellt diese Ebenen und Bilder nebeneinander, strebt aber keine filmische Verschränkung an. Vieles – etwa auch die Interaktionen zwischen Lucius und seiner mittlerweile nur noch widerwillig im Hotel arbeitenden, sich selbst verletzenden Tochter Lilly – bleibt unaufgelöst im Raum stehen, ohne dass „The Souffleur“ jemals wieder darauf zurückkommen würde.

Auch Lucius' Tochter Lilly (Lilly Lindner, links) hat im Hotel Intercontinental ihren Lebensmittelpunkt. Doch will sie das im Gegensatz zu ihrem Vater überhaupt? Little Magnet Films
Auch Lucius' Tochter Lilly (Lilly Lindner, links) hat im Hotel Intercontinental ihren Lebensmittelpunkt. Doch will sie das im Gegensatz zu ihrem Vater überhaupt?

Solnicki ist dem Experimental-Kino verpflichtet, doch selbst unter diesem Gesichtspunkt ist „The Souffleur“ eine zutiefst frustrierende Seherfahrung. Seine Motive bleiben beliebig, und die Weigerung des Regisseurs, sie in eine Beziehung zu setzen, verhindern bis zum Schluss einen Rhythmus. Vielleicht haben diese Bilder etwas miteinander zu tun, vielleicht auch nicht, und womöglich ist es nicht die Aufgabe des Films, uns einen Schlüssel in die Hand zu geben – doch „The Souffleur“ hält keinerlei Anreize bereit, sich für derlei Fragen überhaupt zu interessieren.

Es bleiben der überraschende letzte Auftritt des 2022 verstorbenen deutschen Independent-Regisseurs Klaus Lemke („Rocker“) sowie natürlich die reine Präsenz des immer charismatischen, sich mal natürlich, mal irrlichternd durch seine Szenen improvisierenden Dafoe, der auf einer Hotelzimmer-Party Chips in die Münder der Gäste wirft, bei einer Tagung der Stadtverwaltung auf Italienisch über Alpakas doziert oder von verzweifeltem Schluchzen fast nahtlos in ein irres Lachen übergleitet. Doch auch die schönsten Exzentrizitäten machen noch keinen Film.

Fazit: Willem Dafoe hat ganz offensichtlich Freude an dem, was er tut – doch darüber hinaus bedient „The Souffleur“ eine eher frustrierende Spielart des Experimental-Kinos, deren lose Bildfolgen nicht assoziativ, sondern beliebig anmuten.

Wir haben „The Souffleur“ beim Filmfest Venedig 2025 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm der Reihe Orizzonti seine Weltpremiere gefeiert hat.

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