Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes

Kidnapping für den guten Zweck!?

Von Pavao Vlajcic

In den ersten fünf Minuten von „Good Boy - Wir wollen nur dein Bestes“ schauen wir dem 19-jährigen Tommy (Anson Boon) dabei zu, wie er sich hemmungslos besäuft, zukokst, Pillen schluckt, auf den Bürgersteig kotzt, Leute buchstäblich anpisst, seine Freundin in aller Öffentlichkeit betrügt, Ohrfeigen verteilt und Passanten zusammenschlägt. Man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass dieser bösartig-ruchlose Graf Koks ordentlich eine übergebraten bekommt. Und siehe da – Tommy wird von einem Fremden K.o. gesetzt und wacht mit einer eisernen Hundeleine um seinen Hals in einem Keller auf.

Parallel dazu sucht Chris (Stephen Graham) ein Hausmädchen für sein abgeschiedenes Anwesen, in dem er mit Frau Kathryn (Andrea Riseborough) und Sohn Jonathan (Kit Rakusen) lebt. Rina (Monika Frajczyk) soll der apathischen Ehefrau und dem Sohn zweimal die Woche Gesellschaft leisten, den Abwasch erledigen sowie das heruntergekommene Anwesen auf Vordermann bringen. Den angeketteten Tommy im Keller soll sie hingegen geflissentlich ignorieren, Verschwiegenheitserklärung inklusive.

Tommy (Anson Boon) wird von seiner neuen „Familie“ buchstäblich an die Kette gelegt. X-Verleih
Tommy (Anson Boon) wird von seiner neuen „Familie“ buchstäblich an die Kette gelegt.

Tommy fristet ab sofort sein Dasein im Keller des Hauses, muss sich an strenge Regeln halten und wird bei Zuwiderhandlung sofort bestraft. Wenn er sich hingegen wie der titelgebende „gute Junge“ benimmt, winken Erleichterungen und Goodies wie TV-Abende mit Popcorn, bei denen Ken Loachs Sozialdrama-Klassiker „Kes“ läuft. Was Chris und Kathryn mit Tommy vorhaben, bleibt allerdings ein Geheimnis, ebenso wie Rina Rolle in diesem Spiel.

Der polnische Regisseur Jan Komasa („The Change“) wurde zuerst 2019 einem größeren Publikum bekannt, als das feinfühlige Religionsdrama „Corpus Christi“ in Venedig Premiere feierte und anschließend für den Oscar für den besten fremdsprachigen Film nominiert wurde. Dass sein neuer Film die Runde zunächst bei gestandenen Genre-Festivals macht, mag daher auf den ersten Blick überraschen. Sogar den ursprünglichen englischen Titel „The Good Boy“ musste man in „Heel“ ändern, um Verwechslungen mit dem gleichnamigen Geister-Hunde-Horror zu vermeiden.

Ganz anders als "Saw" & Co.

Was den Film tatsächlich in die Nähe von Horror und Thriller rückt, ist natürlich die Ausgangssituation, die so oder ähnlich bereits in zahlreichen Genrevertretern durchexerziert wurde. Ob „Saw“, „Martyrs“ oder „Panic Room“ – es gibt wahrlich keinen Mangel an Filmen, in denen unschuldige Opfer ihren Gewalttätern auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind und daraus ein gehöriges Maß Spannung beziehen. „Good Boy“ legt allerdings eine andere Gangart ein und kommt nicht ganz so rabiat daher, was auch besser zu Komasas Stil passt.

Der Charakter von Tommy ist anfangs einerseits dermaßen unsympathisch angelegt, dass Zuschauer*innen seine Situation sogar als gerechte Strafe empfinden mögen. Andererseits ist die als Widersacher präsentierte Familie zwar sehr speziell und schrullig, jedoch auch mit einigen Leerstellen in der Charakterzeichnung und im Plot, die nichts Gutes ahnen lassen. Trotzdem zeigen sich die Mitglieder immer wieder ungewöhnlich hilfsbereit und beinahe gütig.

Will Chris (Stephen Graham) für Tommy wirklich nur das Beste? Oder verfolgt er in Wahrheit noch ganz andere Pläne? X-Verleih
Will Chris (Stephen Graham) für Tommy wirklich nur das Beste? Oder verfolgt er in Wahrheit noch ganz andere Pläne?

Aus dem Hin und Her der Positionen und widersprüchlichen Gefühle, die die einzelnen Charaktere evozieren, bezieht der Film seinen eigentlichen Reiz, weil man sich nie ganz sicher sein kann, auf welche Seite man sich stellen und wem man genau die Daumen drücken soll. Diese Ambivalenz hält der Film ungebrochen bis zum Ende durch. Komasa kann dabei auf einen hochkarätigen Cast zurückgreifen. Vorne an stehen der durch den Netflix-Hit „Adolescence“ bekannte Stephen Graham als verletzlicher pater familias mit seelischen Abgründen sowie Andrea Riseborough („Mandy“) als herrlich entrückte Mischung aus verträumter Fee und verhärmter Hexe. Anson Boon als das auserkorene Opfer überzeugt als hedonistischer Teenager, der im Laufe der Handlung immer wieder neue Facetten gewinnt.

Komasa hat technisch die Zügel fest und souverän über die ganze Laufzeit in der Hand, hält Zuschauer*innen geschickt bei Laune, legt dabei weniger Wert auf oberflächliche Spannung und fokussiert sich stattdessen auf das psychologische Kräftemessen. Formal hält er sich mit Spielereien zurück, die technischen Mittel sind ganz in den Dienst der Geschichte gestellt. Inhaltlich beweist er Mut zur Lücke, nicht jede Frage und jedes Mysterium werden abschließend geklärt. Lediglich der Plot um die Haushälterin Rina wirkt etwas unmotiviert aufgepfropft und verpufft gegen Ende mehr oder weniger wirkungslos.

Angenehm ambivalent

Die große Stärke des Films ist seine Mehrdeutigkeit und Ambivalenz, die auszuhalten Komasa bereit ist. Dies führt dazu, dass, wenn das finale Bild über die Leinwand geflimmert ist, der Film durchaus auch als eine reaktionäre Erlöserfantasie gelesen werden kann. Oder aber eben als gewagt humanistische, fatalistisch romantische Reflexion über Überforderung in der multisensoriellen zeitgenössischen Wirklichkeit. Komasa bezieht hier keine klare Stellung und lässt seinem Publikum die Wahl.

Fazit: Mit „Good Boy“ legt Jan Komasa einen etwas anderen Kidnapping-Thriller vor, der die Täter- und Opferperspektiven geschickt gegeneinander ausbalanciert und der bekannten Ausgangssituation durch psychologischen Feinsinn und moralische Komplexität neues Leben einflößt. Dabei erweisen ihm ein bestens aufgelegter Cast und ein doppelbödiges Drehbuch gute Dienste.

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