Michael
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Michael

Der ultimative Fanfilm

Von Christoph Petersen

Natürlich hat es immer einen Einfluss, wie und wo man einen Film sieht. „Michael“ habe ich zum Beispiel bei der internationalen Premiere im Rahmen der Global Fan Celebration in einer Berliner Konzerthalle geschaut, gemeinsam mit mehr als 1.000 eingefleischten Michael-Jackson-Fans aus aller Welt. Dazu kam ein Dolby-Atmos-Sound, der einem im allerbesten Sinne die Ohren weggeblasen hat. Was für eine Stimmung! Da ist der gesamte Saal schon während des Vorspanns völlig ausgerastet. Und „Training Day“-Regisseur Antoine Fuqua liefert einen Film, der perfekt auf genau dieses Publikum zugeschnitten ist: „Michael“ nimmt sich besonders viel Zeit für die ikonischen Bühnenperformances und reiht auch sonst einen legendären Jackson-Moment an den nächsten. Für die Momente oder die Menschen dazwischen scheint er sich hingegen nicht sonderlich zu interessieren.

Die auffällige Schwerpunktsetzung des von der Erbengemeinschaft offiziell autorisierten Biopics hat dabei sicherlich auch mit der bewegten Produktionsgeschichte zu tun, die man dem fertigen Film durchaus anmerkt. Weil sich nachträglich herausstellte, dass eine Nennung oder Darstellung bestimmter Personen im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen aus dem Jahr 1993 wegen juristischer Vereinbarungen nicht möglich ist, musste das letzte Drittel – unter anderem mit Hilfe umfangreicher Nachdrehs – noch einmal neu konzipiert werden. Statt bis in die Neunziger hineinzureichen, konzentriert sich „Michael“ nun ganz auf die ersten Karrierejahre bis zur Veröffentlichung des bahnbrechenden Albums „Bad“ 1987. Damit geht es vor allem um die Abnabelung von seinem alles kontrollierenden Vater. Ein funktionaler, schön runder, aber auch arg generischer und nicht allzu tief vordringender Handlungsbogen.

Hauptdarsteller Jaafar Jackson sieht seinem legendären Onkel wirklich zum Verwechseln ähnlich. Universal Pictures
Hauptdarsteller Jaafar Jackson sieht seinem legendären Onkel wirklich zum Verwechseln ähnlich.

Michael Jackson (als Kind: Juliano Valdi) ist gerade einmal fünf Jahre alt, als er von seinem ebenso erfolgshungrigen wie kontrollierenden Vater Joe (Colman Domingo) zum Frontmann der „Jackson 5“ gemacht wird. Bis zum weltweiten Durchbruch mit Motown Records ist es zu diesem Zeitpunkt zwar noch fünf Jahre hin, aber trotzdem kristallisiert sich schon bei den ersten Auftritten auf Volksfesten und bei Talentshows heraus, dass der kleine Michael der eigentliche Star der Truppe ist. Obwohl der Erfolg stetig wächst, wird er von seinem unnachgiebigen Vater regelmäßig mit dem Gürtel verprügelt, was auch seine liebevoll-fürsorgliche Mutter Katherine (Nia Long) nicht verhindern kann.

Als junger Erwachsener wird sich Michael (Jaafar Jackson) seiner Superstarrolle zwar zunehmend bewusst, aber trotz gigantisch erfolgreicher Solo-Alben schafft er es zunächst weiterhin nicht, sich von seinem Vater und seinen Geschwistern zu emanzipieren. Stattdessen errichtet er sich in seinem an Peter Pan und Alice im Wunderland erinnernden Jugendzimmer ein kindliches Refugium, das er zudem mit allerlei ungewöhnlichen Haustieren – vom Lama über eine Giraffe bis zu seinem Schimpansen Bubbles – bevölkert. Erst als Michael den Musikmanager John Branca (Miles Teller) kennenlernt, entwickelt er endlich genug Selbstbewusstsein, um seinen eigenen Weg zu gehen. Aber dann kommt es beim Dreh für einen Pepsi-Werbespot zur Katastrophe …

Fast ein Doppelgänger

Von seinen ersten Auftritten mit fünf Jahren bis zu seinem verfrühten Tod mit 50: Im Leben von Michael Jackson ist viel zu viel passiert, um es in einen einzelnen Film zu packen – zumal „Michael“ mit „nur“ 127 Minuten für dieses Genre sogar vergleichsweise „kurz“ geraten ist. So machte zwischendurch bereits das Gerücht die Runde, dass eine erste Schnittfassung des Films mehr als vier Stunden lang gewesen sein soll. Also ergibt es – auch unabhängig von eventuellen juristischen Problemen – absolut Sinn, sich in „Michael“ zunächst einmal auf die Zeit von 1963 bis 1987 zu konzentrieren. Allerdings wird der so gewonnene Fokus nicht etwa genutzt, um tiefer auf die Figuren und ihre Dynamiken einzugehen. Stattdessen stehen voll und ganz die Auftritte von Michael Jackson – als Teil der Jackson 5 und als Solokünstler – im Vordergrund, wobei die Performances in vielen Fällen ungewöhnlich lange gezeigt werden.

Ganz egal, ob das jetzt daran liegt, dass sonst einfach nicht genügend Material da gewesen wäre, um auch einen „halben Film“ auf Spielfilmlänge zu strecken, oder ob es ohnehin immer so geplant war: Vor allem dank Jaafar Jackson sind gerade die Musiksequenzen unbedingt sehenswert! Der Sohn von Michael Jacksons Bruder Jermaine ist seinem berühmten Onkel nicht nur wie aus dem Gesicht geschnitten, auch seine Moves sorgen immer wieder für gehöriges Staunen. Im Gegensatz zu Taron Egerton in „Rocketman“ oder Timothée Chalamet in „Like A Complete Unknown“ singt Jaafar Jackson nur in leiseren Momenten oder Probeszenen selbst, während bei den Stadionauftritten – vergleichbar mit „Bohemian Rhapsody“ oder „I Wanna Dance With Somebody“ – die ohnehin unerreichbare Originalstimme von Michael Jackson aus den Boxen donnert. Aber auch wegen des gigantischen Produktionsaufwands ist das Ergebnis trotzdem berauschend, ein noch gewaltigeres Imitations-Spektakel scheint kaum vorstellbar.

Bei der Ausstattung wurde auf jedes Detail geachtet: Der Dreh des ikonischen Thriller-Kurzfilms mit tanzenden Zombies ist auch in „Michael“ ein absolutes Highlight! Universal Pictures
Bei der Ausstattung wurde auf jedes Detail geachtet: Der Dreh des ikonischen Thriller-Kurzfilms mit tanzenden Zombies ist auch in „Michael“ ein absolutes Highlight!

Der Vater ist böse, die Mutter eine Heilige – und wenn sie sich endlich gegen ihren Mann erhebt, gibt es den langersehnten kathartischen Szenenapplaus. Dazu noch ständige Anspielungen auf Peter Pan im Nimmerland – und damit ist dann die Person Michael Jackson auch schon durchpsychologisiert. Und weil es auch nicht zu düster werden soll, läuft nach einem besonders intensiven Moment mit dem Vater einfach eine Giraffe am Fenster im ersten Stock vorbei, dann ist sofort wieder gute Laune – wobei wir darüber gar nicht groß meckern wollen, denn vor allem die erfreulich großzügig eingestreuten Auftritte des (computergenerierten) Schimpansen sind wirklich wahnsinnig süß. Ansonsten merkt man aber eben auch, wer hier das Sagen hatte: Sein langjähriger Anwalt und Berater John Branca kontrolliert seit Jacksons Tod im Jahr 2009 auch seinen Nachlass – und wird von Miles Teller („Top Gun 2“) nun als dermaßen genialer Strippenzieher porträtiert, dass es schon fast etwas unfreiwillig Komisches an sich hat.

Dass auch die ambivalenteren Seiten von Jackson selbst (eine mögliche Medikamentenabhängigkeit wird zumindest minimal angedeutet) bislang weitestgehend ausgespart werden, lässt sich hingegen noch damit erklären, dass der Film eben schon 1987 endet. Da wird es wahnsinnig spannend sein zu sehen, ob die Erben in einem möglichen „Michael 2“ wirklich grünes Licht geben, so manches Thema mit ein wenig mehr Ambivalenz und Ernsthaftigkeit zu behandeln. Bis dahin aber sollte man sich nur bewusst sein, was man hier bekommt: Eine simpel gestrickte, aber mit unglaublichem Produktionsaufwand umgesetzte Leinwand-Hagiografie, die zumindest Fanherzen höher schlagen lässt, während das restliche Publikum vermutlich hinterher auch nicht viel schlauer ist, aber dafür gut zwei Stunden hindurch mit reichlich Ausstattungs-Bombast und wiedererkennbar-ikonischen Momenten im Minutentakt zumindest solide unterhalten wurde.

Fazit: Als ultimatives Lip-Sync-Spektakel mit gewaltigen Schauwerten fährt „Michael“ wirklich alles auf, was man sich als Fan nur wünschen kann. Damit steht endgültig außer Frage, dass der Film einen gigantischen Haufen Geld in die weltweiten Kinokassen spülen – und damit ziemlich sicher auch noch einen zweiten Teil nach sich ziehen – wird. Darüber hinaus huscht das hochglänzende Biopic über die meisten Stationen der ersten Hälfte der Superstarkarriere aber eher oberflächlich hinweg.

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