Der brutalste indische Film aller Zeiten
Von Thorsten HanischSein Ruf ist „Marco“ weit vorausgeeilt und hat in seinem Entstehungsland vergangenes Jahr für randvolle Kassen gesorgt: Der Rache-Reißer von Haneef Adeni gilt als brutalster indischer Film aller Zeiten – und gleich am Anfang macht eine Schrifttafel unmissverständlich klar, dass der Film explizite Gewalt gegen Frauen, Kinder und Schwangere enthält, was für einige Zuschauer verstörend oder belastend sein könnte. Deswegen solle man selbst entscheiden, ob man den Film wirklich anschauen oder lieber rechtzeitig den Saal verlassen möchte.
Die Warnung ist durchaus angebracht, denn „Marco“ ist tatsächlich nicht ohne: Es kommen Säurebäder, Kettensägen, Schrotflinten, Schwerter und Messer zum Einsatz, einem Hund wird das Maul auf- und einer Schwangeren der Fötus rausgerissen, ein Kind wird erhängt und einem weiteren in einer zeigefreudigen Szene mit einer riesigen Gasflasche das Gesicht eingeschlagen. Das 142-minütige Metzel-Epos liefert auf allen Ebenen, wirkt aber auch dank der völligen Überinszenierung, die ihre Titelfigur zum nahezu mythischen Über-Über-Übermacho aufbläst und sich ansonsten vor allem drauf konzentriert, pausenlos „coole“ Bilder abzuliefern, die nahezu pausenlos mit „coolen“ Pop-/House-Tracks zugeschmiert werden, einfach nur zynisch und dumpf.
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Der blinde Victor (Ishan Shoukath) wird Zeuge, wie sein Freund Wasim (Bashid Basheer) ermordet wird. Victor ist zwar blind, verfügt aber über einen ausgezeichneten Geruchs- und Tastsinn und kann deswegen den Mörder identifizieren, der mit Taariq (Arjun Nandhakumar), Wasims Bruder, unter einer Decke steckt. Russell (Abhimanyu Shammy Thilakan), der Killer, entführt Victor und tötet auch diesen. Doch Victor ist der Bruder von George D’Peter (Siddique), dem Oberhaupt der Adattu Familie, einem bekannten Verbrecherclan. Und der ist nicht nur tief vom Verlust getroffen, sondern hat einen adoptierten Bruder, Titelfigur Marco (Unni Mukundan), der nach der Nachricht von Victors Tod nach Indien zurückkehrt und schwört, absolut jeden, der in die Tat verwickelt ist, ins Jenseits zu schicken.
Währenddessen fädelt Tony Isaac (Jagadish), Chef eines Goldschmugglersyndikats und Vater von Russell, einen dubiosen Deal mit D’Peter ein, doch der fällt Isaacs Handlanger Devaraj (Anson Paul) zum Opfer. Er überlebt den Anschlag zwar, aber Marco ist jetzt noch wütender und holt zum blutigen Gegenschlag aus, als er und seine rechte Hand Anwar (Shaji Shahid) von Russell und seinen Schergen entführt werden. Doch bald erfährt er, dass Victors Frau Isha (Durva Thaker) schwanger ist und von Tony entführt wurde. Der wiederum verlangt für ihre Freilasssung, dass das ganze Goldbusiness der Adattus ihm überschrieben wird, worauf Marco Devaraj entführt, foltert und so aus ihm herauspresst, dass Isha in Tonys Gasthaus gefangen gehalten wird. Marco stürmt daraufhin los und metzelt Tony Schergen nieder, muss dann aber erkennen, dass er in eine Falle gelaufen ist – Isha befindet sich woanders. Daraufhin – ach, es interessiert sowieso niemanden wirklich…
… denn es geht hier letztendlich nur um eins: Gewalt, Gewalt und nochmals Gewalt. Das ganze mühsam aufgebaute Plotkonstrukt, das verzweifelte Bemühen, eine simple Rachegeschichte zum Epos aufzublasen, fällt nach der ersten Stunde, in der Testosteron-Ungeheuer vor allem Sprüche à la „Nur im Krieg liegt die wahre Freiheit. Die Freiheit zu töten” über die Lippen pressen, Intrigen spinnen oder streiten, immer schneller in sich zusammen.
Aber selbst, wenn dann die Action- und Gewaltfrequenz hochgeschraubt wird, wird es nicht wirklich besser – denn allein die Titelfigur ist problematisch. Endcoole Macho-Dudes gab's zwar schon im Actionkino der 1980er-Jahre zuhauf. Aber der charismafreie Marco ist nicht nur so cool, dass ihn selbst das ultragrausame Abschlachten seiner Familie nicht groß mitnimmt, er ist eine Art stets perfekt frisierter Power Ranger im Maßanzug, der sich selbst mit auf den Rücken gefesselten Händen und nur mit einem mit dem Mund festgehaltenen Messer locker und flockig durch Heerscharen an Gegnern kämpft und dessen Tritte die Bösewichte meterweit durch die Gegend segeln lässt.
Die Comichaftigkeit der Figur beißt sich völlig mit dem ansonsten eher geerdeten Tonfall, und beides steht im Kontrast zum total aus dem Ruder laufenden letzten Drittel, in dem es Kinder, Frauen und Schwangeren an den Kragen angeht. Was diese Szenen besonders unappetitlich macht, ist noch nicht mal ihre Drastik, sondern die Tatsache, dass die Figuren keine große Rolle spielen – man erfährt nicht einmal ihre Namen. Marco hat keine Momente mit ihnen, es sind reine Wegwerf-Charaktere, um auf extrem zynische Weise Lust an grausamen Spektakeln zu befriedigen. Der kleine Junge wird lediglich deshalb so explizit getötet, weil man halt zeigen will, wie ein kleiner Junge explizit getötet wird.
Fazit: Der brutalste Film Indiens ist halt auch echt nur das: der brutalste Film Indiens. Gewalt gibt es reichlich, aber sonst fast nichts. Doch selbst wer Gefallen an exzessiven, tabusprengenden Gewaltszenen hat, wird hier nicht wirklich auf seine Kosten kommen, denn die schwache Inszenierung, die 142 Minuten lang einfach alle Knöpfe drückt, nervt schon nach kurzer Zeit.