Hochstapler und Ponys
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Hochstapler und Ponys

So was geht wirklich nur mit absoluter Unabhängigkeit

Von Jochen Werner

„Bond’s Daughter“ heißt der Blockbuster der Saison! Darin geht es um eine einst von 007s ewiger Nemesis Blofeld entwickelte Formel für einen Killervirus, der lediglich Nutztiere befällt und mit einem Schlag der Massentierhaltung ein Ende setzt. „The Future is vegan“, weiß der neue Shootingstar Justine Laser (Kathrin Laser), denn die zeichnet für Regie und Drehbuch des kommenden Megahits verantwortlich. Nun wirbt sie für den veganen Lifestyle in jede Kamera hinein – und spricht schon aus Prinzip nur noch Englisch, selbst wenn sie früher mal „Bambi“ hieß und eigentlich aus Heidelberg stammt. Und auch das mit der Autorschaft kommt nicht so ganz hin, hat doch eigentlich ihr Ex-Freund Casper (Timo Jacobs) das Skript geschrieben und es ihr damals – vor der Trennung und Justines Umzug zu ihrer Tante nach Hollywood – lediglich zum Lesen gegeben. Klar, dass Casper die „veganische“ Currywurst fast im Hals steckenbleibt, als er erfährt, dass „Bond’s Daughter“ tatsächlich abgedreht ist und in Reykjavik mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet werden soll.

Kurzerhand macht sich Casper in Begleitung seines besten Freundes Max (Max Bertani) auf von Berlin nach Island, um seine Verflossene zur Rede zu stellen und den eigenen Namen in den Credits unterzubringen. Vom aalglatten Produzenten Uwe Jordan (Uwe Kamitz) wird Casper jedoch erstmal mit der Hauptdarstellerin Katlyn Cesta (Gaia Arellano Reynoso) auf Tour geschickt, um Justine dann vermeintlich auf der Premierenparty zu treffen, was jedoch durch eine Dosis K.-o.-Tropfen verhindert wird. Als Casper aus der Ohnmacht erwacht, ist Justine längst abgereist – aber das ist noch lange kein Grund aufzugeben, und so nehmen die beiden Freunde direkt das nächste Flugzeug nach Los Angeles. Und dort gerät der dann endgültig außer Rand und Band, denn an jeder Ecke scheinen dort die titelgebenden Hochstapler (und auch ein paar Ponys) zu lauern…

In L.A. warten Casper (Timo Jacobs) und Max (Max Bertani) auf die Rückkehr von Justine – und genießen dabei das gute Wetter in Hollywood. jacobsprod.
In L.A. warten Casper (Timo Jacobs) und Max (Max Bertani) auf die Rückkehr von Justine – und genießen dabei das gute Wetter in Hollywood.

Beim ewigen Rebellen des deutschen Films, Klaus Lemke, trat der Regisseur, Produzent, Hauptdarsteller und Drehbuchautor (diesmal hoffentlich wirklich) von „Hochstapler und Ponys“, Timo Jacobs, in „Träum weiter, Julia!“ erstmals vor die Kamera. Mit Laiendarstellern fernab des üblichen Schauspielschulenhandwerks arbeitete Lemke ja bekanntlich am liebsten – und seine Entdeckung Jacobs verliebte sich dabei so sehr in die Magie des Filmemachens, dass er anschließend im Geschäft blieb: Zwischenzeitlich drehte er so nicht nur mit zahlreichen deutschen Regisseuren wie Thomas Arslan, Christoph Hochhäusler oder RP Kahl, sondern auch mit internationalen Ikonen wie Spike Lee („Buffalo Soldiers ’44 – Das Wunder von St. Anna“) oder Olivier Assayas („Carlos – Der Schakal“).

Seit mehr als einem Jahrzehnt nun setzt Jacobs überdies auch gewissermaßen das Erbe des 2022 verstorbenen Lemke fort, indem er immer wieder auch hinter die Kamera tritt, um kleine, eigensinnige Filme zu drehen, komplett independent. Also auch an der deutschen Filmförderung vorbei, denn die hatte Lemke nämlich einstmals, gern zitiert, für den Tod des deutschen Kinos verantwortlich gemacht. Und tatsächlich mag man sich nicht so recht vorstellen, was von „Hochstapler und Ponys“ noch übriggeblieben wäre, wenn Jacobs das durchaus chaotische Drehbuch erst einmal in ein halbes Dutzend Fördergremien gegeben hätte. Zerpflückt hätte man es sicherlich, wenn nicht sogar direkt als unverständlich und unvermarktbar in den Papierkorb befördert.

Cojak – ohne K, aber mit Lolli

Denn in Jacobs‘ viertem Kinofilm steckt so allerlei drin, was nicht so recht zusammenpasst und es auch gar nicht unbedingt soll. In Hollywood landen Casper und Max in der Villa von Justines Tante, wo sie mit der verantwortungsvollen Aufgabe betreut werden, den titelgebenden Zwergponys, die dort als Haustiere leben, einmal wöchentlich den Anus gründlich zu säubern. Und dann wird Casper auch noch zum Mordverdächtigen, als Katlyn tot aufgefunden wird und der ermittelnde Cop Cojak (Michael Rubin) ihn direkt auf Verdacht mal einbuchtet. Tatsächlich funktioniert nicht alles von diesen ziemlich heterogenen Versatzstücken, und in der zweiten Hälfte schleppt sich „Hochstapler und Ponys“ auch durchaus durch einige Längen gen Ende dahin. Aber trotzdem ist es schön, dass es diesen Film gibt und dass Timo Jacobs ihn genauso gemacht hat, wie er ist.

Überhaupt scheint es ein wenig so, als könnte sich im jahrzehntelang gefühlt kaum noch existenten deutschen Independent-Kino etwas bewegen, von dem Jacobs‘ Lehrmeister Lemke vermutlich lang geträumt hat. So fordert inzwischen auch Dominik Graf, ein weiterer Altmeister des deutschen (TV-)Films, immer wieder vehement ein: Noch nie sei es so einfach und so preisgünstig gewesen, Filme zu drehen, wie heute. Statt auf die langsamen Mühlen und die Gelder des Fördersystems zu warten, solle man doch einfach hinausgehen auf die Straße und drehen, ohne Budget und ohne tausend Genehmigungen, guerilla-style. Nur so könne der frische Wind entstehen, den alle immer im deutschen Kino herbeisehnen.

Haustiere à la Hollywood: Wo ein Schaf und ein Zwergpony gemeinsam Keyboard spielen… jacobsprod.
Haustiere à la Hollywood: Wo ein Schaf und ein Zwergpony gemeinsam Keyboard spielen…

Tatsächlich ist mit Filmen wie diesem, oder auch mit den Kneipen- und Rummelplatzgeschichten eines Dominik Galizia („Rock 'n' Roll Ringo“), derzeit eine Ambition zu spüren, Geschichten von anderen Figuren zu erzählen als die, die wir sonst im deutschen Kino zu sehen bekommen. Ohne Präzedenz sind diese nicht, wir haben sie nur schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr zu sehen bekommen.

So erinnert der lakonische Deadpan-Humor, mit dem Jacobs hier sein dezidiert undynamisches Duo von Konnopke’s Imbissbude über Island nach Hollywood schickt, etwa an die frühen, norddeutschen Komödien eines Detlev Buck, auch wenn sich „Hochstapler und Ponys“ dann eher zur Slackerkomödien-Variation auf RP Kahls kalifornische Kunstkino-Höllenfahrt „A Thought Of Ecstasy“ entwickelt. Und die bleibt am Ende auch in ihren Längen immerhin stets unberechenbar genug, um das Interesse wach zu halten – und die Lust zu wecken, auch in Zukunft immer mal wieder im schrägen Kinokosmos von Timo Jacobs vorbeizuschauen.

Fazit: Nicht alles an der vierten Regiearbeit des Independent-Regisseurs Timo Jacobs geht wirklich auf, aber das ist man diesem oft lustigen und spürbar mit viel Herzblut und Kinoliebe inszenierten Film unbedingt zu verzeihen bereit. Auf den Spuren von Klaus Lemke und Detlev Buck schickt Jacobs ein Slacker-Duo auf eine lakonische Weltreise von Berlin über Reykjavik bis Hollywood, streift unterschiedliche Genres und nimmt sich vielleicht etwas zu viel Zeit dafür. Aber es ist gut, dass es im deutschen Kino Filme wie diesen gibt, und viele Menschen sollten ihn sehen.

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