Almodóvar kehrt in seinen ureigenen Kosmos zurück
Von Ulf LepelmeierNach seinem ersten englischsprachigen Langfilm „The Room Next Door“ (Goldener Löwe in Venedig) kehrt der Meisterregisseur Pedro Almodóvar („Sprich mit ihr“) in seine Heimat zurück – und richtet den Blick dabei konsequent auf sich selbst: „Bitteres Fest“ bietet nach dem autobiografischen Drama „Leid und Herrlichkeit“ erneut ein selbstreflexives Spiel, verlagert den Fokus jedoch von Almodóvars Lebensgeschichte hin zu seinem Künstlerdasein. Kunstvoll verschachtelt und bewusst melodramatisch entfaltet sich ein Drama, das selbst dann fasziniert, wenn es Gefahr läuft, sich in seiner eigenen Konstruktion zu verlieren. Während Almodóvar in einzelnen Szenen mit einer schonungslosen Auseinandersetzung mit dem eigenen Kreativprozess überzeugt, entfaltet die eigentliche Geschichte emotional nur begrenzte Wirkung, was auch an der filmischen Versuchsanordnung liegt, die sich an den dabei entstehenden Drehbüchern entlanghangelt.
Der erfolgreiche Regisseur Raúl (Leonardo Sbaraglia) kommt nur schleppend mit seinem neuen Drehbuch mit dem Arbeitstitel „Bitteres Fest“ voran. Das noch unvollendete Skript spielt im Jahr 2004 und erzählt von Elsa (Bárbara Lennie), einer einst gefeierten Filmemacherin, die in der Werbung gelandet ist und mit ihrem fürsorglichen Partner Bonifacio (Patrick Criado), einem Feuerwehrmann und Stripper, zusammenlebt. Nach dem Tod ihrer Mutter vor einem Jahr hat sie sich in die Arbeit gestürzt und leidet zunehmend unter psychischen und körperlichen Beschwerden. Aufgrund einer Panikattacke beschließt Elsa, sich eine Auszeit zu gönnen und reist mit ihrer Freundin Patricia (Victoria Luengo) und deren Kind nach Lanzarote. Dort beginnt sie wieder an einem schon lange herumliegenden Drehbuch zu arbeiten, wobei sich die Ebenen von Erlebtem und Erdachtem zunehmend überlagern …
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Inwieweit darf sich Kunst aus (fremden) Lebensgeschichten bedienen? Und wann wird Inspiration zur Aneignung oder vielleicht sogar zur Ausbeutung? Schon in „Leid und Herrlichkeit“ warf die von Julieta Serrano („Matador“) verkörperte Mutter ihrem Sohn vor, ihr Leben und das ihrer Nachbarinnen in seine Drehbücher transformiert zu haben. „Bitteres Fest“ greift diesen Gedanken nun auf und treibt ihn auf die Spitze, indem der kreative Prozess selbst als Form des „Vampirismus“ erscheint. Ein weiteres Mal verhandelt Pedro Almodóvar also seine eigene Rolle als Künstler, diesmal jedoch radikaler fragmentiert. Mit Raúl und Elsa etabliert er gleich zwei Alter Egos, durch die sich der Film wie eine Matroschka aus (Drehbuch-)Realitäten entfaltet. Diese Konstruktion ist jedoch kein Mittel zum Zweck, sondern der eigentliche Kern des Films.
„Bitteres Fest“ interessiert sich weniger für eine klassische Geschichte als für die Bedingungen seines eigenen Entstehens sowie die Frage, woher die Ideen eigentlich kommen. Leonardo Sbaraglia („Wild Tales“) verkörpert Almodóvars Stellvertreter – quasi als Gegenstück zu Antonio Banderas’ Regisseur-Figur in „Leid und Herrlichkeit“ – mit einer überzeugenden Mischung aus Kontrolle und Brüchigkeit. „Bitteres Fest“ springt dabei zwischen Raúls realem Leben und der auf seinem Laptop entstehenden Drehbuchrealität hin und her. Er beginnt zu tippen und die Szenerie wechselt zu Bárbara Lennie („Offenes Geheimnis“), während noch eine von Raúls Textzeilen farblich hervorgehoben eingeblendet wird. Lennie verkörpert das zweite Alter Ego des Regisseurs dabei mit einer zurückgenommenen Präsenz, die den inneren Druck ihrer durch extreme Kopfschmerzen und Trauer gezeichneten Figur jederzeit durchscheinen lässt.
Die verschachtelte Struktur und die farbenfrohen Kostüme, die im krassen Kontrast zu den Landschaften Lanzarotes stehen, erinnern an Almodóvars „Zerrissene Umarmungen“. Aber wo in diesem das Filmemachen noch als emotionales Spiel entlarvt wurde, widmet sich das Drehbuch-im-Drehbuch-Konstrukt nun dem kreativen Entstehungsprozess vor dem eigentlichen Dreh. Die verschlungene Geschichte erschließt sich erst nach und nach. Mitunter verliert sich „Bitteres Fest“ in seiner eigenen Struktur, etwa mit Szenen, die die Story kaum voranbringen. Außerdem neigt Almodóvar dazu, bereits etablierte Gedanken zu wiederholen, was der narrativen Dynamik nicht guttut.
Der Auftritt der Sängerin Amaia Romero, die sich selbst verkörpert und Elsa und Bonifacio einen Song von Almodóvars Muse Chavela Vargas vorsingt, ist für sich genommen berührend, bleibt jedoch erzählerisch folgenlos. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, ohne dass sie wirklich notwendig wären. Auch Nebenstränge, wie eine lange Stripszene Bonifacios vor johlenden Frauen oder die kurzen amüsanten Auftritte von Rossy de Palma („Kika“) und Carmen Machi („Volver“), wirken eher wie Verweise auf frühere, verspielt-frivole Filme Almodóvars. Selbst das titelgebende Weihnachtsmotiv bleibt rein funktional, denn es hat vor allem den Zweck, eine ärztliche oder psychologische Konsultation zu erschweren.
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In einem Streitgespräch zwischen Raúl und Mónica verdichtet sich der zuvor eher lose erzählte Film schließlich zu einem klaren Gedankenkonstrukt. Alles läuft auf diese zentrale Dialogszene zu, die den Film trägt und in der vor allem Aitana Sánchez-Gijón („Parallele Mütter“) schauspielerisch auftrumpft. Die Sequenz mutet dabei wie ein direktes, schonungsloses Zwiegespräch des Regisseurs mit sich selbst an. Diese Selbstbefragung verleiht dem zuvor Gesehenen im Nachhinein Substanz.
Ansonsten bleibt sich Almodóvar auch in seinem mittlerweile 24. Langfilm stilistisch treu: präzise komponierte Bilder, satte Farben, eine ausgeprägte Liebe zu Interieurs. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass diese Mittel zunehmend selbstreferenziell eingesetzt werden, fast so, als stamme der Film aus einem abgeschlossenen Almodóvar-Kosmos. So scheinen sich auch die Figuren in einer fast hermetischen Welt aus Schmerz und emotionaler Überforderung zu bewegen, die kaum noch Verbindungen nach außen zulässt.
Fazit: „Bitteres Fest“ kreist in einem verschachtelten Drehbuch-im-Drehbuch-Konstrukt um den Vampirismus der Autofiktion sowie die Angst vor kreativer Erschöpfung eines alternden Künstlers. In seinem selbstreflexiven Werk interessiert sich Pedro Almodóvar weniger für große Konflikte oder überraschende Wendungen als für die fragile Beziehung zwischen Leben und Kunst sowie die ihn umtreibende Sorge, irgendwann nichts mehr erzählen zu können. Das ist visuell durchgestylt und wird von starken Einzelszenen getragen, wirkt mitunter aber zu sehr in sich gekehrt und unfertig – wie auch das im Film entstehende Skript selbst. In dem etwas verkopft daherkommenden Alterswerk vermisst man die große Dringlichkeit und emotionale Wucht, mit denen der spanische Regiemeister noch vor wenigen Jahren in „Leid und Herrlichkeit“ aufgetrumpft hat.