Normal
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Normal

Bob Odenkirk wird endgültig zum neuen Liam Neeson

Von Oliver Kube

Seit Jahren redet der erst im Rentenalter zum Actionhelden mutierte Liam Neeson in Interviews davon, seine Knarren an den Nagel zu hängen, um sich wieder vor allem körperlich leichter zu bewältigender Materie widmen zu können. Allerdings war mit dem unfreiwilligen Ausscheiden von Bruce Willis und dem auf absehbare Zeit wieder mit großen Regiearbeiten beschäftigten Mel Gibson lange kein gleichwertiger Nachfolger für das – vor allem dank der Auftritte des Nordiren – mittlerweile erstaunlich populäre Ü60-Subgenre der handfest-hemdsärmeligen Kinounterhaltung in Sicht.

Doch der als Komiker gestartete, dann als Theatermime etablierte und als Charakterdarsteller in „Breaking Bad“ sowie dessen Spin-off „Better Call Saul“ zum Serienhelden avancierte Bob Odenkirk hat kürzlich mit „Nobody 1+2“ eindrucksvoll angedeutet, dass er auch dieses Sujet beherrscht. Mit „Normal“ von „Free Fire“- und „Meg 2“-Regisseur Ben Wheatley liefert er dafür den endgültigen Beleg – Mr. Neeson könnte sich jetzt durchaus seinen Wunsch erfüllen!

Während die allermeisten Neeson-Reißer arg grimmig und staubtrocken daherkommen, bietet der von „John Wick“-Erfinder Derek Kolstad geschriebene Thriller allerdings eine große Portion pechschwarzen Humors. Diese locker und flüssig in den überdrehten Wahnsinn aus Ballerei und Explosionen eingestreuten Einlagen helfen dem Publikum dabei, das recht brutale Szenario und die sich darin bewegenden, routinemäßig überzeichneten Figuren besser verdauen zu können.

Gesetzeshüter Ulysses Richardson (Bob Odenkirk) erhofft sich von seinem neuen Posten in der US-Kleinstadt Normal vor allem, endlich seine Ruhe zu haben. LEONINE
Gesetzeshüter Ulysses Richardson (Bob Odenkirk) erhofft sich von seinem neuen Posten in der US-Kleinstadt Normal vor allem, endlich seine Ruhe zu haben.

Normal im US-Bundesstaat Minnesota scheint eine typische Kleinstadt zu sein. Die Hauptstraße wird von ein paar Geschäften umsäumt: ein Eisenwarenhändler, ein Laden für Handarbeitsutensilien, eine Kneipe, ein Diner und eine Bank. Alles ganz, ähem, normal. Und auch die Bewohner machen keinen außergewöhnlichen Eindruck – die meisten von ihnen sind sogar ausgesprochen freundlich. Nachdem der lokale Sheriff bei einem nächtlichen Ausflug zum Eisfischen verstorben ist, kommt der erfahrene Gesetzeshüter Ulysses Richardson (Bob Odenkirk) von auswärts, um den Posten bis zur Wahl eines Nachfolgers aushilfsweise zu übernehmen.

Dass in dem Kaff rein gar nichts zu passieren scheint, ist dem gutmütigen, aber noch immer mit einem traumatischen Ereignis in seiner Vergangenheit und dem darauf folgenden Zerbrechen seiner Ehe kämpfenden Mann mehr als recht. Doch der idyllische Eindruck trügt. Als das Geldinstitut von einem Verbrecherpärchen (Reena Jolly und Brendan Fletcher) auf der Durchreise überfallen wird, kommt Ulysses nämlich einer massiven Verschwörung auf die Spur. In diese scheint die gesamte Gemeinde involviert zu sein – vom Bürgermeister (Henry Winkler) über den Arzt (David Lawrence Brown) und die Barkeeperin (Lena Headey) bis zu seinen eigenen Deputys (Billy McLellan und Ryan Allen).

"Fargo" trifft auf "John Wick"

„Normal“ startet mit einem sehr harschen und blutigen, komplett in japanischer Sprache gehaltenen Einstieg, der den einen oder die andere Kinobesucher*in zunächst zweifeln lassen dürfte, ob er oder sie im richtigen Saal sitzt. Was danach kommt, ließe sich etwas plakativ als „‚Fargo‘ trifft John Carpenters ‚Assault – Anschlag bei Nacht‘“ oder „Edgar WrightsHot Fuzz‘ trifft Ben Wheatleys eigenen ‚Free Fall‘ und natürlich ‚John Wick‘“ umschreiben.

Der titelgebende Hauptschauplatz bietet ein verschneites Szenario für die die zweite Hälfte des Films dominierenden, überdrehten Action-Sequenzen mit Kugelhagel und Explosionen galore. Brutale Gangster sind dabei, ebenso wie eine schräge, von Korruption unterlaufene Polizeitruppe. Dazu gibt es bissig-schwarzen Humor in Verbindung mit einigen WTF-Momenten rund um einen sympathischen Jedermann, der eigentlich nur seinen Job machen will. Doch dann muss er auf einmal über sich hinauswachsen, um in dem über ihn und seine temporäre neue Heimat hereinbrechenden Chaos überhaupt eine Chance aufs Überleben zu haben. Und plötzlich ergibt auch die am anderen Ende der Welt spielende Eröffnungsszene einen Sinn. Die Prämisse ist trotz der vielen Referenzen und Parallelen zu anderen Titeln letztlich sogar durchaus clever und recht originell.

Bald wird in dem einst so verschlafenen Nest aus allen Rohren gefeuert. LEONINE
Bald wird in dem einst so verschlafenen Nest aus allen Rohren gefeuert.

Spätestens im letzten Drittel der Laufzeit, wenn der Streifen in den Overdrive schaltet, wird eines klar: Der auch schon für die „Nobody“-Reißer mit Bob Odenkirk verantwortliche Drehbuchautor/Produzent Derek Kolstad und sein Regisseur waren sich jederzeit über die Absurdität des von ihnen präsentierten Spektakels im Klaren. Deshalb haben sie den Film von Anfang an zwar mit einer gewissen Leichtigkeit, aber auch mit genügend Ernsthaftigkeit versehen, damit das Publikum selbst während der richtig auf die Pulp-Kacke hauenden Passagen (Stichwort: Fleischklopfer und/oder Granatwerfer) noch emotional involviert bleibt.

Dabei hilft sehr, dass der bei den meisten Einstellungen im Mittelpunkt stehende, auch am Drehbuch beteiligte Hauptdarsteller seine Figur authentisch und bodenständig anlegt. Sein Ulysses ist weder ein supercooler, unfehlbarer Held wie Neeson noch eine durch nichts zu erschütternde Killermaschine à la Keanu Reeves. Stattdessen zögert der Typ schon mal, zu schießen – selbst dann, wenn er in höchster Gefahr schwebt. Und er kann sich auch irren oder im Eifer des Gefechts eine dumme Entscheidung treffen – so wie er in seiner Vergangenheit bereits Fehler gemacht hat, an denen er, wenn er mit sich allein ist, noch immer mächtig knabbert.

Bei allem Spaß gibt es auch ein paar Wermutstropfen

Diese Charaktereigenschaften lassen die für Ulysses haarigen Momente deutlich intensiver wirken und uns ihm die Daumen drücken. Denn er mag ein gebrochener Mann sein, ist aber dennoch entschlossen, zumindest zu versuchen, das Richtige zu tun. Diese Qualität zeigt sich auf tatsächlich berührende Weise, wenn Ulysses sich um Alex (Jess McLeod aus „It's A Wonderful Knife“), die Tochter seines auf dubiose Weise verblichenen Vorgängers, bemüht. Die vom Verlust ihres Vaters und ihrer eigenen Historie als Elitesoldatin schwer getroffene junge Frau ist eigentlich bereit, aufzugeben. Doch Ulysses' Umgang mit seinem Schicksal in Kombination mit seiner Wärme und Menschlichkeit inspiriert sie, sich wieder aufzurichten und ihm im aussichtslos erscheinenden Kampf gegen das, was in Normal abgeht, beizustehen.

Leider gibt es bei all den positiven Punkten auch ein paar etwas sauer aufstoßende Aspekte an „Normal“. So ist es schade, dass einige der großen Action-Szenen im wahrsten Sinne unterbelichtet sind und wir im Dunkeln nur schemenhaft erkennen können, was in diesen Momenten passiert. Zudem gibt es ein paar zu viele dünn gezeichnete Nebenfiguren. Beispiele dafür sind die von „Game Of Thrones“-Star Lena Headey verkörperte Barbesitzerin oder das die Handlung überhaupt erst in die Gänge bringende Bankräuber-Paar. Und auch wenn die Sequenzen, die die seltsame Ausgangsstimmung in der Stadt zeigen sollen, durchaus spaßig sind, dauert es doch ein wenig lange, bis es endlich mit der echten Action losgeht. Diese kleinen Fehler ändern aber nichts daran, dass „Normal“ ein unterhaltsamer Film ist, der neben einigen coolen Ideen vor allem von der Leistung seines Hauptdarstellers lebt. So wäre ein Sequel durchaus wünschenswert – zumal es hier gleich mehrere inhaltlich sinngebende Möglichkeiten für ein solches (oder gar ein ganzes Franchise) gäbe.

Fazit: „Better Call Saul“-Star Bob Odenkirk etabliert sich mit diesem Crime-Kracher endgültig als Ü60-Actionheld. Während um ihn das ballernde und detonierende Chaos losbricht, bleibt sein Protagonist immer authentisch und sympathisch. Diese clever austarierte Melange aus überbordendem Wahnsinn und trocken-humoriger Bodenständigkeit macht Laune und darf gern fortgesetzt werden.

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