Sundays
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Sundays

Der Gewinner der Goldenen Muschel!

Von Ulf Lepelmeier

Coming-of-Age-Stoffe von „Lady Bird“ bis „Unorthodox“, die in einem religiös geprägten Umfeld spielen, folgen oft einem vertrauten Muster: Die jungen Protagonist*innen beginnen, die (religiösen) Regeln zu hinterfragen, wollen sich ausprobieren und stehen irgendwann vor der Entscheidung, ob sie den Ausbruch wagen sollten. Der preisgekrönte „Sundays“ geht hingegen genau den entgegengesetzten Weg. Denn hier geht es gerade nicht um ein Ausbrechen, sondern um die bewusste Hinwendung zu einem streng gläubigen Leben. Die 17-jährige Protagonistin konfrontiert ihre Familie mit dem Wunsch, in einen Konvent einzutreten und Nonne zu werden.

Für ihre Angehörigen kommt das völlig überraschend und wirft Fragen auf. Treibt sie tatsächlich eine religiöse Berufung an, oder steckt womöglich der (übergriffige) Einfluss ihrer christlichen Schule dahinter? Regisseurin Alauda Ruiz de Azúa, die nach ihrem Debüt „Lullaby“ und der Serie „Querer – Hinter verschlossenen Türen“ erneut ein familiäres Spannungsfeld in den Mittelpunkt stellt, interessiert sich dabei wenig für eindeutige Antworten. Stattdessen geht es um die Dynamiken, die der unerwartete Entschluss auslöst. Ihre Inszenierung bleibt bewusst zurückhaltend und richtet den Blick präzise auf die Reaktionen innerhalb der Familie.

Hat Ainara (Blanca Soroa) die Entscheidung für ein religiöses Leben als Nonne wirklich völlig frei getroffen? MFA
Hat Ainara (Blanca Soroa) die Entscheidung für ein religiöses Leben als Nonne wirklich völlig frei getroffen?

Nach einem Ausflug mit ihrem Schulchor in ein Kloster fasst die 17-jährige Ainara (Blanca Soroa) den Entschluss, selbst Nonne zu werden. Ihr alleinerziehender Vater Iñaki (Miguel Garcés) äußert zwar zunächst Bedenken, akzeptiert aber alsbald ihren Wunsch, im Konvent zu leben, als Ausdruck ihres freien Willens. Insbesondere ihre Tante Maite (Patricia López Arnaiz) reagiert hingegen mit wachsendem Unverständnis.

Für sie ist Ainara noch viel zu jung für eine so weitreichende Entscheidung. Sie vermutet eine starke Einflussnahme durch die katholische Schule sowie durch den jungen Vertrauenslehrer und Priester Txema (Víctor Sainz). Deshalb versucht sie, Ainara von ihrem Vorhaben abzubringen. Innerhalb der Familie prallen die unterschiedlichen Vorstellungen über Lebenswege und Glaubensansätze immer stärker aufeinander …

Haufenweise Preise gewonnen

Alauda Ruiz de Azúa inszeniert zurückgenommen und erklärt ihre Protagonistin weder zur Fanatikerin noch zur Verführten. Ainara wird vielmehr zur Projektionsfläche für die Zweifel der Familie. Ohne dramatische Zuspitzungen oder melodramatische Überhöhungen setzt „Sundays“ stattdessen auf ruhige Einstellungen sowie eine konzentrierte Figurenführung – und wurde dafür auf Anhieb mit der Goldenen Muschel, dem Hauptpreis beim renommierten San Sebastián International Film Festival, ausgezeichnet. Später kamen dann noch fünf spanische Filmpreise hinzu, darunter auch der Goya für den besten spanischen Film des Jahres. Die einschneidende Lebensentscheidung der 17-Jährigen scheint dabei nicht auf einem langsamen Prozess, sondern auf einer starken Eingebung zu beruhen.

Newcomerin Blanca Soroa spielt Ainara als stilles, zurückhaltendes Mädchen, das eine erstaunliche Klarheit über ihren Lebensweg entwickelt. Sie ist kein klassischer rebellischer Teenager, vielmehr scheint sie in ihrem Glauben etwas zu finden, das ihr zuvor gefehlt hat. Gerade in den Gesprächen über ihre neu entdeckte Spiritualität wirkt sie lebendiger, stellenweise fast befreit. Ob Ainaras Entschluss Ausdruck von Selbstbestimmung, spiritueller Eingebung oder Indoktrinierung ist, bleibt offen. Zwar bilden die katholische Schule und der junge Priester einen Kontext, der Zweifel zulässt, doch Ruiz de Azúa verzichtet auf eine klare Anklage oder eine eindeutige Erklärung.

Die Mitglieder ihrer Familie reagieren völlig verschieden auf Ainaras Wunsch, Nonne zu werden.  MFA
Die Mitglieder ihrer Familie reagieren völlig verschieden auf Ainaras Wunsch, Nonne zu werden.

Vor allem die Figur der Tante Maite verleiht dem Film eine emotionale Schärfe. Sie fungiert als Gegenpol zu Ainaras Wunsch, die Familie zu verlassen und ins Kloster einzutreten, ohne je zur bloßen Gegenspielerin zu werden. Ihr Widerstand ist nicht ideologisch, sondern zutiefst persönlich; er speist sich aus echter Sorge. Patricia López Arnaiz („20.000 Arten von Bienen“) spielt Maite mit großer Präzision und einer Präsenz, die die Figur greifbar macht.

Ihre Figur pendelt zwischen rationalem Zweifel und emotionaler Überforderung, zumal ihr eigenes Leben mit ihrem Ehemann gerade in einer schwierigen Phase steckt. In ihren vehementen Reaktionen wird spürbar, wie sehr sie um das Wohlergehen ihrer Nichte ringt und zugleich mit eigenen, ungelösten Konflikten hadert. Besonders eindrücklich zeigt sich das in ihrer Begegnung mit der Mutter Oberin des Konvents: Trotz höflicher Worte tritt das gegenseitige Unverständnis klar zutage. Hier verdichtet sich das zentrale Spannungsfeld zwischen zwei Lebensentwürfen, die sich kaum miteinander vereinbaren lassen.

Spannende Gegensätze auch beim Musikeinsatz

Der Einsatz des Songs „Quédate (BZRP Music Sessions, Vol. 52)“ ganz zu Beginn des Films bildet einen bewussten Kontrast zur ansonsten reduzierten Klanggestaltung, die sich weitgehend auf die Chorgesänge der Schüler*innen und der Nonnen beschränkt. In einer besonders eindrücklichen Sequenz klingt der Gesang einer zuvor eingefangenen Chorprobe weiter, während man die Jugendlichen im flackernden Licht ausgelassen auf einer Party tanzen sieht. Für einen Moment verschränkt sich die christliche Musik mit der Alltagswelt der Jugendlichen. Da scheint die Unbeschwertheit der Jugend durch, die Ainara bereit ist, hinter sich zu lassen.

Das Leben im Konvent wird dabei nicht romantisiert, sondern als strenger, klar strukturierter Alltag gezeigt: Gebet, Arbeit, Gemeinschaft, aber auch ein abgeschottetes Leben und bewusster Verzicht. Dass Ainara all das bewusst wählt, macht ihre Entscheidung umso radikaler. Letztlich geht es der Regisseurin aber nicht nur um Religion, sondern auch um (familiäre) Beziehungen und deren Belastbarkeit. Wie geht man mit einer Entscheidung um, die man zutiefst ablehnt, aber (womöglich) dennoch respektieren sollte? Und wie hält man an einer Beziehung fest, wenn man den Weg des anderen einfach überhaupt nicht mehr nachvollziehen kann?

Fazit: „Sundays“ ist ein ruhiges, präzise inszeniertes Familiendrama mit einem ungewöhnlichen Coming-of-Age-Thema. Alauda Ruiz de Azúa interessiert sich vor allem für die emotionalen Konflikte, die die radikale Lebensentscheidung der 17-jährigen Protagonistin sowohl in ihr selbst als auch in ihrem Umfeld auslöst. Dabei überzeugt insbesondere Patricia López Arnaiz als besorgte Tante mit immenser Präsenz im insgesamt starken Ensemble. Die ambivalente Schilderung und die feinen, zurückhaltenden Beobachtungen schaffen zwar eine gewisse Distanz, machen zugleich aber auch den besonderen Reiz des Goya-Gewinners 2026 aus.

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