Mit dem Holzhammer
Von Björn BecherDie Katastrophe von Heysel am 29. Mai 1985 am Rande des Europapokal-Finales der Landesmeister zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin gilt als einer der dunkelsten Momente der Fußballgeschichte. Kurz vor Anpfiff kam es nach Ausschreitungen zu einer Massenpanik, bei der 39 Menschen starben und hunderte teils schwer verletzt wurden. Die Verantwortung wurde schnell allein den Fans zugeschoben. Englische Fußballvereine wurden sogar für Jahre von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Erst in der weiteren Aufarbeitung zeigte sich, dass die Schuldfrage deutlich komplexer war. Gewaltbereite und stark alkoholisierte Hooligans trafen auf ein baufälliges, für dieses Spiel komplett ungeeignetes und zudem überfülltes Stadion. Dazu kam ein völliges Versagen der lokalen Behörden im Vorfeld und während der Ereignisse selbst.
Die aus dem Dokumentargenre stammende Regisseurin Teodora Ana Mihai („Waiting For August“) stellt in ihrem Spielfilm-Drama „Heysel 85“ die schrecklichen Ereignisse auf den Tribünen nicht nach. Stattdessen integriert sie originale Archivaufnahmen zwischen die fiktionalisierten Szenen, die sich größtenteils in den Stadionkatakomben abspielen. Aus zwei unterschiedlichen Einzelperspektiven, in denen jeweils eine professionelle und eine persönliche Agenda aufeinandertreffen, versucht sie, die emotionale Wucht der Tragödie zu vermitteln. Das ist eine interessante Idee, die aber auf ganzer Linie scheitert – und das nicht nur, weil Mihai unglaublich platt und mit dem Holzhammer vorgeht. Mit der fiktionalisierten, grotesk überzeichneten Figur des Brüsseler Bürgermeisters erweist sie sich zudem einen gewaltigen Bärendienst.
Menuetto / Toon Aerts
Die schrecklichen Geschehnisse verfolgen wir in „Heysel 85“ vor allem durch die Augen von Marie Dumont (Violet Braeckman). Sie ist die Tochter und Pressesprecherin des Brüssler Bürgermeisters Marc Dumont (Josse De Pauw). Gespannt begleitet sie, wie sich ihr alkoholkranker Vater als großer Gastgeber des wichtigsten Fußballspiels des Jahres aufführt. Später ist sie ebenso nah dran, als nach einer Panik immer mehr schwerverletzte italienische Fans in das Stadioninnere gebracht werden und Menschen sogar vor ihren Augen sterben. Mittendrin ist sie zudem bei den wichtigsten Entscheidungen in der Rolle als Übersetzerin zwischen den zwar mächtigen, aber längst nur noch heillos überforderten Männern, welche die Katastrophe immer weiter eskalieren lassen.
Wie Marie dämmert auch dem belgisch-italienischen Journalisten Luca Rossi (Matteo Simoni) früh, dass dieser Fußballabend kein friedliches Freudenfest wird. Als die Katastrophe ihren Anfang nimmt, kann er für das italienische Radio hautnah Eindrücke der dramatischen Ereignisse liefern, aber auch die Nachrichten der Überlebenden an ihre Familien zu Hause weiterleiten. Zugleich ist er in größter Sorge. Sein kleiner Bruder, sein Vater und sein Onkel waren ebenfalls im von Hooligans gestürmten Block Z – und noch fehlt von ihnen jede Spur ...
In den ersten 15 Minuten hakt Teodora Ana Mihai pflichtbewusst allerlei Faktoren ab, die zur Katastrophe führten. Auf der Pressekonferenz amüsiert sich ein Reporter noch über das veraltete Stadion. Ein anderer spricht die ignorierten Warnungen über englische Hooligans an. Der nächste fragt nach dem unkontrollierten Schwarzmarkt mit gefälschten Tickets. Dazu informieren uns kurze Szenen mit der Polizei darüber, dass zu wenig Personal da ist und die Batterien der Funkgeräte leer sind. Außerdem ist Block Z plötzlich voll mit italienischen Fans, obwohl der Bereich direkt in Nachbarschaft der Liverpool-Anhänger eigentlich für ein neutrales Publikum vorgesehen war.
Man kann solche vorbereitenden Fakten kaum uninspirierter und platter herunterrattern, als es „Heysel 85“ hier macht. Anstatt Informationen organisch in die Handlung einzuflechten, missbrauchen Mihai sowie ihre Co-Autorinnen Lode Desmet und Isabelle Darras die Figuren immer wieder als reine Erklär-Werkzeuge für das Publikum. Auch sonst geht offenbar vor allem darum, möglichst dick aufzutragen – als wäre die eigentliche Tragödie und das Versagen dahinter nicht bereits schrecklich genug, um eine filmische Aufarbeitung zu rechtfertigen.
In der zweiten Hälfte verfolgen wir sich endlos im Kreis drehende Diskussionen der eigentlichen Entscheider, was jetzt zu tun ist. Soll das Fußballspiel trotz der immer weiter steigenden Todeszahlen stattfinden, um die Fans zu beruhigen und noch fatalere Ausschreitungen zu verhindern? Noch mehr Fokus als auf dieses moralische Dilemma legt „Heysel 85“ allerdings darauf, dass die ganzen alten Männer Marie mal wieder über den Mund fahren, wenn sie etwa sagen will. Sie sei nur hier zum Übersetzen und nicht für ihre Meinung. Und am Ende überlagert ohnehin die Figur ihres Vaters das gesamte Geschehen.
Der Bürgermeister wird zu Beginn als großer Zampano dargestellt, der bei der Pressekonferenz niemand anderen sprechen lässt. Er ist der Gastgeber dieses Spiels, er hat das Kommando. Anschließend schickt er seine Tochter quer durchs Stadion, um vom Hausmeister den Schnapsschrankschlüssel (aus dessen Kabuff voller Bilder mit nackten Pin-ups) zu besorgen. Wirklich kein Klischee darf ausgelassen werden. Und während draußen die Menschen elendig krepieren, sitzt er betrunken mit seinem Lieblingswhiskey in der Ecke und schiebt jegliche Verantwortung von sich. Zuständig seien Polizei und Fußballverband, er habe mit all dem nichts zu tun.
Mihai ging es mit ihrem fast in Echtzeit ablaufenden Drama offensichtlich nicht darum, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Sie will nicht der Frage auf den Grund gehen, warum der reale Bürgermeister Hervé Brouhon das Drama ziemlich unbeschadet überstand und sich im Gegensatz zu zwei Polizeichefs sowie dem Generalsekretär des belgischen Fußballverbandes anschließend nicht vor Gericht verantworten musste. Sie möchte nicht ausführen, dass es weniger der Schwarzmarkt als vielmehr ein korrupter UEFA-Offizieller war, der die italienischen Fans in Block Z brachte. Indem sie einen unfähigen und auch noch volltrunkenen Funktionär so stark in den Mittelpunkt rückt, verteilt sie die Verantwortung stattdessen an eine fiktionalisierte Karikatur. Das ist ein Verrat an den Toten.
Da helfen dann auch die eigentlichen Stärken nicht mehr viel. Alte TV-Aufnahmen und private Videos sind wirkungsvoll integriert. Das Spielfilmgeschehen wird visuell so in Szene gesetzt, dass die Bilder auch aus den 1980ern stammen könnten. Immer wieder gibt es wirkungsvolle Momente – wenn zum Beispiel die italienische Radiomoderatorin nichts mehr berichtet, sondern nur noch die kaum leserlichen Notizen von Überlebenden an ihre Familien in der Heimat vorträgt. Zugleich grenzt nicht nur die bereits kritisierte Figur des Bürgermeisters an eine Parodie. Wenn das ZDF als einziger europäischer Sender entscheidet, das tatsächlich noch stattfindende Fußballspiel nicht zu übertragen, bleibt das nicht als Statement im Raum stehen. Es wird stattdessen mit einem (lustig gemeinten???) Spruch garniert, dass man als Deutscher jetzt endlich auch mal auf der richtigen Seite steht.
Fazit: Eine filmische Entgleisung. Trotz wirkungsvoll eingesetzter Archivaufnahmen scheitert „Heysel 85“ an seiner grotesken Überzeichnung und einem Drehbuch, das die historische Tragödie nicht aufarbeitet, sondern mit dem Holzhammer für den maximalen Effekt ausbeutet.
Wir haben „Heysel 85“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Sektion Berlinale Special seine Weltpremiere gefeiert hat.