… und wir leben doch in einer Matrix!
Von Christoph PetersenJacques (Stimme im Original: Alain Chabat) klingelt seinen Freund Bruno (Jonathan Cohen) um 5.52 Uhr morgens aus dem Bett – mit einer Nachricht, die „wichtiger ist als Krebs“. Seine so dringende Erkenntnis: Die Welt ist eine Simulation; nichts und niemand existiert wirklich! Natürlich erregt es Aufsehen, wenn ein etablierter Regisseur auf dem bedeutendsten Filmfestival der Welt plötzlich einen Film präsentiert, der aussieht, als sei er in der Engine eines Spiels für die PlayStation 2 entstanden. Aber bevor wir zu Quentin Dupieux („Smoking Causes Coughing“) und seinem Cannes-Beitrag „Vertiginous“ kommen, möchte ich in diesem Zusammenhang zunächst über etwas schreiben, das mir persönlich besonders am Herzen liegt – nämlich über einen Berliner Maschinenschlosser, der 2002 im Alter von 95 Jahren verstorben ist.
Bruno Sukrow stieß erst im hohen Rentenalter auf ein Computerprogramm, mit dem man die allersimpelsten Animationsfilme auf dem Niveau von Rollenspiel-Zwischensequenzen aus den Neunzigern erstellen konnte. So begann er jenseits der 80, ohne Vorkenntnisse und ganz allein, Animationsfilme zu basteln – vor allem in seinen persönlichen Lieblingsgenres Abenteuer, Horror, Krimi und Science-Fiction. Zunächst ging Sukrow mit den Ergebnissen vor allem seiner eigenen Verwandtschaft auf den Wecker. Doch dann sprach es sich herum und rein zufällig wurden auch erste Kritiker*innen auf die gleichermaßen ambitionslos-amateurhaften und unverblümt-individualistischen Filme aufmerksam. Um es kurz zu machen: Am Ende kamen mehr als 100 Filme zusammen, die zunehmend sogar auf internationalen (Underground-)Filmfestivals begeistert aufgenommen wurden. Einige davon kann man sich auf YouTube ansehen – zum Beispiel diesen hier:
Für Sukrow war das simple Computerprogramm die Möglichkeit, endlich die schon lange in ihm brodelnden Filmideen umzusetzen. Dupieux hingegen feierte nur wenige Tage zuvor bereits mit der Fantasy-Satire „Full Phil“, für die ihm die Hollywoodstars Kristen Stewart und Woody Harrelson zur Verfügung standen, eine weitere Weltpremiere an der Croisette. Wenn er seine Motion-Capture-Aufnahmen also in die Open-Source-3D-Software Blender einspeist, um sie wie ein Retro-Game aussehen zu lassen, dann tut er das vor allem als (Werbe-)Gag. Schließlich gibt es sogenannte Machinima, also in Game-Engines gerenderte Filme, wirklich zuhauf – nur eben im Netz oder auf explizit dafür gedachten Festivals, nicht aber als Abschlussfilm einer Cannes-Sektion.
Für das Festivalpublikum war es schon ein großer Lacher, wenn eine Hand beim Öffnen einer Tür durch das Schloss glitcht oder die Charaktere komisch laufen – fair enough, das ging mir bei meinen ersten Engine-Filmen auch nicht anders. Aber von Dupieux, der – von einem psychopathischen Autoreifen mit telekinetischen Mordfähigkeiten bis zur überdimensionierten Fliege im Kofferraum – mittlerweile zwei bis drei geniale Filmideen pro Jahr umsetzt, hätte man noch mal ein ganz neues Level erwartet. Allein aufgrund der Thematik des Films ergibt die Wahl des Animationsstils Sinn, aber „Vertiginous“ erreicht trotzdem nie das Maß an genialistischem Wahnsinn, das man sich bei diesem Mix aus Form und Regisseur eigentlich erhofft hatte.
Diaphana Distribution
Jacques hat die Sache mit der Simulation beim Pinkeln herausgefunden. Weil die öffentliche Toilette besetzt war, ist er hinter die Büsche geschlichen und hat dort einen Kanaldeckel geöffnet. Im Schacht flog eine Taube auf der Stelle – und selbst wenn er sie anstieß oder woanders hintrug, kehrte sie immer wieder an ihren Ausgangsort zurück. Ein Glitch eben – und inzwischen hat Alain schon 265 Stück davon gesammelt. Man kennt das ja: Wenn einem erst einmal etwas auffällt, sieht man es plötzlich überall! Dupieux schlägt dabei wunderbar über die Stränge.
So zählen zu den Glitches nicht nur sich in Luft auflösende Hundehaufen – sondern auch Leute, die einfach ohne Beine aufrecht in der Gegend „herumstehen“. Statt sich aber noch mehr an solchen Absurditäten zu erfreuen, erzählt Dupieux in seinem nur knapp mehr als eine Stunde dauernden Animations-Debüt auch noch die Geschichte einer fatalen Machthybris, wenn Bruno die Entdeckung ausnutzt, um als Steve-Jobs-Karikatur einen Tech-Konzern aus dem Boden zu stampfen. Das ist alles schön und gut, aber auch ein bisschen platt. Außerdem kommt es genau wie die Idee, eine Retro-Game-Engine für einen Film zu nutzen, eigentlich ein gutes Jahrzehnt zu spät.
Fazit: Eine weitere vergnügliche, nur 67 Minuten lange Fingerübung von Vielfilmer Quentin Dupieux – nur tobt er sich mit dem per Open-Source-3D-Software erstellten „Vertiginous“ diesmal in einem Metier aus, in dem andere schon mit weniger mehr geschaffen haben.
Wir haben „Vertiginous“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er als Abschlussfilm der Reihe Quinzaine Des Cinéastes seine Weltpremiere gefeiert hat.